Über­schrift zur Wider­rufs­be­leh­rung

Eine Wider­rufs­be­leh­rung mit dem ein­lei­ten­den Satz „Ver­brau­cher haben das fol­gen­de Wider­rufs­recht“ ver­stößt nicht gegen das Deut­lich­keits­ge­bot gemäß § 312c Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 246 § 1 Abs. 1 Nr. 10 EGBGB. Der Unter­neh­mer braucht nicht zu prü­fen, ob die Adres­sa­ten der Wider­rufs­be­leh­rung Ver­brau­cher oder Unter­neh­mer sind, da ihm eine sol­che Prü­fung bei einem Fern­ab­satz­ge­schäft häu­fig nicht mög­lich ist.

Über­schrift zur Wider­rufs­be­leh­rung

Nach § 312c Abs. 1 Satz 1 BGB aF in Ver­bin­dung mit § 1 Abs. 1 Nr. 10 BGBInfoV resp. § 312c Abs. 1 Satz 1 BGB nF in Ver­bin­dung mit Art. 246 § 1 Abs. 1 Nr. 10 EGBGB nF muss der Unter­neh­mer den Ver­brau­cher bei Fern­ab­satz­ver­trä­gen recht­zei­tig vor Abga­be von des­sen Ver­trags­er­klä­rung in einer dem ein­ge­setz­ten Fern­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ent­spre­chen­den Wei­se klar und ver­ständ­lich über das Bestehen oder Nicht­be­stehen eines Wider­rufs- oder Rück­ga­be­rechts sowie die Bedin­gun­gen, Ein­zel­hei­ten der Aus­übung, ins­be­son­de­re den Namen und die Anschrift des­je­ni­gen, gegen­über dem der Wider­ruf zu erklä­ren ist, und die Rechts­fol­gen des Wider­rufs oder der Rück­ga­be ein­schließ­lich Infor­ma­tio­nen über den Betrag, den der Ver­brau­cher im Fall des Wider­rufs oder der Rück­ga­be gemäß § 357 Abs. 1 BGB für die erbrach­te Dienst­leis­tung zu zah­len hat, unter­rich­ten. Nach der bis 2010 gel­ten­den Rege­lung in § 1 Abs. 4 Satz 2 BGBInfoV konn­te der Unter­neh­mer sei­ne Infor­ma­ti­ons­pflich­ten über das Wider­rufs­recht dadurch erfül­len, dass er das in § 14 BGBInfoV für die Beleh­rung über das Wider­rufs- und Rück­ga­be­recht bestimm­te Mus­ter der Anla­ge 2 in Text­form ver­wen­de­te. Eine ent­spre­chen­de Rege­lung ent­hält aber auch das neue Recht: Gemäß Art. 246 § 2 Abs. 3 EGBGB genügt die dem Ver­brau­cher mit­zu­tei­len­de Wider­rufs­be­leh­rung den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen, wenn das Mus­ter der Anla­ge 1 zum Ein­füh­rungs­ge­setz zum Bür­ger­li­chen Gesetz­buch in Text­form ver­wen­det wird.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ent­spricht die auf der Inter­net­sei­te des Klä­gers abruf­ba­re Wider­rufs­be­leh­rung der Mus­ter­be­leh­rung gemäß Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGBInfoV und damit zumin­dest inhalt­lich auch der Mus­ter­be­leh­rung gemäß Anla­ge 1 zu Art. 246 § 2 Abs. 3 EGBGB nF. Der Text der Wider­rufs­be­leh­rung ist aller­dings mit dem Satz „Ver­brau­cher haben das fol­gen­de gesetz­li­che Wider­rufs­recht“ über­schrie­ben. Aller­dings hat die­ser Umstand die inhalt­lich den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spre­chen­de Beleh­rung nicht unklar und miss­ver­ständ­lich wer­den las­sen.

Die bean­stan­de­te Über­schrift hat bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob die ver­wand­te Wider­rufs­be­leh­rung dem Deut­lich­keits­ge­bot gemäß § 312c Abs. 1 Satz 1, § 355 Abs. 2 Satz 1 BGB aF, Art. 246 § 1 Abs. 1 Nr. 10 EGBGB nF genügt, außer Betracht zu blei­ben.

