Ver­brau­cher­insol­venz- oder Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren?

Wird das auf Antrag des Schuld­ners eröff­ne­te Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren in ein Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren über­ge­lei­tet, hat der Schuld­ner hier­ge­gen das Rechts­mit­tel der sofor­ti­gen Beschwer­de. Wird das Ver­fah­ren auf Eigen­an­trag des Schuld­ners als Ver­brau­cher­insol­venz eröff­net, steht hier­ge­gen einem Gläu­bi­ger ein Beschwer­de­recht auch nicht mit dem Ziel zu, das Ver­fah­ren als Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren fort­zu­füh­ren.

Ver­brau­cher­insol­venz- oder Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren?

Beschwer­de­recht des Schuld­ners

Gegen die Zurück­wei­sung des Antrags auf Eröff­nung des Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­rens steht dem Schuld­ner das Recht zur Beschwer­de zu. Die für das all­ge­mei­ne Ver­fah­ren maß­geb­li­che Bestim­mung des § 34 Abs. 1 InsO, wel­che für den Schuld­ner als Antrag­stel­ler die Beschwer­de­be­fug­nis gegen die Zurück­wei­sung des Eigen­an­trags ein­räumt, gilt auf­grund der Ver­wei­sung in § 304 Abs. 1 Satz 1 InsO auch für das Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren [1].

Wird – wie im Streit­fall – der Eröff­nungs­an­trag des Schuld­ners nicht zurück­ge­wie­sen, son­dern das Ver­fah­ren nach Eröff­nung als Ver­brau­cher­insol­venz in ein Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren über­ge­lei­tet, so ist für den Schuld­ner hier­ge­gen das Rechts­mit­tel der sofor­ti­gen Beschwer­de eröff­net.

Nach ganz über­wie­gen­der Ansicht ist das Insol­venz­ge­richt an die vom Schuld­ner gewähl­te Ver­fah­rens­art gebun­den; es darf das Ver­fah­ren nicht in einer ande­ren als der bean­trag­ten Ver­fah­rens­art eröff­nen [2]. Bei einem Ver­stoß gegen die­se Bin­dung ist für den Schuld­ner, der an sei­ner Antrag­stel­lung im Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren fest­hal­ten will, nach ganz über­wie­gen­der Ansicht auch das Rechts­mit­tel der Beschwer­de eröff­net [3]. Nur ver­ein­zelt wird die Auf­fas­sung ver­tre­ten, das Insol­venz­ge­richt müs­se in einem sol­chen Fall den Antrag von Amts wegen ana­log § 17a GVG in das als zuläs­sig erach­te­te Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren über­füh­ren [4].

Die erst­ge­nann­te Auf­fas­sung ist zutref­fend. Die Eröff­nung in der ande­ren Ver­fah­rens­art beschwert den antrag­stel­len­den Schuld­ner eben­so wie die Über­lei­tung des antrags­ge­mäß eröff­ne­ten Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­rens in ein Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren im Hin­blick auf die struk­tu­rel­len Unter­schie­de zwi­schen bei­den Ver­fah­rens­ar­ten.

Die Ein­füh­rung des Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­rens beruht auf der Erwä­gung, für Klein­in­sol­ven­zen ein ver­ein­fach­tes, fle­xi­bles und nicht zuletzt kos­ten­spa­ren­des Ver­fah­ren zu schaf­fen [5]. Im Gegen­satz zum Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren zeich­net sich das Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren dadurch aus, dass ihm ein gericht­li­ches Schul­den­be­rei­ni­gungs­plan­ver­fah­ren vor­ge­schal­tet ist, das gege­be­nen­falls auch im eröff­ne­ten Ver­fah­ren fort­ge­setzt wer­den kann [6]. Bei der Eröff­nung eines ver­ein­fach­ten Ver­fah­rens ist anstel­le eines Insol­venz­ver­wal­ters (§ 27 Abs. 1 Satz 1 InsO) ein Treu­hän­der zu ernen­nen (§ 313 Abs. 1 Satz 1 und 2 InsO). Ihm oblie­gen aller­dings grund­sätz­lich die im Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren von dem Insol­venz­ver­wal­ter wahr­zu­neh­men­den Auf­ga­ben (§ 313 Abs. 1 Satz 1 InsO). Eben­so wie der Insol­venz­ver­wal­ter hat er die Insol­venz­mas­se ein­schließ­lich des Neu­erwerbs in Besitz zu neh­men, zu sichern und im Inter­es­se der best­mög­li­chen Gläu­bi­ger­be­frie­di­gung zu ver­wer­ten (§ 159 InsO). Eine wesent­li­che Begren­zung der Amts­be­fug­nis­se des Treu­hän­ders im Ver­gleich zu einem Insol­venz­ver­wal­ter sieht dage­gen § 313 Abs. 2 und 3 InsO bei der Durch­set­zung von Anfech­tungs­an­sprü­chen und bei der Ver­wer­tung mit Abson­de­rungs­rech­ten belas­te­ter Gegen­stän­de vor. Das Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren und das Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren bil­den daher ein­an­der aus­schlie­ßen­de, unter­schied­lich struk­tu­rier­te Ver­fah­rens­ar­ten [7]. Lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen eines Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­rens vor, darf kein Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren und umge­kehrt unter den Vor­aus­set­zun­gen eines Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­rens kein Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net wer­den.

Wird ein auf Eröff­nung des Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­rens gerich­te­ter Antrag mit der Begrün­dung abge­wie­sen, es lägen die Vor­aus­set­zun­gen eines Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­rens vor, ist der Schuld­ner gemäß § 34 Abs. 1 InsO beschwer­de­be­rech­tigt. Aus wel­chem Grund die Antrags­zu­rück­wei­sung erfolgt, ist für die Fra­ge der Beschwer­de­be­fug­nis uner­heb­lich.

