Über­schul­dung und Bank­kre­dit

Fäl­li­ge For­de­run­gen blei­ben, wie der Bun­des­ge­richts­hof in einem aktu­el­len Urteil fest­ge­stellt hat, bei der Prü­fung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit nur außer Betracht, sofern sie min­des­tens rein tat­säch­lich – also auch ohne recht­li­chen Bin­dungs­wil­len – gestun­det sind. Eine For­de­rung ist stets zu berück­sich­ti­gen, wenn der Schuld­ner sie durch eine Kün­di­gung fäl­lig stellt und von sich aus gegen­über dem Gläu­bi­ger die als­bal­di­ge Erfül­lung zusagt.

Über­schul­dung und Bank­kre­dit

Reicht der Schuld­ner bei sei­ner Bank zwecks Dar­le­hens­rück­füh­rung ihm von einem Drit­ten zur Erfül­lung einer For­de­rung über­las­se­ne Kun­den­schecks ein, erlangt die Bank eine inkon­gru­en­te Deckung, wenn ihr die den Schecks zugrun­de lie­gen­den Kau­sal­for­de­run­gen nicht abge­tre­ten waren.

Wird eine Dar­le­hens­for­de­rung in kri­ti­scher Zeit infol­ge einer anfecht­ba­ren Kün­di­gung des Schuld­ners fäl­lig, erlangt der Gläu­bi­ger durch die anschlie­ßen­de Til­gung der sonach fäl­li­gen Ver­bind­lich­kei­ten eine inkon­gru­en­te Deckung.

Für die Beur­tei­lung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit ist es ohne Bedeu­tung, aus wel­chen Quel­len die Ein­nah­men des Schuld­ners stam­men. Es kommt ins­be­son­de­re nicht dar­auf an, ob sich der Schuld­ner die Zah­lungs­mit­tel auf red­li­che oder unred­li­che Wei­se beschafft hat [1]. Des­we­gen sind selbst aus Straf­ta­ten her­rüh­ren­de ille­ga­le Ein­künf­te als liqui­de Mit­tel anzu­se­hen [2]. Folg­lich sind anfecht­bar erwor­be­ne Zah­lungs­mit­tel eben­falls in die Prü­fung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit ein­zu­be­zie­hen.

Die Gewäh­rung von Kun­den­schecks bil­det im nicht bank­mä­ßi­gen Geschäfts­ver­kehr im Gegen­satz zur Zah­lung mit eige­nen Schecks regel­mä­ßig eine inkon­gru­en­te Erfül­lungs­hand­lung, weil der Gläu­bi­ger auf die­se Art der Erfül­lung kei­nen Anspruch hat [3]. Etwas ande­res gilt, wenn der Schuld­ner die Kau­sal­for­de­rung in nicht anfecht­ba­rer Wei­se an den Gläu­bi­ger abge­tre­ten und die unver­züg­li­che Wei­ter­ga­be von Kun­den­schecks zuge­sagt hat­te [4]. Die­sel­ben Grund­sät­ze gel­ten im bank­mä­ßi­gen Ver­kehr, wenn mit dem Ein­zug der Schecks und der Ver­rech­nung der Scheck­sum­men eine gegen­über der Bank bestehen­de Ver­bind­lich­keit getilgt wer­den soll. Ob der Fall, dass die Kau­sal­for­de­rung erst mit der Ein­rei­chung der Kun­den­schecks abge­tre­ten wird, wie dies in Nr. 15 Abs. 2 AGB-Ban­ken (eben­so Nr. 25 Abs. 2 AGB-Spar­kas­sen) vor­ge­se­hen ist, gleich behan­delt wer­den kann [5], erscheint zwei­fel­haft. Die­se Fra­ge bedarf im vor­lie­gen­den Fall kei­ner Ver­tie­fung. Da die B. die Kau­sal­for­de­rung bereits zuvor glo­bal an die Bank abge­tre­ten hat­te und ein gut­gläu­bi­ger Erwerb von For­de­run­gen aus­schei­det, konn­te die Bank die­se For­de­rung nicht gemäß Nr. 15 Abs. 2 AGB-Ban­ken erwer­ben.

Über­dies liegt – wie das das OLG Nürn­berg in sei­nem Beru­fungs­ur­teil nach Ansicht des BGH zutref­fend erkannt hat – eine inkon­gru­en­te Deckung auch des­we­gen vor, weil die Beklag­te die Zah­lung nicht zu der Zeit ihrer Bewir­kung zu bean­spru­chen hat­te, son­dern sie frü­her als geschul­det erhal­ten hat. Vor­lie­gend konn­te die Beklag­te man­gels einer von ihr erklär­ten Kün­di­gung von der Schuld­ne­rin nicht Rück­zah­lung des die­ser gewähr­ten Dar­le­hens ver­lan­gen. Da die Fäl­lig­keit des Kre­dits auf eine wirk­sam ange­foch­te­ne Kün­di­gung der Schuld­ne­rin zurück­geht, hat die Beklag­te eine inkon­gru­en­te Befrie­di­gung erlangt.

Beruht die Fäl­lig­keit eines Kre­dits auf einer Kün­di­gung durch den Gläu­bi­ger, so liegt in der Befrie­di­gung sei­ner For­de­rung grund­sätz­lich eine kon­gru­en­te Deckung, wenn der Kün­di­gung ein wirk­sa­mer Kün­di­gungs­grund zugrun­de liegt. Dies soll auch gel­ten, wenn die Kün­di­gung inner­halb des kri­ti­schen Zeit­raums erfolg­te [6]. Vor­lie­gend kann die­se Fra­ge dahin ste­hen, weil die Beklag­te von ihrem ver­trags­ge­mä­ßen Kün­di­gungs­recht kei­nen Gebrauch gemacht hat.

