Urteils­ver­kün­dung – und die Zustel­lung der Aus­fer­ti­gung

Ein Urteil wird erst durch sei­ne förm­li­che Ver­laut­ba­rung mit allen pro­zes­sua­len und mate­ri­ell­recht­li­chen Wir­kun­gen exis­tent. Bis dahin liegt nur ein Ent­schei­dungs­ent­wurf vor, der allen­falls den Rechts­schein eines Urteils erzeu­gen kann [1]. Der Man­gel der Ver­kün­dung kann jedoch durch die Zustel­lung der Aus­fer­ti­gung des voll­stän­di­gen und unter­schrie­be­nen, aber nicht ver­kün­de­ten Urteils geheilt wor­den.

Urteils­ver­kün­dung – und die Zustel­lung der Aus­fer­ti­gung

Die Ver­laut­ba­rung eines Urteils erfolgt grund­sätz­lich öffent­lich im Anschluss an die münd­li­che Ver­hand­lung oder in einem hier­für anbe­raum­ten Ter­min durch das Ver­le­sen der Urteils­for­mel (§ 112c Satz 1 BRAO, § 116 Abs. 1 VwGO). Die Ver­kün­dung muss pro­to­kol­liert wer­den (§ 112c Satz 1 BRAO, § 105 VwGO, § 160 Abs. 3 Nr. 7 ZPO).

Der unda­tier­te, nur mit einer Para­phe ver­se­he­ne Ver­merk des Vor­sit­zen­den dar­über, dass das Urteil am 3.06.von ihm ver­kün­det wor­den sei, ver­mag das feh­len­de Pro­to­koll, das auch nach­träg­lich hät­te gefer­tigt und unter­schrie­ben wer­den kön­nen [2], nicht zu erset­zen. Die Beach­tung der für die Ver­hand­lung vor­ge­schrie­be­nen Förm­lich­kei­ten kann nur durch das Pro­to­koll bewie­sen wer­den (§ 112c Satz 1 BRAO, § 105 VwGO, § 165 ZPO).

Der Man­gel der Ver­kün­dung ist jedoch durch die Zustel­lung der Aus­fer­ti­gung des voll­stän­di­gen und unter­schrie­be­nen, aber nicht ver­kün­de­ten Urteils geheilt wor­den.

Wird ein Urteil statt durch Ver­kün­dung in öffent­li­cher Sit­zung durch Zustel­lung ver­kün­det, liegt hier­in zwar ein auf die Wahl der Ver­laut­ba­rung beschränk­ter Ver­fah­rens­feh­ler [3]. Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ste­hen Ver­kün­dungs­män­gel dem wirk­sa­men Erlass eines Urteils aber nur ent­ge­gen, wenn gegen ele­men­ta­re, zum Wesen der Ver­laut­ba­rung gehö­ren­de Form­erfor­der­nis­se ver­sto­ßen wur­de, so dass von einer Ver­laut­ba­rung des Urteils im Rechts­sin­ne nicht mehr gespro­chen wer­den kann.

Ein der­ar­ti­ger Feh­ler ist nicht gege­ben, wenn dem Rich­ter zwar die vor­schrifts­mä­ßi­ge Ver­kün­dung miss­lingt, das Urteil aber mit sei­nem Wis­sen und Wol­len zuge­stellt wird [4]. So lag es hier. Der Vor­sit­zen­de hat am 3.06.2013 ver­fügt, das Urteil dem Klä­ger gegen Zustel­lungs­ur­kun­de und der Beklag­ten „zur Kennt­nis“ zustel­len zu las­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Febru­ar 2015 – AnwZ (Brfg) 51/​13

  1. BGH, Beschluss vom 14.06.1954 – GSZ 3/​54, BGHZ 14, 39, 44; Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 37/​03, NJW 2004, 2019, 2020; vom 24.09.2013 – I ZR 133/​12, NJW 2014, 1304 Rn. 11[]
  2. Kopp/​Schenke, VwGO, 20. Aufl., § 116 Rn. 5[]
  3. BGH, Urteil vom 12.03.2004, aaO; vom 24.09.2013, aaO Rn.20[]
  4. BGH, Urteil vom 12.03.2004, aaO; Beschluss vom 13.06.2012 – XII ZB 592/​11, NJW-RR 2012, 1025 Rn. 17; vom 21.06.2012 – V ZB 56/​12, NJW-RR 2012, 1359 Rn. 14[]