Verbrauchergerichtsstand

Mit dem Verbrauchergerichtsstand nach Art. 15 Abs. 1 c) EuGVVO hatte sich jetzt der Bundesgerichtshof zu befassen:

Verbrauchergerichtsstand

In dem entschiedenen Fall richtete sich die internationale Zuständigkeit nach der Verordnung (EG) Nr. 44/2001 des Rates vom 22. Dezember 2000 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen1 (EuGVVO), da die Klage nach deren Inkrafttreten am 1. März 2002 erhoben worden (Art. 76, 66 EuGVVO) und der sachliche und räumliche Geltungsbereich der Verordnung (Art. 1 Abs. 1 und 3 EuGVVO) im Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland zur Republik Österreich als Mitgliedsstaaten eröffnet ist.

Der Bundesgerichtshof bejahte sodann die Zuständigkeit des Wohnsitzgerichtes des Klägers nach den für Verbrauchersachen geltenden Regelungen der Art. 15 Abs. 1 Buchst. c)), 16 Abs. 1 Fall 2 EuGVVO, die einem aus Art. 5 Nr. 1 EuGVVO begründeten Gerichtsstand vorgehen2, als das international und örtlich zuständige Gericht.

Der in Deutschland ansässige Kläger unterhielt Geldanlagen bei der beklagten österreichische Bank. Dies rechtfertigte nach Ansicht des Bundesgerichtshofs auch bei Berücksichtigung der wegen des Ausnahmecharakters der Art. 15, 16 EuGVVO gebotenen strikten Auslegung3 die Annahme, dass ein Verbrauchergerichtsstand i.S.v. Art. 15 Abs. 1 Buchst. c)) EuGVVO begründet ist. Insbesondere macht der Kläger nach dem zugrunde zu legenden Sachverhalt einen Anspruch „aus einem Vertrag“ i.S.v. Art. 15 Abs. 1 EuGVVO geltend.

Die Frage, welche Anforderungen an den klägerischen Vortrag zur Darlegung der internationalen Zuständigkeit nach der EuGVVO zu stellen sind, richtet sich nicht nach der – insoweit keine Regelungen enthaltenden4 – EuGVVO, sondern nach deutschem internationalen Zivilprozessrecht richtet, wonach die schlüssige Behauptung aller erforderlichen Tatsachen ausreicht5.

Für den Bundesgerichtshof hatte der Kläger seiner diesbezüglichen Darlegungslast genügt: Der Sachvortrag zum Vorliegen eines materiellrechtlichen Vertrages ist nämlich nicht zunächst am Maßstab des nach der lex causae zu bestimmenden und damit hier gem. Art. 29 Abs. 1 Nr. 1 EGBGB aF anwendbaren deutschen Rechts zu prüfen und erst dann unter den Verbrauchergerichtsstand des Art. 15 Abs. 1 EuGVVO zu subsumieren. Nach ständiger Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union6 und des Bundesgerichtshofs7 ist der Begriff „Vertrag oder Ansprüche aus einem Vertrag“ vielmehr autonom, d.h. unabhängig vom jeweiligen nationalen Rechtsverständnis auszulegen, um die einheitliche Anwendung des Übereinkommens in allen Vertragsstaaten zu gewährleisten8. Hierbei sind in erster Linie die Systematik und die Zielsetzungen des Übereinkommens zu berücksichtigen, damit dessen volle Wirksamkeit in allen Mitgliedsstaaten sichergestellt wird9. Selbst wenn dies angesichts des eigenständigen und weiten Vertragsbegriffs der Verordnung im Einzelfall dazu führen kann, dass deutsche Gerichte im Vertrags/Verbrauchergerichtsstand über Klagen entscheiden, denen nach dem konkret anwendbaren materiellen deutschen Recht kein Vertrag zugrunde liegt, ist dies im Interesse einer einheitlichen Anwendung der EuGVVO hinzunehmen10. Eine primäre Anknüpfung über die lex causae, wie sie die Revision zugrunde legt, ist daher ausgeschlossen11.

