Über­bau und Ver­jäh­rung

Der Anspruch des Eigen­tü­mers nach § 985 BGB auf Her­aus­ga­be des unrecht­mä­ßig und unent­schul­digt über­bau­ten Teils sei­nes Grund­stücks hängt nicht von der Durch­setz­bar­keit sei­nes Anspruchs nach § 1004 Abs. 1 Satz 1 BGB auf Besei­ti­gung des Über­baus ab.

Über­bau und Ver­jäh­rung

Ver­jäh­rung des Besei­ti­gungs­an­spruchs

Die Abwehr­an­sprü­che nach § 1004 Abs. 1 BGB auf Besei­ti­gung des Über­baus ver­jäh­ren nach dem Bür­ger­li­chen Gesetz­buch grund­sätz­lich in der regel­mä­ßi­gen Ver­jäh­rungs­frist nach § 195 BGB von drei Jah­ren. Die 30jährige Frist in § 197 Abs. 1 Nr. 1 BGB gilt nur für die Ansprü­che auf Her­aus­ga­be aus Eigen­tum (§ 985 BGB) und ande­ren ding­li­chen Rech­ten, jedoch nicht für die Abwehr­an­sprü­che nach § 1004 BGB 1.

Der Ver­jäh­rung unter­liegt auch der Anspruch des im Grund­buch ein­ge­tra­ge­nen Eigen­tü­mers auf Abwehr von Stö­run­gen in der Aus­übung sei­ner Befug­nis­se. Die Vor­schrift des § 902 Abs. 1 Satz 1 BGB, nach der Ansprü­che aus ein­ge­tra­ge­nen Rech­ten nicht ver­jäh­ren, ist auf den gel­tend gemach­ten Anspruch nicht anzu­wen­den. Dies ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 2. § 902 Abs. 1 Satz 1 BGB erfasst nur die der Ver­wirk­li­chung des ein­ge­tra­ge­nen Rechts, jedoch nicht die der Abwehr von Stö­run­gen bei des­sen Aus­übung die­nen­den Ansprü­che 3.

An die­ser Recht­spre­chung wird auch unter Berück­sich­ti­gung der im Schrift­tum 4 vor­ge­brach­ten Ein­wän­de fest­ge­hal­ten.

Nichts ande­res gilt, wenn die Besei­ti­gung eines Über­baus des Nach­barn Gegen­stand des Anspruchs nach § 1004 Abs. 1 BGB ist. Die­ser Anspruch des Eigen­tü­mers gegen den über­bau­en­den Nach­barn ist kei­ne unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung für die Ver­wirk­li­chung des ding­li­chen Wesen­ge­halts des ein­ge­tra­ge­nen Eigen­tums­rechts am über­bau­ten Grund­stück. Die Befug­nis­se des Eigen­tü­mers nach § 903 BGB sind nicht aus­ge­schlos­sen, wenn der Eigen­tü­mer den Anspruch auf Besei­ti­gung des von ihm nicht nach § 912 Abs. 1 BGB zu dul­den­den Über­baus gegen den über­bau­en­den Nach­barn nach abge­lau­fe­ner Ver­jäh­rungs­frist nicht mehr durch­zu­set­zen ver­mag.

Dem über­bau­en­den Nach­barn steht auch kein Recht zum Besitz nach § 986 BGB an dem über­bau­ten Teil des Grund­stücks zu 5. Der auf dem Grund­stück des Eigen­tü­mers errich­te­te Teil des Gebäu­des des Nach­barn ist über­dies nach § 94 Abs. 1 Satz 1 BGB ein wesent­li­cher Bestand­teil des über­bau­ten Grund­stücks 6, mit dem der Eigen­tü­mer gemäß § 903 BGB grund­sätz­lich nach sei­nem Belie­ben ver­fah­ren kann.

