Unter­schrift oder nur ein Schrift­zug?

Der Schrift­zug eines Rechts­an­walts am Ende einer Beru­fungs­schrift erfüllt die Anfor­de­run­gen an die nach § 130 Nr. 6 ZPO zu leis­ten­de Unter­schrift nur, wenn er erken­nen lässt, dass der Unter­zeich­ner sei­nen vol­len Namen und nicht nur eine Abkür­zung hat nie­der­schrei­ben wol­len [1]. Ist der die­sen Anfor­de­run­gen nicht ent­spre­chen­de Schrift­zug so oder gering­fü­gig abwei­chend von den Gerich­ten län­ge­re Zeit ohne Bean­stan­dung als form­gül­ti­ge Unter­schrift hin­ge­nom­men wor­den, kann der Rechts­an­walt dar­auf ver­trau­en, dass er den Anfor­de­run­gen des § 130 Nr. 6 ZPO ent­spricht. Wird der Schrift­zug vom Beru­fungs­ge­richt in einem sol­chen Fall nicht als Unter­schrift aner­kannt, ist dem Beru­fungs­klä­ger in der Regel wegen Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist auf Antrag Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren.

Unter­schrift oder nur ein Schrift­zug?

In dem hier vom Bun­des­ge­richt­hof ent­schie­de­nen Fall lag ein Fall des Ober­lan­des­ge­richts Nürn­berg [2] zugrun­de. Dort ging am letz­ten Tag der Beru­fungs­frist unter dem Brief­kopf der dama­li­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten ein Schrift­satz ein, mit dem namens und in Voll­macht der Beklag­ten Beru­fung ein­ge­legt wur­de. Die­ser Schrift­satz schließt mit der maschi­nen­schrift­li­chen Namens­an­ga­be „K. L., Rechts­an­wäl­tin“ und einem durch die Namens­an­ga­be geführ­ten Schrift­zug ab. Die am 23.05.2011 ein­ge­gan­ge­ne Beru­fungs­be­grün­dung ent­hält wie­der­um die hand­schrift­li­che Namens­an­ga­be „K. L., Rechts­an­wäl­tin“ und einen den Schrift­satz abschlie­ßen­den unle­ser­li­chen Schrift­zug.

Unter dem 26.05.2011 wies der Vor­sit­zen­de dar­auf hin, dass Beden­ken gegen die Zuläs­sig­keit der Beru­fung im Hin­blick auf das Erfor­der­nis der Unter­schrift bei bestim­men­den Schrift­sät­zen bestün­den. Die Beru­fungs­schrift wei­se kei­ne Unter­schrift, son­dern eine „Strei­chung“ des dort maschi­nen­schrift­lich ange­ge­be­nen Namens auf. Allen­falls kön­ne es sich bei dem Schrift­zug um eine Para­phe han­deln, die kei­ne form­gül­ti­ge Unter­schrift dar­stel­le.

Die Beklag­te bean­trag­te dar­auf­hin mit Schrift­satz vom 17.06.2011 Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen Ver­säu­mung der Beru­fungs- und vor­sorg­lich auch der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist unter noch­ma­li­ger Begrün­dung der Beru­fung. Die­ser wie­der­um unter dem Brief­kopf der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten ver­fass­te Schrift­satz endet erneut mit der maschi­nen­schrift­li­chen Namens­an­ga­be „K. L., Rechts­an­wäl­tin“ und einem unle­ser­li­chen Schrift­zug. Die Beklag­te trug vor, bei dem Schrift­zug auf der Beru­fungs­schrift han­de­le es sich um die Unter­schrift der dort nament­lich auf­ge­führ­ten Rechts­an­wäl­tin. Die­se unter­zeich­ne alle Schrift­sät­ze aus­nahms­los mit ihrem Nach­na­men „L.“. Über die Jah­re habe sich die Unter­schrift hin zum aktu­el­len, bereits seit 2007 prak­ti­zier­ten Schrift­bild immer wei­ter abge­schlif­fen. Das genaue Schrift­bild vari­ie­re leicht, je nach Häu­fig­keit der zu leis­ten­den Unter­schrif­ten und nach Tages­form. Die Unter­schrift sei bis­her von kei­ner Sei­te, auch nicht vom Beru­fungs­ge­richt, bean­stan­det wor­den. Im Hin­blick dar­auf sei der Beklag­ten jeden­falls wegen unver­schul­de­ter Frist­ver­säum­nis Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren, wenn die Unter­schrift nicht hin­ge­nom­men wer­de.