Wird – wie im vom BGH ent­schie­de­nen Streit­fall – die Fäl­lig­keit des Dar­le­hens inner­halb der kri­ti­schen Zeit durch eine Rechts­hand­lung des Schuld­ners – sei es eine Kün­di­gung oder die Mit­wir­kung an einer Ver­trags­auf­he­bung – her­bei­ge­führt, so liegt eine inkon­gru­en­te Deckung vor. Die Kün­di­gung selbst bil­det eine anfecht­ba­re, die Befrie­di­gung erst ermög­li­chen­de Rechts­hand­lung [7]. In die­ser Gestal­tung räumt der Schuld­ner durch sei­ne auf einer per­sön­li­chen Ent­schlie­ßung fußen­de Rechts­hand­lung dem Gläu­bi­ger mehr Rech­te ein, als die­sem kraft sei­ner eige­nen Rechts­stel­lung gebüh­ren. Die­sen ent­schei­den­den Gesichts­punkt lässt die Gegen­auf­fas­sung [8] außer Betracht. Gera­de das Recht des Gläu­bi­gers, die Leis­tung zu for­dern, unter­schei­det kon­gru­en­te und inkon­gru­en­te Rechts­hand­lun­gen [9] – eine Zah­lungs­auf­for­de­rung sei­tens der Beklag­ten vor­weg­ge­nom­men. Ange­sichts die­ser durch die eige­ne Erklä­rung der Schuld­ne­rin gepräg­ten Sach­la­ge war eine Ein­for­de­rung durch die Beklag­te ent­behr­lich. Zwar unter­liegt eine Zah­lung, die erst die Zah­lungs­un­fä­hig­keit aus­löst, nicht selbst der Anfech­tung (miss­ver­ständ­lich inso­weit Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, aaO § 130 Rn. 27). Eine For­de­rung, deren Beglei­chung ange­foch­ten wird, muss jedoch bei der Fest­stel­lung, ob zu die­sem Zeit­punkt bereits eine Zah­lungs­un­fä­hig­keit bestand, mit berück­sich­tigt wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Mai 2009 – IX ZR 63/​08

  1. BGH, Urteil vom 30. April 1959 – VIII ZR 179/​58, WM 1959, 891, 892; Urteil vom 27. Novem­ber 1974 – VIII ZR 21/​73, WM 1975, 6, 7[]
  2. BGH, Urteil vom 31. März 1982 – 2 StR 744/​81, NJW 1982, 1952, 1954; HK-InsO/­Kirch­hof, 5. Aufl. § 17 Rn. 16; Jaeger/​Müller, InsO § 17 Rn. 17; Uhlen­bruck, InsO 12. Aufl. § 17 Rn. 6[]
  3. BGHZ 123, 320, 324 f[]
  4. OLG Stutt­gart EWiR 2004, 667 m. Anm. Hölz­le; Nob­be in Schimansky/​Bunte/​Lwowski, Bank­rechts-Hand­buch 3. Aufl. § 61 Rn. 68[]
  5. so wohl Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, aaO § 131 Rn. 18; für die Gegen­auf­fas­sung vgl. Bork, Zah­lungs­ver­kehr in der Insol­venz 2002 Rn. 366, 467[]
  6. Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, aaO § 131 Rn. 41a; Schopp­mey­er in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO § 131 Rn. 69 f[]
  7. Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof aaO § 131 Rn. 41a; Hmb­Komm-InsO/­Rog­ge, 2. Aufl. § 131 Rn. 19; Uhlenbruck/​Hirte, InsO 12. Aufl. § 131 Rn. 13[]
  8. Jaeger/​Henckel, aaO § 131 Rn. 28[]
  9. BGH, Urteil vom 17. Juni 1999 – IX ZR 62/​98, NJW 1999, 3780, 3781; Urteil vom 9. Juni 2005 – IX ZR 152/​03, NZI 2005, 497). Man­gels einer von ihr erklär­ten anfech­tungs­fes­ten Dar­le­hens­kün­di­gung fehlt es an einem ori­gi­nä­ren For­de­rungs­recht der Beklag­ten. Wird hin­ge­gen – wie im Streit­fall – das Dar­le­hen durch eine anfecht­ba­re Kün­di­gung der Schuld­ne­rin fäl­lig gestellt, hat die beklag­te Bank durch die anschlie­ßen­de Beglei­chung der nun­mehr fäl­li­gen For­de­rung eine inkon­gru­en­te Deckung erhal­ten.

    Die von der Schuld­ne­rin getilg­te Dar­le­hens­for­de­rung der Beklag­ten ist bei der Prü­fung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit als Ver­bind­lich­keit zu berück­sich­ti­gen. Inso­weit ist von einem Zah­lungs­ver­lan­gen der Beklag­ten aus­zu­ge­hen. Die Dar­le­hens­for­de­rung wur­de infol­ge der Kün­di­gung der Schuld­ne­rin fäl­lig. Die Schuld­ne­rin hat sich indes nicht auf eine blo­ße Kün­di­gung beschränkt, son­dern in Ver­bin­dung mit dem Ver­lan­gen auf Rück­ge­währ der Sicher­hei­ten der Beklag­ten die als­bal­di­ge Beglei­chung des Dar­le­hens ange­kün­digt. Damit hat die Schuld­ne­rin – ähn­lich wie bei einer Selbst­mah­nung ((vgl. BGH, Urteil vom 17. Dezem­ber 1996 – X ZR 74/​95, NJW-RR 1997, 622, 623; OLG Köln NJW-RR 2000, 73; Bamberger/​Roth/​Unberath, BGB 2. Aufl. § 286 Rn. 37[]