Wird nicht die Ver­fah­rens­er­öff­nung abge­lehnt, son­dern nach Eröff­nung des Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­rens die Über­lei­tung in das Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren aus­ge­spro­chen, ist die Beschwer­de­be­rech­ti­gung des Schuld­ners eben­falls zu beja­hen. Nach der Eröff­nung des Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­rens ist eine Über­lei­tung in das Rege­l­in­sol­venz­ver­fah­ren nach der Sys­te­ma­tik des Geset­zes aus­ge­schlos­sen, sobald die im Eröff­nungs­be­schluss getrof­fe­ne Ent­schei­dung, wel­che Ver­fah­rens­art ein­greift, mit Ablauf der Beschwer­de­frist unan­fecht­bar gewor­den ist [8]. Ver­stößt das Insol­venz­ge­richt oder – wie hier – das an sei­ne Stel­le tre­ten­de Beschwer­de­ge­richt gegen die­sen Grund­satz, so kann der Schuld­ner sein Beschwer­de­recht auch gegen die ver­fah­rens­wid­ri­ge Über­lei­tung aus­üben.

Kein Beschwer­de­recht eines Gläu­bi­gers

Einem Gläu­bi­ger steht kein Beschwer­de­recht gegen die Eröff­nung des Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­rens zu. Das Ver­fah­ren wur­de vor­lie­gend auf Eigen­an­trag des Schuld­ners eröff­net; mit­hin war der Gläu­bi­ger kein Antrag­stel­ler im Sin­ne des § 34 Abs. 1 InsO. Nach unan­fecht­ba­rer Eröff­nung des Ver­fah­rens als Ver­brau­cher­insol­venz­ver­fah­ren bestand ohne­hin kein Beschwer­de­recht zu Guns­ten des Gläu­bi­gers. Damit ist die sofor­ti­ge Beschwer­de als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen [9].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. April 2013 – IX ZB 179/​10

  1. BGH, Beschluss vom 22.10.2009 – IX ZB 195/​08, ZIn­sO 2009, 2262 Rn. 4; OLG Cel­le, ZIP 2000, 802, 803; HK-InsO/­Land­fer­mann, 6. Aufl., § 304 Rn. 14; Hmb­Komm-InsO/S­treck, 4. Aufl., § 304 Rn. 10[]
  2. OLG Köln, ZIn­sO 2000, 612, 613; LG Göt­tin­gen, ZIn­sO 2007, 166, 167; Münch­Komm-InsO/­Gan­ter, 2. Aufl., § 5 Rn. 6; Uhlenbruck/​Vallender, InsO, 13. Aufl., § 304 Rn. 34; Braun/​Buck, InsO, 5. Aufl., § 304 Rn. 17; FKInsO/​Kothe/​Busch, 7. Aufl., § 304 Rn. 53; HK-InsO/­Land­fer­mann, aaO Rn. 14; HK-InsO/­Kirch­hof, aaO § 14 Rn. 5; Hen­ning in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, § 304 Rn. 56; Wen­zel in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2013, § 304 Rn. 7; Andres/​Leithaus, InsO, 2. Aufl., § 304 Rn. 14; Gottwald/​Uhlenbruck, Insol­venz­rechts­Hand­buch 4. Aufl., § 9 Rn. 9; Mohrbutter/​Ringstmeier/​Pape/​Sietz, Hand­buch der Insol­venz­ver­wal­tung, 8. Aufl., § 16 Rn. 22; Henckel, ZIP 2000, 2045, 2052[]
  3. OLG Cel­le, ZIP 2000, 802, 803; OLG Schles­wig, NZI 2000, 164; LG Göt­tin­gen, aaO; noch offen­ge­las­sen von BGH, Beschluss vom 21.02.2008 – IX ZB 62/​05, BGHZ 175, 307 Rn. 16; HK-InsO/­Land­fer­mann, aaO Rn. 14; FKInsO/​Kothe/​Busch, aaO; HK-InsO/­Kirch­hof, aaO, § 34 Rn. 8; Hmb­Komm-InsO/S­treck, aaO Rn. 10; Hen­ning in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, aaO Rn. 56; Graf-Schli­cker/Sa­bel, InsO, 3. Aufl., § 304 Rn. 4; Pape in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2009, § 34 Rn. 51; Wen­zel in Kübler/​Prütting/​Bork, aaO Rn. 8; Mohrbutter/​Ringstmeier/​Pape/​Sietz, aaO Rn. 22; aA Münch­Komm-InsO/­Schmahl, aaO, § 34 Rn. 67[]
  4. Bork, ZIP 1999, 301, 303; Römer­mann in Nerlich/​Römermann, InsO, 2011, § 304 Rn. 26[]
  5. BGH, Beschluss vom 21.02.2008 – IX ZB 62/​05, BGHZ 175, 307 Rn. 15; FKInsO/​Kothe/​Busch, aaO Rn. 2[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 25.09.2008 – IX ZB 233/​07, ZIn­sO 2008, 1324 Rn. 9[]
  7. BGH, Beschluss vom 21.02.2008, aaO Rn. 16; FKKothe/​Busch, aaO § 304 Rn. 50; Hmb­Komm-InsO/S­treck, aaO § 304 Rn. 9; Kübler/​Prütting/​Wenzel, aaO § 304 Rn. 6[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 21.02.2008, aaO Rn. 16; vom 24.03.2011 – IX ZB 80/​11, ZIn­sO 2011, 932 Rn. 8[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 25.06.2009, aaO Rn. 6[]