Das Ober­lan­des­ge­richt Nürn­berg hat den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag zurück­ge­wie­sen und zugleich die Beru­fung gemäß § 522 Abs. 1 Satz 2 ZPO als unzu­läs­sig ver­wor­fen. Gegen bei­des rich­tet sich die Rechts­be­schwer­de der Beklag­ten, mit der sie in ers­ter Linie die Auf­he­bung der Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts über die Ver­wer­fung der Beru­fung erstrebt.

Die Rechts­be­schwer­de hat­te vor dem Bun­des­ge­richts­hof Erfolg:

Die gemäß § 238 Abs. 2 Satz 1, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, § 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO statt­haf­te Rechts­be­schwer­de ist zuläs­sig, weil die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung eine Ent­schei­dung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts erfor­dert (§ 574 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 2 ZPO). Das Beru­fungs­ge­richt hat der Beklag­ten zu Unrecht Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist ver­wehrt. Die auf der unzu­tref­fen­den Annah­me der Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist beru­hen­de Ver­wer­fung der Beru­fung als unzu­läs­sig ver­letzt die Beklag­te in ihren Ver­fah­rens­grund­rech­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nach Art. 103 Abs. 1 GG und auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes gemäß Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip [3].

Die Rechts­be­schwer­de ist auch begrün­det. Die Beklag­te hat zwar die Beru­fungs­frist ver­säumt. Ihr war inso­weit jedoch antrags­ge­mäß Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren (§ 233 ZPO).

Unter­schrift?

Eine Beru­fungs­schrift ist gemäß § 130 Nr. 6 ZPO i.V.m § 519 Abs. 4 ZPO von dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Par­tei eigen­hän­dig zu unter­schrei­ben. Bei der zu leis­ten­den Unter­schrift muss es sich nach dem äuße­ren Erschei­nungs­bild um einen Schrift­zug han­deln, der erken­nen lässt, dass der Unter­zeich­ner sei­nen vol­len Namen und nicht nur eine Abkür­zung hat nie­der­schrei­ben wol­len [4]. Ein Schrift­zug, der sei­nem äuße­ren Erschei­nungs­bild nach eine bewuss­te und gewoll­te Namens­ab­kür­zung dar­stellt, genügt den an eine eigen­hän­di­ge Unter­schrift zu stel­len­den Anfor­de­run­gen nicht [5]. Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen han­delt es sich bei dem Schrift­zug auf der Beru­fungs­schrift vom 26.04.2011 nicht um eine Unter­schrift im Sin­ne des § 130 Nr. 6 ZPO. Der den Beru­fungs­schrift­satz abschlie­ßen­de Schrift­zug lässt sich nicht als ledig­lich flüch­tig nie­der­ge­leg­te und von einem star­ken Abschlei­fungs­pro­zess gekenn­zeich­ne­te Unter­zeich­nung mit dem vol­len Nach­na­men „L.“ wer­ten. Er besteht ledig­lich aus zwei leicht bogen­för­mi­gen Stri­chen, die schlei­fen­för­mig am unte­ren Ende spitz zusam­men­lau­fen und am obe­ren Ende sich kreu­zend aus­lau­fen. Der Schrift­zug lässt kei­nen ein­zi­gen Buch­sta­ben des Nach­na­mens der Rechts­an­wäl­tin L. auch nur ansatz­wei­se erken­nen. Auch bei groß­zü­gi­ger Betrach­tung unter der Berück­sich­ti­gung der maschi­nen­schrift­li­chen Namens­an­ga­be [6] lässt sich die „Schlei­fe“ nicht als Nach­na­me „L.“ deu­ten. Die Beru­fung ist damit nicht form­wirk­sam ein­ge­legt; die Beru­fungs­frist ist nicht gewahrt.

