Über­be­schleu­ni­gung in Arzt­haf­tungs­sa­chen

In Arzt­haf­tungs­sa­chen kann ein Ver­stoß gegen das ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ver­bot einer „Über­be­schleu­ni­gung” ins­be­son­de­re dann vor­lie­gen, wenn das als ver­spä­tet zurück­ge­wie­se­ne Ver­tei­di­gungs­vor­brin­gen ein – in der Regel schrift­li­ches – Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ver­an­lasst hät­te, die­ses Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten aber in der Zeit zwi­schen dem Ende der Ein­spruchs­be­grün­dungs­frist und der dar­auf fol­gen­den münd­li­chen Ver­hand­lung ohne­hin nicht hät­te ein­ge­holt wer­den kön­nen.

Über­be­schleu­ni­gung in Arzt­haf­tungs­sa­chen

Die auf die Ver­säu­mung der Ein­spruchs­frist gestütz­te Zurück­wei­sung ver­stößt in einem sol­chen Fall gegen das ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ver­bot einer ohne wei­te­res erkenn­ba­ren „Über­be­schleu­ni­gung” ver­stößt, wonach ein ver­spä­te­tes Vor­brin­gen nicht aus­ge­schlos­sen wer­den darf, wenn offen­kun­dig ist, dass die­sel­be Ver­zö­ge­rung auch bei recht­zei­ti­gem Vor­trag ein­ge­tre­ten wäre1.

Die zivil­pro­zes­sua­len Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten haben im Blick auf Art. 103 Abs. 1 GG stren­gen Aus­nah­me­cha­rak­ter, weil sie sich zwangs­läu­fig nach­tei­lig auf das Bemü­hen um eine mate­ri­ell rich­ti­ge Ent­schei­dung aus­wir­ken und ein­schnei­den­de Fol­gen für die säu­mi­ge Par­tei nach sich zie­hen. Ihre Anwen­dung steht unter dem beson­de­ren Gebot der Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit2. Allein der mit der Prä­k­lu­si­on ver­folg­te Zweck einer Abwehr pflicht­wid­ri­ger Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen durch die Par­tei­en recht­fer­tigt ver­fas­sungs­recht­lich die Ein­schrän­kung des Pro­zess­grund­rechts auf recht­li­ches Gehör3.

Soll die Bestim­mung des § 296 Abs. 1 ZPO ihre vor­ge­se­he­ne Auf­ga­be wirk­sam erfül­len, so muss sie klar und gege­be­nen­falls auch streng gehand­habt wer­den. Der Bun­des­ge­richts­hof ver­tritt des­halb in stän­di­ger Recht­spre­chung die Ansicht, dass es für die Fest­stel­lung einer Ver­zö­ge­rung des Rechts­streits allein dar­auf ankommt, ob der Pro­zess bei Zulas­sung des ver­spä­te­ten Vor­brin­gens län­ger dau­ern wür­de als bei des­sen Zurück­wei­sung. Dage­gen ist es grund­sätz­lich uner­heb­lich, ob der Rechts­streit bei recht­zei­ti­gem Vor­brin­gen eben­so lan­ge gedau­ert hät­te. Das Gericht ist aller­dings ver­pflich­tet, die Ver­spä­tung durch zumut­ba­re Vor­be­rei­tungs­maß­nah­men gemäß § 273 ZPO so weit wie mög­lich aus­zu­glei­chen und dadurch eine dro­hen­de Ver­zö­ge­rung abzu­wen­den4.