Das Wider­rufs­recht bei Fern­ab­satz­ver­trä­gen (§ 312d BGB) bezweckt den Schutz des Ver­brau­chers. Eben­so wie die Infor­ma­ti­ons­pflich­ten gemäß § 312c Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 246 §§ 1 und 2 EGBGB nF soll es die typi­schen Defi­zi­te aus­glei­chen, die beim Ver­trieb von Waren und Dienst­leis­tun­gen im Fern­ab­satz ent­ste­hen. Der Ver­brau­cher hat bei einem Fern­ab­satz­ge­schäft vor Ver­trags­schluss kei­ne Mög­lich­keit, sich die in Aus­sicht genom­me­ne Ware in einem Laden­ge­schäft anzu­se­hen oder sie gar näher auf ihre Funk­ti­ons­taug­lich­keit und wei­te­re Eigen­schaf­ten zu unter­su­chen [1]. Daher soll es ihm ermög­licht wer­den, sich unab­hän­gig vom Vor­lie­gen eines Sach­man­gels oder Anfech­tungs­grun­des von einem wirk­sam geschlos­se­nen Ver­trag wie­der zu lösen. Die Infor­ma­ti­ons­pflich­ten gemäß § 312c Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 246 §§ 1 und 2 EGBGB nF und das Wider­rufs- und Rück­ga­be­recht nach § 312d BGB bil­den eine Ein­heit zum Schutz des Ver­brau­chers vor Über­rum­pe­lung [2]. Wegen der gro­ßen Bedeu­tung des Wider­rufs­rechts für den Ver­brau­cher bei einem Fern­ab­satz­ge­schäft schreibt Art. 246 § 1 Abs. 1 Nr. 10 EGBGB aus­drück­lich vor, dass der Unter­neh­mer den Ver­brau­cher recht­zei­tig vor Ver­trags­schluss in einer dem ein­ge­setz­ten Fern­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ent­spre­chen­den Wei­se klar und ver­ständ­lich über die­ses Recht und sei­ne Ein­zel­hei­ten infor­mie­ren muss.

Die­ser gesetz­li­chen Vor­ga­be genügt die vor­lie­gend auf der Inter­net­sei­te ver­wand­te Wider­rufs­be­leh­rung. Sie ent­spricht inhalt­lich der Mus­ter­be­leh­rung nach Anla­ge 2 zu § 14 Abs. 1 und 3 BGBInfoV (jetzt Anla­ge 1 zu Art. 246 § 2 Abs. 3 Satz 1 EGBGB) und genügt damit nach § 14 Abs. 1 BGBInfoV den Anfor­de­run­gen des § 355 Abs. 2 BGB aF. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on ist die hin­rei­chen­de Klar­heit und Deut­lich­keit der Wider­rufs­be­leh­rung nicht dadurch besei­tigt wor­den, dass der Klä­ger ihr die Über­schrift „Ver­brau­cher haben das fol­gen­de gesetz­li­che Wider­rufs­recht“ vor­an­ge­stellt hat.

Der Ver­brau­cher soll durch die Beleh­rung gemäß § 312c Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 246 § 1 Abs. 1 Nr. 10 EGBGB nicht nur von sei­nem Wider­rufs­recht Kennt­nis erlan­gen, son­dern auch in die Lage ver­setzt wer­den, die­ses aus­zu­üben. Um die vom Gesetz bezweck­te Ver­deut­li­chung des Rechts zum Wider­ruf nicht zu beein­träch­ti­gen, darf die Wider­rufs­be­leh­rung grund­sätz­lich kei­ne ande­ren Erklä­run­gen ent­hal­ten. Dies kommt dar­in zum Aus­druck, dass Art. 246 § 1 Abs. 1 Nr. 10 EGBGB nF (nach altem Recht § 1 Abs. 1 Nr. 10 BGBInfoV) eine Gestal­tung der Beleh­rung ver­langt, die dem Ver­brau­cher sei­ne Rech­te klar und deut­lich macht [3]. Die­se Rege­lung schließt nicht schlecht­hin jeg­li­chen Zusatz zur Beleh­rung aus. Ihrem Zweck ent­spre­chend sind Ergän­zun­gen als zuläs­sig anzu­se­hen, die ihren Inhalt ver­deut­li­chen. Nicht hier­zu zäh­len jedoch Erklä­run­gen, die einen eige­nen Inhalt auf­wei­sen und weder für das Ver­ständ­nis noch für die Wirk­sam­keit der Wider­rufs­be­leh­rung von Bedeu­tung sind und die des­halb von ihr ablen­ken [4].