Dem Eigen­tü­mer ver­blei­ben auch nach der Ver­jäh­rung des Besei­ti­gungs­an­spruchs der nicht der Ver­jäh­rung unter­lie­gen­de Anspruch auf Her­aus­ga­be nach § 985 BGB und die Ansprü­che auf die durch den Nach­barn auf Grund des Über­baus gezo­ge­nen Nut­zun­gen nach §§ 987, 988 BGB 7. Er hat ledig­lich die Aus­übung des Weg­nah­me­rechts des Nach­barn nach §§ 997, 258 BGB zu dul­den 8. Der Nach­teil für den Eigen­tü­mer, der den Anspruch auf Besei­ti­gung des Über­baus nach § 1004 Abs. 1 BGB ver­jäh­ren lässt, besteht im Wesent­li­chen dar­in, dass er, wenn er den über­bau­ten Teil des Grund­stücks anders nut­zen will und der Nach­bar sein Weg­nah­me­recht nicht aus­übt, selbst den auf sei­nem Grund­stück befind­li­chen Teil des Gebäu­des abzu­rei­ßen hat 9. Die Fol­gen der Ver­jäh­rung des Besei­ti­gungs­an­spruchs rei­chen daher nicht wei­ter als die der Ver­jäh­rung eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs.

Her­aus­ga­be­an­spruch

Von die­sem Anspruch auf Besei­ti­gung des Über­baus zu unter­schei­den ist der Anspruch auf Her­aus­ga­be des über­bau­ten Grund­stücks­teils nach § 985 BGB.

Der Anspruch auf Her­aus­ga­be des über­bau­ten Teils des Grund­stücks hängt nicht von der Durch­setz­bar­keit des Anspruchs auf Besei­ti­gung ab. Die Her­aus­ga­be des über­bau­ten Teils des Grund­stücks kann der Eigen­tü­mer auch dann ver­lan­gen, wenn der Über­bau nicht ent­fernt wird 10. Bei einem rechts­wid­ri­gen, nicht ent­schul­dig­ten Über­bau ste­hen die Ansprü­che auf Besei­ti­gung des Über­baus nach § 1004 Abs. 1 BGB und auf Her­aus­ga­be der über­bau­ten Flä­che nach § 985 BGB in Anspruchs­kon­kur­renz neben­ein­an­der 11.

Der Her­aus­ga­be­an­spruch nach § 985 BGB beschränkt sich aller­dings dar­auf, dass der Nach­bar sei­nen Besitz an dem Über­bau auf­gibt und dem Eigen­tü­mer den Besitz an dem auf sei­nem Grund­stück ste­hen­den Teil des Gebäu­des über­lässt 12. Die über die Über­tra­gung des Besit­zes hin­aus­ge­hen­de Ent­fer­nung der von dem Besit­zer errich­te­ten Bau­wer­ke oder Bau­werks­tei­le (Räu­mung) ist nicht Inhalt des Her­aus­ga­be­an­spruchs nach § 985 BGB, son­dern des Besei­ti­gungs­an­spruchs nach § 1004 Abs. 1 BGB 13.

Der Her­aus­ga­be­an­spruch des Eigen­tü­mers aus sei­nem im Grund­buch ein­ge­tra­ge­nen Eigen­tums­recht ist nicht ver­jährt. Der Her­aus­ga­be­an­spruch nach § 985 BGB gehört zu den in § 902 Abs. 1 Satz 1 BGB bezeich­ne­ten Ansprü­chen 14. Die Ver­jäh­rung des Her­aus­ga­be­an­spruchs lie­ße ein aller Befug­nis­se ent­klei­de­tes Recht zurück und führ­te zu einem dau­ern­den Wider­spruch zwi­schen der Grund­buch­ein­tra­gung und dem Besitz, der auch nicht durch eine Ersit­zung nach § 900 Abs. 1 BGB beho­ben wer­den könn­te 15.

