Unter­las­sungs­pflicht, einst­wei­li­ge Ver­fü­gung – und der fort­dau­ern­de Stö­rungs­zu­stand

Eine Unter­las­sungs­ver­pflich­tung erschöpft sich nicht im blo­ßen Nichts­tun, son­dern umfasst die Vor­nah­me von Hand­lun­gen zur Besei­ti­gung eines zuvor geschaf­fe­nen Stö­rungs­zu­stands, wenn allein dadurch dem Unter­las­sungs­ge­bot ent­spro­chen wer­den kann

Unter­las­sungs­pflicht, einst­wei­li­ge Ver­fü­gung – und der fort­dau­ern­de Stö­rungs­zu­stand

Han­delt der Schuld­ner der Ver­pflich­tung zuwi­der, eine Hand­lung zu unter­las­sen, so ist er nach § 890 Abs. 1 Satz 1 Fall 1 ZPO wegen einer jeden Zuwi­der­hand­lung auf Antrag des Gläu­bi­gers von dem Pro­zess­ge­richt des ers­ten Rechts­zu­ges zu einem Ord­nungs­geld und für den Fall, dass die­ses nicht bei­ge­trie­ben wer­den kann, zur Ord­nungs­haft oder zur Ord­nungs­haft bis zu sechs Mona­ten zu ver­ur­tei­len.

Die Ver­pflich­tung zur Unter­las­sung einer Hand­lung, durch die ein fort­dau­ern­der Stö­rungs­zu­stand geschaf­fen wur­de, ist man­gels abwei­chen­der Anhalts­punk­te regel­mä­ßig dahin aus­zu­le­gen, dass sie nicht nur die Unter­las­sung der­ar­ti­ger Hand­lun­gen, son­dern auch die Vor­nah­me mög­li­cher und zumut­ba­rer Hand­lun­gen zur Besei­ti­gung des Stö­rungs­zu­stands umfasst 1.

Eine Unter­las­sungs­ver­pflich­tung erschöpft sich nicht im blo­ßen Nichts­tun, son­dern umfasst die Vor­nah­me von Hand­lun­gen zur Besei­ti­gung eines zuvor geschaf­fe­nen Stö­rungs­zu­stands, wenn allein dadurch dem Unter­las­sungs­ge­bot ent­spro­chen wer­den kann 2. So ver­hält es sich, wenn die Nicht­be­sei­ti­gung des Ver­let­zungs­zu­stands gleich­be­deu­tend mit der Fort­set­zung der Ver­let­zungs­hand­lung ist 3.

Die­se Vor­aus­set­zung war in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall erfüllt, da die Rech­te des Gläu­bi­gers ver­letzt wer­den, solan­ge die von der Schuld­ne­rin ins Inter­net ein­ge­stell­te Video­auf­nah­me und deren Begleit­text dort noch zu fin­den sind 4.

Die Zuwi­der­hand­lung erfolg­te hier auch zu einem Zeit­punkt, zu dem die Schuld­ne­rin das durch die einst­wei­li­ge Ver­fü­gung ver­häng­te Ver­bot beach­ten muss­te:

Ist die einst­wei­li­ge Ver­fü­gung – wie hier – durch Beschluss ange­ord­net wor­den, hat der Schuld­ner das ver­häng­te Ver­bot zu beach­ten, sobald ihm die Beschluss­ver­fü­gung und die nach § 890 Abs. 2 ZPO erfor­der­li­che Ord­nungs­mit­telan­dro­hung im Par­tei­be­trieb nach § 922 Abs. 2 ZPO zuge­stellt wor­den sind 5.

§ 890 Abs. 1 Satz 1 ZPO setzt als unge­schrie­be­nes Tat­be­stands­merk­mal ein Ver­schul­den des Schuld­ners vor­aus 6.

Auch die­se Vor­aus­set­zung ist im vor­lie­gen­den Fall erfüllt: Die Schuld­ne­rin hat vor­sätz­lich gegen die titu­lier­te Unter­las­sungs­ver­pflich­tung ver­sto­ßen, weil sie die Video­auf­nah­me und deren Begleit­text bewusst nicht von der frag­li­chen Inter­net­sei­te (hier: Face­book) ent­fernt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Dezem­ber 2016 – I ZB 118/​15

  1. BGH, Urteil vom 19.11.2015 – I ZR 109/​14, GRUR 2016, 720 Rn. 34 = WRP 2016, 854 – Hot Sox, mwN; zum Vor­lie­gen abwei­chen­der Anhalts­punk­te vgl. etwa BGH, Urteil vom 11.11.2014 – VI ZR 18/​14, GRUR 2015, 190 Rn. 11 bis 17 = WRP 2015, 212[]
  2. BGH, Urteil vom 22.10.1992 – IX ZR 36/​92, BGHZ 120, 73, 76 f.[]
  3. BGH, Urteil vom 04.02.1993 – I ZR 42/​91, BGHZ 121, 242, 247 f. TRIANGLE; Urteil vom 18.02.1972 – I ZR 82/​70, GRUR 1972, 558, 560 – Teer­spritz­ma­schi­nen; Urteil vom 28.01.1977 – I ZR 109/​75, GRUR 1977, 614, 616 – Gebäu­de­fas­sa­de[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 18.09.2014 – I ZR 76/​13, GRUR 2015, 258 Rn. 67 = WRP 2015, 356 – CT-Para­dies[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 10.07.2014 – I ZR 249/​12, GRUR 2015, 196 Rn. 17 = WRP 2015, 209 – Nero, mwN; zur Urteils­ver­fü­gung vgl. BGH, Beschluss vom 22.01.2009 – I ZB 115/​07, BGHZ 180, 72 Rn. 12[]
  6. vgl. BVerfGE 58, 159, 162 f.; 84, 82, 87; BVerfG, NJW-RR 2007, 860 Rn. 11[]