Es reicht vielmehr aus, wenn der Kläger vertragliche Ansprüche im Sinne des Art. 15 Abs. 1 EuGVVO schlüssig behauptet12. Bei autonomer Auslegung des Vertragsbegriffs im Sinne des Art. 15 Abs. 1 EuGVVO ist für die Begründung des Verbrauchergerichtsstands im Sinne der EuGVVO nicht die Geltendmachung eines vertraglichen Anspruchs im engeren Sinn erforderlich13. Vielmehr liegen bei autonomer Auslegung – wie der EuGH im Rahmen der Auslegung des Vertragsbegriffs in Art. 5 Nr. 1 des Übereinkommens über die gerichtliche Zuständigkeit und die Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen vom 27.09.196814 und in Art. 5 Nr. 1 EuGVVO ausgeführt hat – vertragliche Ansprüche (jedenfalls) dann vor, wenn eine Partei gegenüber einer anderen freiwillig eine Verpflichtung eingegangen ist15. Der Anwendungsbereich des Art. 15 Abs. 1 Buchst. c)) EuGVVO ist in diesem Sinne eröffnet, wenn eine Partei ein verbindliches Angebot macht, das hinsichtlich seines Gegenstandes und seines Umfangs so klar und präzise ist, dass eine Vertragsbeziehung, wie sie die Norm voraussetzt, entstehen kann16. Die Partei muss nur ihren Willen zum Ausdruck gebracht haben, im Fall einer Annahme durch die andere Partei an ihre Verbindlichkeit gebunden zu sein17. Ausreichend ist hierbei eine – aus der maßgeblichen Empfängersicht18 – einseitige Verpflichtung des Gewerbetreibenden, eine wie auch immer geartete rechtliche Verpflichtung des Verbrauchers ist hingegen nicht notwendig19. Ob diese Voraussetzungen im Einzelfall erfüllt sind, ist nach der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union vom nationalen Gericht zu beurteilen17; es ist eine Frage der Würdigung des konkreten Einzelfalles, die jeweils dem Tatrichter obliegt und die deshalb in der Revisionsinstanz grundsätzlich nur beschränkt überprüft werden kann. Zu prüfen ist nur, ob die tatrichterliche Würdigung vertretbar ist, nicht gegen die Denkgesetze verstößt und nicht auf verfahrenswidriger Tatsachenfeststellung beruht20.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 29. November 2011 – XI ZR 172/11