Eine Ver­jäh­rung konn­te auch nicht in der Zeit vom 1. Janu­ar 1976 bis zum 3. Okto­ber 1990 ein­tre­ten, da der Her­aus­ga­be­an­spruch aus dem Eigen­tum (des in der sei­ner­zei­ti­gen DDR bele­ge­nen Grund­stücks) nach § 33 Abs. 2 Satz 1 ZGB eben­falls zu den nach § 479 Abs. 1 Satz 1 ZGB nicht ver­jäh­ren­den Ansprü­chen aus den im Grund­buch ein­ge­tra­ge­nen Rech­ten gehör­te 14.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Janu­ar 2011 – V ZR 147/​10

  1. BT-Drucks. 16/​6040, S. 105 f.; Bamberger/​Roth/​Heinrich, BGB, 2. Aufl., § 197 Rn. 7; Erman/­Schmidt-Räntsch, BGB, 12. Aufl., § 197 Rn. 5; Palandt/​Ellenberger, BGB, 70. Aufl., § 197 Rn. 3[]
  2. BGH, Urtei­le vom 23.02.1973 – V ZR 109/​71, BGHZ 60, 235, 239; vom 22.06.1990 – V ZR 3/​89, NJW 1990, 2555, 2556; vom 01.02.1994 – V ZR 229/​92, BGHZ 125, 56, 63; vom 07.07.2000 – V ZR 287/​99, WM 2000, 2054, 2055; vom 12.12.2003 – V ZR 98/​03, NJW 2004, 1035, 1036; vom 16.03.2007 – V ZR 190/​06, NJW 2007, 2183, 2184; und vom 18.09.1986 – III ZR 227/​84, BGHZ 98, 235, 241[]
  3. BGH, Urteil vom 22.10.2010 – V ZR 43/​10, Rn. 19[]
  4. vgl. Picker, JuS 1974, 357, 358; Soergel/​Münch, BGB, 13. Aufl., § 1004 Rn. 317; Staudinger/​Gursky, BGB, [2008], § 902 Rn. 9 und [2006], § 1004 Rn. 201 mwN; Vol­mer, ZfIR 1999, 86, 87; Wil­helm, Sachen­recht, 4. Aufl., Rn. 1180[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 30.04.1958 – V ZR 215/​56, BGHZ 27, 204, 206[]
  6. BGH, Urtei­le vom 30.04.1958 – V ZR 215/​56, BGHZ 27, 204, 208, vom 22.02.1974 – V ZR 103/​73, BGHZ 62, 141, 143; und vom 22.05.1981 – V ZR 102/​80, NJW 1982, 756[]
  7. BGH, Urteil vom 30.04.1958 – V ZR 215/​56, BGHZ 27, 204, 209[]
  8. BGH, Urteil vom 26.02.1964 – V ZR 105/​61, BGHZ 41, 157, 164[]
  9. inso­fern zutref­fend LG Tübin­gen, NJW-RR 1990, 338, 339[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 16.01.2004 – V ZR 243/​03, BGHZ 157, 301, 306[]
  11. vgl. Erman/​Lorenz, BGB, 12. Aufl., § 912 Rn. 10; HK-BGB/Stau­din­ger, 6. Aufl., § 912 Rn. 3; NK-BGB/­Ring, 2. Aufl., § 912 Rn. 75; Staudinger/​Roth, BGB [2009], § 912 Rn. 74[]
  12. BGH, Urteil vom 16.01.2004 – V ZR 243/​03, aaO[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 16.03.2007 – V ZR 190/​06, WM 2007, 1940, 1941 Rn. 14; NK-BGB-Schan­ba­cher, 2. Aufl., § 985 Rn. 43; Staudinger/​Gursky, BGB [2006], § 985 Rn. 65[]
  14. BGH, Urtei­le vom 07.07.2000 – V ZR 287/​99, WM 2000, 2054; und vom 16.03.2007 – V ZR 190/​06, WM 2007, 1940 Rn. 7[][]
  15. vgl. BGH, vom 16.03.2007 – V ZR 190/​06, WM 2007, 1940, 1941 Rn. 10[]