Wie­der­ein­set­zung

Das Beru­fungs­ge­richt hat der Beklag­ten jedoch rechts­feh­ler­haft die frist­ge­recht bean­trag­te Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist ver­sagt.

Beden­ken des Beru­fungs­ge­richts gegen die Form­gül­tig­keit der Unter­schrift der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten unter dem Wie­der­ein­set­zungs­an­trag sind nicht gerecht­fer­tigt. Sie hält einem Ver­gleich mit den sons­ti­gen aus den Akten ersicht­li­chen, unbe­an­stan­det geblie­be­nen Unter­schrif­ten stand.

Weder der Beklag­ten selbst noch ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, deren Ver­schul­den sie sich zurech­nen las­sen müss­te (§ 85 Abs. 2 ZPO), ist wegen der Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist ein Schuld­vor­wurf zu machen. Zwar hat sich ein Rechts­an­walt über den Stand der Recht­spre­chung zu unter­rich­ten [7]. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten muss­ten daher auch die höchst­rich­ter­li­chen Anfor­de­run­gen an eine ord­nungs­ge­mä­ße Unter­zeich­nung bestim­men­der Schrift­sät­ze bekannt sein. Auf der ande­ren Sei­te genießt ein Recht­an­walt jedoch über den Anspruch auf fai­re Ver­fah­rens­ge­stal­tung hin­aus, der eine Vor­war­nung gebie­tet, falls der­sel­be Spruch­kör­per die von ihm län­ge­re Zeit gebil­lig­te Form einer Unter­schrift nicht mehr hin­neh­men will [8], einen ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen Ver­trau­ens­schutz [9]. Ist daher, wie die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten glaub­haft vor­ge­tra­gen hat und sich ansatz­wei­se auch aus den Akten ergibt, der vom Beru­fungs­ge­richt bean­stan­de­te Schrift­zug so oder gering­fü­gig abwei­chend bis dahin all­ge­mein von den Gerich­ten, wenn auch nicht vom Beru­fungs­se­nat, über län­ge­re Zeit als in sehr ver­kürz­ter Wei­se geleis­te­te Unter­schrift unbe­an­stan­det geblie­ben, durf­te sie dar­auf ver­trau­en, dass sie den in der Recht­spre­chung aner­kann­ten Anfor­de­run­gen ent­sprach [10].

Der Beklag­ten war daher die bean­trag­te Wie­der­ein­set­zung zu bewil­li­gen. Dem­entspre­chend war der die Beru­fung als unzu­läs­sig ver­wer­fen­de Beschluss auf­zu­he­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. April 2013 – VII ZB 43/​12

  1. st. Rspr.; bei­spiels­wei­se BGH, Beschluss vom 28.09.1998 – II ZB 19/​98, NJW 1999, 60[]
  2. OLG Nürn­berg, Beschluss vom 17.07.2012 – 13 U 856/​11[]
  3. vgl. BVerfG, NJW 1989, 1147; NJW-RR 2002, 1004[]
  4. BGH, Beschluss vom 28.09.1998 – II ZB 19/​98, NJW 1999, 60[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 09.02.2010 – VIII ZB 67/​09, juris Rn. 10 und vom 21.02.2008 – V ZB 96/​07, Grund­ei­gen­tum 2008, 539[]
  6. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 08.01.1997 – XII ZB 199/​96, NJW-RR 1997, 760[]
  7. BGH, Beschluss vom 28.09.1998 – II ZB 19/​98, NJW 1999, 60; Beschluss vom 20.12.1978 – IV ZB 115/​78, NJW 1979, 877[]
  8. BVerfGE 78, 123, 126[]
  9. BVerfG, NJW 1998, 1853[]
  10. BGH, Beschluss vom 21.06.1990 – I ZB 6/​90, NJW-RR 1991, 511; Beschluss vom 28.09.1998 – II ZB 19/​98, aaO[]