Über­spann­te Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen an den Sachvortrag

Art. 103 Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Das Gebot des recht­li­chen Gehörs soll als Pro­zess­grund­recht sicher­stel­len, dass die Ent­schei­dung frei von Ver­fah­rens­feh­lern ergeht, wel­che ihren Grund in unter­las­se­ner Kennt­nis­nah­me und Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Sach­vor­trags der Par­tei­en haben1. Ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG liegt dann vor, wenn das Gericht die Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen offen­kun­dig über­spannt und es dadurch ver­säumt, den Sach­vor­trag der Par­tei­en zur Kennt­nis zu neh­men und die ange­bo­te­nen Bewei­se zu erhe­ben2.

Über­spann­te Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen an den Sachvortrag

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist ein Sach­vor­trag schlüs­sig, wenn der Anspruch­stel­ler Tat­sa­chen vor­trägt, die in Ver­bin­dung mit einem Rechts­satz geeig­net sind, das gel­tend gemach­te Recht als in sei­ner Per­son ent­stan­den erschei­nen zu las­sen3.

Nach die­sen Maß­stä­ben bean­stan­de­te die Klä­ge­rin im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall zu Recht einen Ver­stoß des Beru­fungs­ge­richts4 gegen Art. 103 Abs. 1 GG, weil die­ses die Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen offen­kun­dig über­spannt und den gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen der behaup­te­ten Schä­den an den Grün­flä­chen der Woh­nungs­ei­gen­tums­an­la­ge des­halb für nicht hin­rei­chend dar­ge­legt erach­tet hat:

Die Klä­ge­rin hat bereits mit der Kla­ge­schrift aus­ge­führt, dass im Zuge der Män­gel­be­sei­ti­gungs­ar­bei­ten der Beklag­ten die Grün­flä­chen der Woh­nungs­ei­gen­tums­an­la­ge, ins­be­son­de­re die Gar­ten­an­tei­le der drei Erd­ge­schoss­woh­nun­gen, der­art beschä­digt wor­den sei­en, dass die­se voll­stän­dig auf­be­rei­tet wer­den müss­ten. So sei­en die Gar­ten­flä­chen zer­tram­pelt und Büsche zer­tre­ten und zer­schnit­ten wor­den. Zur Bezif­fe­rung ihres Scha­dens hat die Klä­ge­rin ein Pau­schal­an­ge­bot über die Auf­be­rei­tung der Grün­flä­chen ein­ge­reicht. In der Fol­ge hat sie schrift­sätz­lich unter Bei­fü­gung von Licht­bil­dern näher dar­ge­legt, dass durch die Auf­stel­lung eines Bau­ge­rüsts und den Trans­port von Bau­ma­te­ri­al durch die Gär­ten groß­flä­chi­ge Tram­pel­pfa­de ent­stan­den und Rosen­bü­sche sowie Kräu­ter­gär­ten und wei­te­re Pflan­zen zer­stört wor­den sei­en. Auch sei auf­grund groß­flä­chi­ger Erd­auf­schüt­tun­gen der dar­un­ter befind­li­che Rasen beschä­digt wor­den. Es sei­en ins­be­son­de­re die Gar­ten­an­tei­le der Erd­ge­schoss­woh­nun­gen 1, 2 und 3, aber auch das gemein­schaft­li­che Rasen­grund­stück betrof­fen. Ergän­zend hat die Klä­ge­rin auf die bereits vor dem Land­ge­richt erfolg­te Aus­sa­ge des Zeu­gen P. ver­wie­sen, der unter ande­rem die Beschä­di­gung näher bezeich­ne­ter Gewäch­se und eines Früh­beets in dem von ihm genutz­ten Gar­ten­an­teil bestä­tigt hat. Für ihre Behaup­tun­gen hat die Klä­ge­rin wei­te­ren Beweis durch Ver­neh­mung der Zeu­gen Sch. , La. und Le. sowie durch Ein­ho­lung eines- 18 Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zur Höhe des Scha­dens ange­bo­ten. Hier­auf hat sie in der Beru­fungs­be­grün­dung erneut Bezug genommen.

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Damit hat die Klä­ge­rin die behaup­te­ten Schä­den an den Grün­flä­chen, die auch auf den Licht­bil­dern erkenn­bar sind, hin­rei­chend deut­lich beschrie­ben. Ins­be­son­de­re ergibt sich aus dem Vor­trag der Klä­ge­rin und den bei­gefüg­ten Licht­bil­dern kon­kret, dass neben der Rasen­flä­che auch bestimm­te Pflan­zen beschä­digt wor­den sein sollen.

Das Beru­fungs­ge­richt durf­te die schlüs­si­ge Dar­le­gung zu den Schä­den an den Grün­flä­chen und die hier­zu erfolg­ten Beweis­an­trit­te der Klä­ge­rin daher nicht unbe­rück­sich­tigt lassen.

Die­se Gehörsver­let­zung ist ent­schei­dungs­er­heb­lich. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt bei der gebo­te­nen Berück­sich­ti­gung des Sach­vor­trags und der Beweis­an­trit­te der Klä­ge­rin zu einer ande­ren Beur­tei­lung gelangt wäre. Das Beru­fungs­ur­teil konn­te danach kei­nen Bestand haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. März 2021 – VII ZR 196/​18

  1. st. Rspr.; vgl. z.B. BGH, Beschluss vom 04.11.2020 – VII ZR 261/​18 Rn. 13, BauR 2021, 593; Beschluss vom 14.12.2017 – VII ZR 217/​15 Rn. 9, BauR 2018, 669; Beschluss vom 16.11.2016 – VII ZR 23/​14 Rn. 8, 10, ZfBR 2017, 146, jeweils m.w.N.[]
  2. st. Rspr.; vgl. z.B. BGH, Beschluss vom 04.11.2020 – VII ZR 261/​18 Rn. 13, BauR 2021, 593; Beschluss vom 26.02.2020 – VII ZR 166/​19 Rn. 14, BauR 2020, 1035 = NZBau 2020, 293; Beschluss vom 14.12.2017 – VII ZR 217/​15 Rn. 9, BauR 2018, 669, jeweils m.w.N.[]
  3. st. Rspr.; vgl. z.B. BGH, Beschluss vom 04.11.2020 – VII ZR 261/​18 Rn. 14, BauR 2021, 593; Beschluss vom 16.11.2016 – VII ZR 314/​13 Rn. 22, BauR 2017, 206; Beschluss vom 06.02.2014 – VII ZR 160/​12 Rn. 12, NZBau 2014, 221, jeweils m.w.N.[]
  4. OLG Mün­chen, Urteil vom 28.08.2018 – 28 U 1250/​18[]