  1. ABl.2001 Nr. L 12 S. 1[]
  2. EuGH, Slg.2002, I6367 Rn. 36 i.V.m. Slg.2009, I3961 Rn. 41; BGH, Urteil vom 01.12.2005 – III ZR 191/03, BGHZ 165, 172, 176; BGH, Urteil vom 01.03.2011 – XI ZR 48/10, BGHZ 188, 373 Rn. 29[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 12.06.2007 – XI ZR 290/06, ZIP 2007, 1676 Rn. 18 mwN; BGH, Beschluss vom 17.09.2008 – III ZR 71/08, NJW 2009, 298 Rn. 11[]
  4. vgl. zu Art. 5 Nr. 3 EuGVÜ: EUGH, Slg.1995, I415 Rn. 37 ff.[]
  5. zu Art. 5 Nr. 3 EuGVVO: BGH, Urteil vom 13.07.2010 – XI ZR 57/08, ZIP 2010, 2004 Rn.19; zu Art. 5 Nr. 1 EuGVVO: BGH, Urteil vom 22.04.2009 – VIII ZR 156/07, NJW 2009, 2606 Rn. 13; zu Art. 5 Nr. 3 LugÜ: BGH, Urteil vom 06.11.2007 – VI ZR 34/07, WM 2008, 479 Rn. 14[]
  6. zu Art. 13 EuGVÜ: EuGH, Slg.2002, I6367 Rn. 37 und NJW 2005, 811 Rn. 33; zur Übertragbarkeit auf Art. 15 EuGVVO: EuGH, Slg.2009, I3961 Rn. 41[]
  7. BGH, Urteile vom 01.12.2005 – III ZR 191/03, BGHZ 165, 172, 176 und vom 22.04.2009 – VIII ZR 156/07, NJW 2009, 2606 Rn. 13[]
  8. BGH, Urteil vom 22.04.2009 – VIII ZR 156/07, NJW 2009, 2606 Rn. 13 mwN[]
  9. EuGH, NJW 2005, 811 Rn. 33[]
  10. vgl. z.B. Staudinger/Hausmann, BGB, Bearb.2002, Anh. II zu Art. 27 – 37 EGBGB Rn. 48; Geimer/Schütze/Geimer, Europäisches Zivilverfahrensrecht, 3. Aufl., Art. 15 EuGVVO Rn. 17b; Rauscher/Leible, Europäisches Zivilprozessrecht, 2. Aufl., Art. 5 Brüssel IVO Rn. 13, 15[]
  11. so auch die herrschende Ansicht in der Literatur, siehe etwa: MünchKomm-ZPO/Gottwald, 3. Aufl., Art. 5 EuGVO Rn. 4; Musielak/Stadler, ZPO, 8. Aufl., Art. 5 EuGVVO Rn. 2, Art. 15 EuGVVO Rn. 1; Saenger/Dörner, ZPO, 4. Aufl., Vorbem. EuGVVO Rn. 14; Schack, Internationales Zivilverfahrensrecht, 5. Aufl., Rn. 291; Staudinger/Hausmann, BGB, Bearb.2002, Anh. II zu Art. 27 – 37 EGBGB Rn. 48; Kropholler/von Hein, Europäisches Zivilprozessrecht, 9. Aufl., Art. 15 EuGVO Rn.20; Geimer/Schütze/Geimer, Europäisches Zivilverfahrensrecht, 3. Aufl., Art. 15 EuGVVO Rn. 17 ff.; Rauscher/Leible, Europäisches Zivilprozessrecht, 2. Aufl., Art. 5 Brüssel IVO Rn. 12 ff.[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 22.04.2009 – VIII ZR 156/07, NJW 2009, 2606 Rn. 13[]
  13. so zu Art. 13 Abs. 1 LugÜ I: BGH, Urteil vom 31.05.2011 – VI ZR 154/10, WM 2011, 1324 Rn. 32[]
  14. BGBl.1972 II S. 774; im Folgenden: EuGVÜ[]
  15. EuGH, Slg.1998, I6511 Rn. 15, 17; NJW 2005, 811 Rn. 51; vgl. auch BGH, Urteil vom 22.04.2009 – VIII ZR 156/07, NJW 2009, 2606 Rn. 13[]
  16. EuGH, Slg.2009, I3961 Rn. 54[]
  17. EuGH, Slg.2009, I3961 Rn. 55[][]
  18. vgl. EuGH, Slg.2009, I3961 Rn. 60; Kropholler/von Hein, Europäisches Zivilprozessrecht, 9. Aufl., Art. 15 EuGVO Rn.20[]
  19. EuGH, Slg.2009, I3961 Rn. 54; so auch Musielak/Stadler, ZPO, 8. Aufl., Art. 15 EuGVVO Rn. 2; Saenger/Dörner, ZPO, 4. Aufl., EuGVVO Art. 5 Rn. 9, Art. 15 Rn. 6; Staudinger/Magnus, BGB, Bearb.2011, Art. 6 Rom IVO Rn. 63; Bach, IHR 2010, 17, 19, 22[]
  20. vgl. BGH, Urteil vom 27.05.2008 – XI ZR 132/07, WM 2008, 1260 Rn. 21 mwN[]