Über­bau – und der Abriss des Stammgebäudes

Bei einem zu dul­den­den Über­bau führt der voll­stän­di­ge Abbruch des Gebäu­des auf dem Stamm­grund­stück „nur“ dazu, dass die Dul­dungs­pflicht des Nach­barn ent­fällt. Dage­gen bleibt die eigen­tums­recht­li­che Zuord­nung des auf dem Nach­bar­grund­stück befind­li­chen Gebäu­de­teils zum Stamm­grund­stück unver­än­dert1.

Über­bau – und der Abriss des Stammgebäudes

Der Abbruch des auf dem Stamm­grund­stück befind­li­chen Teils eines auf das Nach­bar­grund­stück über­ge­bau­ten Gebäu­des führt aller­dings dazu, dass die Vor­schrif­ten über die Ver­pflich­tung zur Dul­dung eines ent­schul­dig­ten bzw. recht­mä­ßi­gen Über­baus ihren Zweck nicht mehr erfül­len kön­nen. Mit dem Abbruch des Gebäu­des auf dem Stamm­grund­stück wird näm­lich der in dem Gebäu­de ver­kör­per­te wirt­schaft­li­che Wert besei­tigt, der vor einer Zer­schla­gung geschützt wer­den soll und die Dul­dungs­pflicht des Nach­barn nach oder ana­log § 912 Abs. 1 BGB rechtfertigt.

Bei einem zu dul­den­den Über­bau hat der voll­stän­di­ge Abbruch des Gebäu­des auf dem Stamm­grund­stück indes­sen „nur“ zur Fol­ge, dass die Dul­dungs­pflicht des Nach­barn ent­fällt. Dage­gen bleibt die eigen­tums­recht­li­che Zuord­nung des auf dem Nach­bar­grund­stück befind­li­chen Gebäu­de­teils zum Stamm­grund­stück unver­än­dert2.

Das gilt auch für Über­bau­un­gen, die – wie hier im Bei­tritts­ge­biet unter Gel­tung von § 320 ZGB vor­ge­nom­men wor­den sind. Die eigen­tums­recht­li­che Zuord­nung des Gebäu­des auf dem über­bau­ten Grund­stück nach dem Zivil­ge­setz­buch der DDR ent­spricht der des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs3.

Die dar­ge­stell­te Recht­spre­chung hat, soweit die hier zu beur­tei­len­de Kon­stel­la­ti­on des Abbruchs des Gebäu­des auf dem Stamm­grund­stück über­haupt erör­tert wird, Zustim­mung gefun­den4. Grün­de, von ihr abzu­ge­hen, sieht der Bun­des­ge­richts­hof nicht. Der vor­lie­gen­de Fall ist im Gegen­teil ein Beleg dafür, dass sie sach­ge­recht ist. Nur bei Annah­me des Fort­be­stands der sachen­recht­li­chen Zuord­nung des Über­baus zum Stamm­grund­stück ist gesi­chert, dass der Eigen­tü­mer die­ses Grund­stücks für den erfor­der­li­chen Abbruch des Über­baus auf dem über­bau­ten Grund­stück ver­ant­wort­lich ist und sich die­ser Ver­ant­wor­tung nicht durch den Abbruch allein des Gebäu­des auf dem Stamm­grund­stück ent­zie­hen kann. Zugleich ist gewähr­leis­tet, dass der Eigen­tü­mer des Stamm­grund­stücks sein Inter­es­se an der Besei­ti­gung der Über­bau­res­te auf dem Nach­bar­grund­stück ver­wirk­li­chen kann (§ 903 BGB).

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Die Nach­ba­rin kann dem Her­aus­ga­be­an­spruch der Grund­stücks­ei­gen­tü­me­rin kein Recht ent­ge­gen­hal­ten, das sie nach § 986 BGB zum Besitz des Gebäu­de­rests auf dem Grund­stück der GbR berechtigt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Juli 2020 – V ZR 156/​19

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 17.01.2014 – V ZR 292/​12, NJW-RR 2014, 973 Rn. 24 und Urteil vom 16.01.2004 – V ZR 243/​03, BGHZ 157, 301, 305 f.[]
  2. BGH, Urteil vom 17.01.2014 – V ZR 292/​12, NJW-RR 2014, 973 Rn. 24 für einen ent­schul­dig­ten Über­bau sowie BGH, Urteil vom 16.01.2004 – V ZR 243/​03, BGHZ 157, 301, 305 f. für einen gestat­te­ten Über­bau[]
  3. BGH, Urteil vom 12.04.2019 – V ZR 51/​18, ZOV 2019, 68 Rn.19[]
  4. Beck­OK-BGB/­Fritz­sche, [1.05.2020] § 94 Rn. 13; Münch­Komm-BGB/­Brück­ner, 8. Aufl., § 912 Rn. 29; Palandt/​Herrler, BGB, 79. Aufl., § 912 Rn. 12; Staudinger/​Stieper, BGB [2017] § 94 Rn. 13; für recht­mä­ßi­gen Über­bau auch: Erman/​Lorenz, BGB, 15. Aufl., § 912 Rn. 9b[]

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