Die Anwen­dung die­ses soge­nann­ten abso­lu­ten Ver­zö­ge­rungs­be­griffs ist grund­sätz­lich mit dem Anspruch auf recht­li­ches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG ver­ein­bar5. Die Zuläs­sig­keit einer Prä­k­lu­si­on wird ver­fas­sungs­recht­lich aller­dings bedenk­lich, wenn sich ohne wei­te­re Erwä­gun­gen auf­drängt, dass die­sel­be Ver­zö­ge­rung auch bei recht­zei­ti­gem Vor­brin­gen ein­ge­tre­ten wäre. Einer­seits kann es nicht Sinn der der Beschleu­ni­gung die­nen­den Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten sein, das Gericht mit schwie­ri­gen Pro­gno­sen über hypo­the­ti­sche Kau­sal­ver­läu­fe zu belas­ten und damit wei­te­re Ver­zö­ge­run­gen zu bewir­ken; die­se Vor­schrif­ten dür­fen aber ande­rer­seits auch nicht dazu benutzt wer­den, ver­spä­te­tes Vor­brin­gen aus­zu­schlie­ßen, wenn ohne jeden Auf­wand erkenn­bar ist, dass die Pflicht­wid­rig­keit – die Ver­spä­tung allein – nicht kau­sal für eine Ver­zö­ge­rung ist. In die­sen Fäl­len ist die Prä­k­lu­si­on rechts­miss­bräuch­lich; denn sie dient erkenn­bar nicht dem mit ihr ver­folg­ten Zweck. Da aber allein die­ser Zweck, die Abwehr pflicht­wid­ri­ger Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen, die Ein­schrän­kung des Anspruchs auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs ver­fas­sungs­recht­lich recht­fer­tigt, liegt in einem sol­chen Rechts­miss­brauch zugleich ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG6. Durch die Vor­schrif­ten über die Zurück­wei­sung ver­spä­te­ten Vor­brin­gens soll nicht die pro­zes­sua­le Nach­läs­sig­keit einer Par­tei als sol­che sank­tio­niert wer­den, und schon gar nicht soll die Anwen­dung die­ser Vor­schrif­ten dem Gericht die Mühe einer der Sache nach gebo­te­nen sorg­fäl­ti­gen Sach­ver­halts­auf­klä­rung erspa­ren7. Gera­de in Fäl­len, in denen ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ein­ge­holt wer­den müss­te, stellt sich des­halb die Fra­ge, ob die­sel­be Ver­zö­ge­rung – offen­kun­dig – nicht auch bei recht­zei­ti­gem Vor­brin­gen ein­ge­tre­ten wäre und einer Zurück­wei­sung des neu­en Vor­brin­gens das ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ver­bot einer Über­be­schleu­ni­gung ent­ge­gen­steht8.

Nach die­sen Grund­sät­zen hat das Land­ge­richt das Beklag­ten­vor­brin­gen rechts­feh­ler­haft des­we­gen zurück­ge­wie­sen, weil er sei­ne Ver­tei­di­gungs­mit­tel nicht inner­halb der Ein­spruchs­frist vor­ge­bracht hat. Nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen drängt sich ohne wei­te­re Erwä­gun­gen auf, dass eine durch den Beklag­ten­vor­trag ver­ur­sach­te Ver­zö­ge­rung auch bei recht­zei­ti­gem Vor­brin­gen inner­halb der Ein­spruchs­frist ein­ge­tre­ten wäre.

Danach fand der Ein­spruchs­ter­min, in dem die Beklag­te ihre Ein­wen­dun­gen vor­ge­bracht hat, weni­ger als drei Wochen nach dem Ablauf der Ein­spruchs­frist statt. Arzt­haf­tungs­pro­zes­se sind in aller Regel nicht ohne sach­ver­stän­di­ge Bera­tung zu ent­schei­den9. Dem­ge­mäß ist das Land­ge­richt selbst davon aus­ge­gan­gen, dass es bei Berück­sich­ti­gung des Beklag­ten­vor­brin­gens ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten hät­te ein­ho­len müs­sen. Des­sen Ein­ho­lung war aber offen­kun­dig in der kur­zen Zeit zwi­schen dem Ablauf der Ein­spruchs­frist und dem Ein­spruchs­ter­min nicht mög­lich10. Fol­ge­rich­tig hat das Land­ge­richt nicht fest­ge­stellt, wel­che Ver­zö­ge­rung die Ver­säu­mung der Ein­spruchs­frist unter die­sen Umstän­den gegen­über einem Vor­brin­gen inner­halb der Ein­spruchs­frist ver­ur­sacht haben soll. Auch das Beru­fungs­ge­richt hat dazu ledig­lich aus­ge­führt, dass die Ver­zö­ge­rung „mög­li­cher­wei­se” auch dann nicht ver­meid­bar gewe­sen wäre, wenn die Beklag­te ihre Ein­wen­dun­gen in der Ein­spruchs­frist vor­ge­bracht hät­te.

