Über­spann­te Anfor­de­run­gen an die Beru­fungs­be­grün­dung

Die Ver­wer­fung einer Beru­fung als unzu­läs­sig ver­letzt den Klä­ger in sei­nem Ver­fah­rens­grund­recht auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes (Art.2 Abs.1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip), wenn das Beru­fungs­ge­richt die in § 520 Abs.3 Satz2 Nr.2 und 3 ZPO beschrie­be­nen Anfor­de­run­gen an den Inhalt der Beru­fungs­be­grün­dung über­spannt und hier­durch dem Klä­ger den Zugang zur Beru­fungs­in­stanz in unzu­läs­si­ger Wei­se ver­wehrt.

Über­spann­te Anfor­de­run­gen an die Beru­fungs­be­grün­dung

Nach § 520 Abs.3 Satz2 Nr.2 ZPO muss die Beru­fungs­be­grün­dung die Umstän­de bezeich­nen, aus denen sich nach Ansicht des Beru­fungs­klä­gers die Rechts­ver­let­zung und deren Erheb­lich­keit für die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung erge­ben; nach § 520 Abs.3 Satz2 Nr.3 ZPO muss sie kon­kre­te Anhalts­punk­te bezeich­nen, die Zwei­fel an der Rich­tig­keit oder Voll­stän­dig­keit der Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen im ange­foch­te­nen Urteil begrün­den und des­halb eine erneu­te Fest­stel­lung gebie5ten. Dazu gehört eine aus sich her­aus ver­ständ­li­che Anga­be, wel­che bestimm­ten Punk­te des ange­foch­te­nen Urteils der Beru­fungs­klä­ger bekämpft und wel­che tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Grün­de er ihnen im Ein­zel­nen ent­ge­gen­setzt. Beson­de­re for­ma­le Anfor­de­run­gen bestehen zwar nicht. Die Beru­fungs­be­grün­dung muss aber auf den kon­kre­ten Streit­fall zuge­schnit­ten sein. Es reicht nicht aus, die Auf­fas­sung des Erst­ge­richts mit for­mu­lar­mä­ßi­gen Sät­zen oder all­ge­mei­nen Rede­wen­dun­gen zu rügen oder ledig­lich auf das Vor­brin­gen ers­ter Instanz zu ver­wei­sen [1].

Die­sen Anfor­de­run­gen genüg­te in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof beur­teil­te Fall die Begrün­dung der Beru­fung des Klä­gers. Sie rich­tet sich gegen die das Urteil des Land­ge­richts tra­gen­de Fest­stel­lung, der Klä­ger sei seit 14.April 2016 bedin­gungs­ge­mäß berufs­un­fä­hig. Wie das Beru­fungs­ge­richt [2] im Aus­gangs­punkt zutref­fend annimmt, unter­liegt der Deckungs­an­spruch des Klä­gers zwar nach § 1 Abs.3 AVB wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen. Auf die­se muss­te die Beru­fungs­be­grün­dung aber nicht ein­ge­hen. Das Land­ge­richt hat sein Urteil, soweit es zulas­ten des Klä­gers ent­schie­den hat, auf § 15 Buchst.b AVB und die Fra­ge der Berufs­un­fä­hig­keit gestützt, nicht aber auf § 1 Abs.3 AVB und die Fra­gen, ob der Klä­ger in dem von der Beru­fung betrof­fe­nen Zeit­raum voll­stän­dig arbeits­un­fä­hig war und kei­ner Erwerbs­tä­tig­keit nach­ge­gan­gen ist. Zu Umstän­den, die eine abwei­sen­de Ent­schei­dung mög­li­cher­wei­se auch stüt­zen wür­den, die in der Begrün­dung des ange­foch­te­nen Urteils aber nicht ange­führt wer­den, muss die Beru­fungs­be­grün­dung nicht ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung auch nicht zur Dar­le­gung der Erheb­lich­keit des behaup­te­ten Rechts­feh­lers Stel­lung 6nehmen [3]. Ob die Aus­füh­run­gen in sich schlüs­sig oder recht­lich halt­bar sind, ist für die Zuläs­sig­keit der Beru­fung ohne Bedeu­tung [4].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Mai 2020 – IV ZB 19/​19

  1. st. Rspr., vgl. BGH, Beschluss vom 20.Juli 2016 – IV ZB 39/​15, r+s 2016, 557 Rn.10; BGH, Beschluss vom 11.Februar 2020 – VI ZB 54/​19, NJW-RR2020, 503Rn.5;jeweils m.w.N.[]
  2. OLG Nürn­berg, Beschluss vom 10.07.2019 – 8 U 456/​19[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 30.Januar 2013 – III ZB 49/​12, NJW-RR 2013, 509 Rn.14; Ver­säum­nis­ur­teil vom 14.November 2005 – II ZR 16/​04, NJW-RR 2006, 499 unter – II 2 9]; Urteil vom 20.Februar 1975- VI ZR 183/​74, NJW 1975, 1032 unter – II 2 13][]
  4. st. Rspr., vgl. BGH, Beschluss vom 20.Juli 2016 aaO; BGH, Beschluss vom 11.Februar 2020 aaO; jeweils m.w.N.[]