Über­spann­te Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen

Da die Hand­ha­bung der Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen die­sel­ben ein­schnei­den­den Fol­gen hat wie die Anwen­dung von Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten, ver­stößt sie gegen Art. 103 Abs. 1 GG, wenn sie offen­kun­dig unrich­tig ist (hier: Über­span­nung der an ein beacht­li­ches Bestrei­ten zu stel­len­den Anfor­de­run­gen).

Über­spann­te Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen

Art. 103 Abs. 1 GG ver­mit­telt allen an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren Betei­lig­ten einen Anspruch dar­auf, sich zu dem in Rede ste­hen­den Sach­ver­halt und zur Rechts­la­ge zu äußern [1]. Dem ent­spricht die Pflicht des Gerichts, tat­säch­li­che und recht­li­che Aus­füh­run­gen der Betei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen [2]. Dabei darf das Gericht die Anfor­de­run­gen an die Sub­stan­ti­ie­rung des Par­tei­vor­trags nicht über­span­nen. Da die Hand­ha­bung der Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen die­sel­ben ein­schnei­den­den Fol­gen hat wie die Anwen­dung von Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten, ver­stößt sie gegen Art. 103 Abs. 1 GG, wenn sie offen­kun­dig unrich­tig ist [3].

So ver­hält es sich auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall:

In der Vor­in­stanz ist das Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt [4] im Aus­gangs­punkt zwar zu Recht davon aus­ge­gan­gen, dass es in bestimm­ten Fäl­len Sache der nicht dar­le­gungs­be­las­te­ten Par­tei ist, sich im Rah­men der ihr nach § 138 Abs. 2 ZPO oblie­gen­den Erklä­rungs­pflicht zu den Behaup­tun­gen der dar­le­gungs­be­las­te­ten Par­tei sub­stan­ti­iert zu äußern. Dabei hän­gen die Anfor­de­run­gen an die Sub­stan­ti­ie­rungs­last des Bestrei­ten­den zunächst davon ab, wie sub­stan­ti­iert der dar­le­gungs­pflich­ti­ge Geg­ner – hier der Klä­ger – vor­ge­tra­gen hat. In der Regel genügt gegen­über einer Tat­sa­chen­be­haup­tung des dar­le­gungs­pflich­ti­gen Klä­gers das ein­fa­che Bestrei­ten des Beklag­ten. Ob und inwie­weit die nicht dar­le­gungs­be­las­te­te Par­tei ihren Sach­vor­trag sub­stan­ti­ie­ren muss, lässt sich nur aus dem Wech­sel­spiel von Vor­trag und Gegen­vor­trag bestim­men, wobei die Ergän­zung und Auf­glie­de­rung des Sach­vor­trags bei hin­rei­chen­dem Gegen­vor­trag immer zunächst Sache der dar­le­gungs- und beweis­pflich­ti­gen Par­tei ist [5].

Das Kam­mer­ge­richt hat auch zu Recht ange­nom­men, dass der Klä­ger die Höhe des ihm nach sei­ner Behaup­tung ent­stan­de­nen Scha­dens durch Bezug­nah­me auf das von ihm vor­ge­leg­te Pri­vat­gut­ach­ten, in dem die ein­zel­nen Scha­dens­po­si­tio­nen im Ein­zel­nen auf­ge­lis­tet sind, sub­stan­ti­iert vor­ge­tra­gen hat.

Die Beur­tei­lung des Kam­mer­ge­richts, die Beklag­te habe die vom Klä­ger gel­tend gemach­ten Repa­ra­tur­kos­ten nicht in beacht­li­cher Wei­se bestrit­ten, beruht aber auf einer offen­kun­di­gen Über­span­nung der an ein beacht­li­ches Bestrei­ten zu stel­len­den Anfor­de­run­gen. Wie die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zu Recht gel­tend macht, hat­te die Beklag­te den dem Klä­ger ent­stan­de­nen Scha­den nicht ledig­lich pau­schal bestrit­ten. Viel­mehr hat­te sie die von ihr bean­stan­de­ten Scha­dens­po­si­tio­nen im Ein­zel­nen benannt. So hat­te sie bestrit­ten, dass der Wie­der­be­schaf­fungs­wert des Fahr­zeu­ges vor dem Unfall vom 12.03.2015 noch 4.500 € inklu­si­ve Mehr­wert­steu­er und 3.781, 51 € ohne Mehr­wert­steu­er betra­gen habe. Zur Begrün­dung hat sie dar­auf ver­wie­sen, dass das Fahr­zeug nach dem Kauf­ver­trag vom 31.12.2012 bereits zu die­sem Zeit­punkt nur noch einen Markt­wert in Höhe von 4.201, 68 € gehabt haben sol­le. Sie hat außer­dem bestrit­ten, dass die im Gut­ach­ten ange­ge­be­nen Umbau­kos­ten zur Scha­dens­be­sei­ti­gung erfor­der­lich waren und brut­to 1.666 € betra­gen wür­den. Sie hat bean­stan­det, dass im Gut­ach­ten kein Abzug neu für alt erfolgt sei und bestrit­ten, dass der ange­setz­te Arbeits­lohn in Höhe von 89 € net­to sowie für Lackier­ar­bei­ten in Höhe von 105 € net­to pro Stun­de in einer Fach­werk­statt anfal­len wür­den. Es erschließt sich nicht, wes­halb das Beru­fungs­ge­richt die­se kon­kre­ten Ein­wän­de als „ledig­lich destruk­ti­ves“ Bestrei­ten qua­li­fi­ziert hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Juli 2020 – VI ZR 212/​19

  1. vgl. BVerfGE 19, 32, 36; 49, 325, 328; 55, 1, 6; 60, 175, 210; 64, 135, 143 f.[]
  2. BGH, Beschluss vom 29.05.2018 – VI ZR 370/​17, VersR 2018, 1001 Rn. 8; BVerfGE 60, 1, 5; 65, 227, 234; 84, 188, 190; 86, 133, 144 ff.; BVerfG, Beschluss vom 01.08.2017 – 2 BvR 3068/​14, NJW 2017, 3218 Rn. 47[]
  3. BGH, Beschluss vom 02.07.2019 – VI ZR 42/​18, VersR 2019, 1385 Rn. 5 mwN[]
  4. KG, Urteil vom 18.04.2019 – 22 U 48/​18[]
  5. BGH, Urteil vom 19.02.2019 – VI ZR 505/​17, BGHZ 221, 139 Rn. 17[]