Die Revi­si­on rügt mit­hin zu Recht, dass durch die Ver­säu­mung der Ein­spruchs­frist kei­ne Ver­zö­ge­rung gegen­über ihrer Ein­hal­tung ein­ge­tre­ten ist und die dar­auf gestütz­te Zurück­wei­sung des Vor­brin­gens der Beklag­ten mit der Begrün­dung des Land­ge­richts gegen das ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ver­bot einer „Über­be­schleu­ni­gung” ver­stößt und ihren Anspruch auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) ver­letzt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Juli 2012 – VI ZR 120/​11

  1. vgl. BVerfGE 75, 302, 316; Zöller/​Greger, ZPO, 29. Aufl., § 296 Rn. 22; Lei­pold in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 296 Rn. 64, 66
  2. vgl. BGH, Urteil vom 22.05.2001 – VI ZR 268/​00, VersR 2002, 120, 121; BGH, Urteil vom 05.03.1990 – II ZR 109/​89, NJW 1990, 2389, 2390; BVerfGE 75, 302, 312; BVerfG, Beschlüs­se vom 26.08.1988 – 2 BvR 1437/​87, NJW 1989, 706; vom 09.05.2003 – 1 BvR 2190/​00, juris Rn. 10 mwN
  3. BVerfG, Beschluss vom 26.08.1988, aaO
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.07.1979 – VII ZR 284/​78, BGHZ 75, 138, 141 ff.; vom 31.01.1980 – VII ZR 96/​79, BGHZ 76, 133, 135 f.; vom 13.03.1980 – VII ZR 147/​79, BGHZ 76, 236, 239; vom 26.03.1982 – V ZR 149/​81, BGHZ 83, 310, 313; vom 02.12.1982 – VII ZR 71/​82, BGHZ 86, 31, 34 ff. mwN; vom 19.10.1988 – VIII ZR 298/​87, NJW 1989, 719, 720
  5. vgl. BVerfGE 75, 302, 316; BVerfG, NJW 1992, 679, 680
  6. BVerfGE 75, 302, 316 f.; BVerfG, NJW 1995, 1417; BGH, Urteil vom 09.06.2005 – VII ZR 43/​04, NJW-RR 2005, 1296, 1297; Beschluss vom 10.02.2011 – VII ZR 155/​09, NJW-RR 2011, 526 Rn. 7; Dep­penk­em­per in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 3. Aufl., § 296 Rn. 15; Zöller/​Greger, aaO; Musielak/​Huber, ZPO, 9. Aufl., § 296 Rn. 17; Lei­pold in Stein/​Jonas, aaO Rn. 66 ff.; Münch­Komm-ZPO/Prüt­ting, 4. Aufl., § 296 Rn. 81 f.; HkZPO/​Saenger, 4. Aufl., § 296 Rn.19
  7. vgl. BGH, Urteil vom 21.10.1986 – VI ZR 107/​86, BGHZ 98, 368, 374
  8. vgl. OLG Dres­den, NJW-RR 1999, 214, 215; OLG Cel­le, BauR 2000, 1900, 1901; OLG Naum­burg, VersR 2005, 1099, 1100; OLG Düs­sel­dorf, GesR 2011, 668, 670; Musielak/​Huber, aaO, Rn. 18; Lei­pold in Stein/​Jonas, aaO, Rn. 68
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.10.1986 – VI ZR 107/​86, aaO, 373; vom 29.11.1994 – VI ZR 189/​93, VersR 1995, 659, 660; vom 15.07.2003 – VI ZR 203/​02, VersR 2003, 1541, 1542; Beschluss vom 28.03.2008 – VI ZR 57/​07, GesR 2008, 361
  10. vgl. zu einem denk­ba­ren zeit­li­chen Ablauf in einem Arzt­haf­tungs­pro­zess OLG Düs­sel­dorf, GesR 2011, 668, 670