Unfall beim Links­ab­bie­gen

Für die Fol­gen eines Ver­kehrs­un­falls hat der Links­ab­bie­ger, der die ihn gemäß § 9 Abs. 3 Satz 1 StVO gegen­über dem Gegen­ver­kehr tref­fen­de War­te­pflicht miss­ach­tet hat, regel­mä­ßig in vol­lem Umfang allein oder doch zumin­dest zum größ­ten Teil zu haf­ten.

Unfall beim Links­ab­bie­gen

Biegt ein Ver­kehrs­teil­neh­mer an der Kreu­zung nach links ab, obwohl ihm erkenn­bar ein Pkw ent­ge­gen­kommt, ver­stößt er hier­mit gegen § 9 Abs. 3 Satz 1 StVO. Nach die­ser Vor­schrift muss, wer links abbie­gen will, ent­ge­gen­kom­men­de Fahr­zeu­ge durch­fah­ren las­sen. Den Links­ab­bie­ger trifft mit­hin eine War­te­pflicht. Deren Nicht­be­ach­tung stellt nach stän­di­ger Recht­spre­chung einen beson­ders schwer­wie­gen­den Ver­kehrs­ver­stoß dar. Genügt ein Ver­kehrs­teil­neh­mer die­ser War­te­pflicht nicht und kommt es des­halb zu einem Unfall, hat er in der Regel, wenn kei­ne Beson­der­hei­ten vor­lie­gen, in vol­lem Umfang oder doch zumin­dest zum größ­ten Teil für die Unfall­fol­gen zu haf­ten 1.

Der Links­ab­bie­ger muss den Vor­rang des Gegen­ver­kehrs grund­sätz­lich auch dann beach­ten, wenn die­ser bei Gelb oder bei frü­hem Rot ein­fährt 2. Selbst eine erheb­li­che Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung des gera­de­aus Fah­ren­den hebt des­sen Vor­recht nicht auf 3.

In Fall­ge­stal­tun­gen die­ser Art wird aller­dings je nach Gewich­tung der bei­der­sei­ti­gen Ver­ur­sa­chungs­an­tei­le unter Berück­sich­ti­gung der jewei­li­gen kon­kre­ten Umstän­de regel­mä­ßig eine Mit­haf­tung bei­der Unfall­be­tei­lig­ter anzu­neh­men sein. Eine über­wie­gen­de Haf­tung des gera­de­aus Fah­ren­den als auch eine Haf­tungs­quo­te von 50 % ist nur aus­nahms­wei­se in beson­ders gela­ger­ten Ein­zel­fäl­len gerecht­fer­tigt 4.

Eine Haf­tungs­tei­lung je zur Hälf­te ist in der Recht­spre­chung teil­wei­se bei einer Kol­li­si­on zwi­schen dem war­te­pflich­ti­gen Links­ab­bie­ger und einem ent­ge­gen­kom­men­den Ver­kehrs­teil­neh­mer auf einer mit einer Licht­zei­chen­an­la­ge gere­gel­ten Kreu­zung etwa dann ange­nom­men wor­den, wenn der ent­ge­gen­kom­men­de Unfall­geg­ner in spä­ter Gelb­pha­se oder begin­nen­der Rot­pha­se an ande­ren, auf einem par­al­le­len Fahr­strei­fen bereits hal­ten­den Fahr­zeu­gen vor­bei in den Kreu­zungs­be­reich ein­ge­fah­ren ist 5. Um eine sol­che oder eine ähn­lich zu bewer­ten­de Fall­ge­stal­tung han­delt es sich vor­lie­gend jedoch nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Febru­ar 2012 – VI ZR 133/​11

  1. vgl. BGH, Urteil vom 11.01.2005 – VI ZR 352/​03, VersR 2005, 702 mwN[]
  2. Gre­ger, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 4. Aufl.2007, Stand: 10.01.2010, § 14 Rn. 125[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 14.02.1984 – VI ZR 229/​82, VersR 1984, 440; OLG Hamm, NZV 2001, 520[]
  4. vgl. Grü­ne­berg, Haf­tungs­quo­ten bei Ver­kehrs­un­fäl­len, 12. Aufl. Rn. 222 und Vor­be­mer­kung vor Rn. 221[]
  5. vgl. OLG Düs­sel­dorf [Urteil vom 16.10.1975 – 12 U 156/​74] r+s 1976, 205; KG, Ver­k­Mitt 1984, 36 f.; OLG Hamm, VersR 90, 99[]