Die bean­stan­de­te Über­schrift ändert schon des­halb inhalt­lich nichts an der dem gesetz­li­chen Mus­ter ent­spre­chen­den Wider­rufs­be­leh­rung, weil sie sich außer­halb des eigent­li­chen Tex­tes der Beleh­rung befin­det. Die Über­schrift ist nicht Teil der Wider­rufs­be­leh­rung selbst. Dar­in unter­schei­det sich der Streit­fall von dem Sach­ver­halt, über den der Bun­des­ge­richts­hof mit Urteil vom 4. Juli 2002 ent­schie­den hat [5]. Dort wur­de der Text der Wider­rufs­be­leh­rung selbst ver­än­dert, indem ein Satz mit einem Zusatz ver­se­hen wur­de und die Beleh­rung dadurch dem Deut­lich­keits­ge­bot des § 355 Abs. 2 Satz 1 BGB aF nicht mehr genüg­te.

Die hier in Rede ste­hen­de Wider­rufs­be­leh­rung wird auch nicht dadurch unklar und unver­ständ­lich, dass der Klä­ger außer­halb der eigent­li­chen Beleh­rung in zutref­fen­der Wei­se auf den per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich des Wider­rufs­rechts hin­ge­wie­sen hat. Für einen Hin­weis auf den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich des Wider­rufs­rechts gilt nicht das Klar­heits- und Ver­ständ­lich­keits­ge­bot gemäß § 312c Abs. 1 Satz 1, § 355 Abs. 2 Satz 1 BGB aF, § 312c Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 246 § 1 Abs. 1 Nr. 10 EGBGB. Die­ses bezieht sich nach dem Wort­laut und nach Sinn und Zweck der genann­ten Vor­schrif­ten nur auf die eigent­li­che Wider­rufs­be­leh­rung und nicht auch dar­auf, wem ein Wider­rufs­recht zusteht.

Der Unter­neh­mer hat nicht dafür ein­zu­ste­hen, dass ein Ver­brau­cher sich irr­tüm­lich nicht für einen Ver­brau­cher und damit für nicht wider­rufs­be­rech­tigt hält. Eine der­art weit­ge­hen­de Ver­pflich­tung kann den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen nicht ent­nom­men wer­den. Der Unter­neh­mer muss dem Ver­brau­cher bei Fern­ab­satz­ge­schäf­ten ledig­lich recht­zei­tig vor Abschluss eines Ver­trags eine kla­re und ver­ständ­li­che Beleh­rung über das gemäß § 312d BGB bestehen­de Wider­rufs- und Rück­ga­be­recht „zur Ver­fü­gung stel­len“ (Art. 246 § 1 Abs. 1 EGBGB). Der Ver­brau­cher muss die Beleh­rung ohne wei­te­res und ohne Behin­de­rung zur Kennt­nis neh­men kön­nen. Wie er sie inter­pre­tiert und ob er sie über­haupt zur Kennt­nis nimmt, liegt nicht im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Unter­neh­mers [6]. Der Unter­neh­mer braucht nicht zu prü­fen, ob die Adres­sa­ten der Wider­rufs­be­leh­rung Ver­brau­cher oder Unter­neh­mer sind. Eine sol­che Prü­fung ist ihm bei einem Fern­ab­satz­ge­schäft häu­fig auch nicht mög­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Novem­ber 2011 – I ZR 123/​10

  1. Beck­OK-BGB/­Schmidt-Räntsch [Stand: 1.03.2011], § 312d Rn. 6[]
  2. Münch­Komm-BGB/­Wen­de­horst, 5. Aufl., § 312c Rn. 2[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 04.07.2002 – I ZR 55/​00, GRUR 2002, 1085, 1086 = WRP 2002, 1263 Beleh­rungs­zu­satz, zu § 355 Abs. 2 BGB aF mwN[]
  4. BGH, GRUR 2002, 1085, 1086 Beleh­rungs­zu­satz, mwN[]
  5. BGH, GRUR 2002, 1085 Beleh­rungs­zu­satz[]
  6. vgl. Palandt/​Grüneberg, BGB, 70. Aufl., Art. 246 § 1 EGBGB Rn. 2[]