Ver­brau­cher­insol­venz und die Genos­sen­schafts­woh­nung

Kün­digt der Insolvenzverwalter/​Treuhänder die Mit­glied­schaft des Schuld­ners in einer Woh­nungs­ge­nos­sen­schaft, um damit das der Mas­se gebüh­ren­de Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­ben zu rea­li­sie­ren, hat der Schuld­ner kei­nen Anspruch auf Aus­keh­rung des Teils des Gut­ha­bens, den er als Kau­ti­on für die von ihm bewohn­te Woh­nung benö­tigt.

Ver­brau­cher­insol­venz und die Genos­sen­schafts­woh­nung

Allein die Not­wen­dig­keit, zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts Sozi­al­hil­fe in Anspruch neh­men zu müs­sen, begrün­det kei­ne sit­ten­wid­ri­ge Här­te. Die Anwen­dung des § 765a ZPO ermög­licht es nicht, der Mas­se kraft Geset­zes aus­drück­lich zuge­wie­se­ne Gegen­stän­de wie­der zu ent­zie­hen.

Der Insol­venz­ver­wal­ter kann die Mit­glied­schaft des Schuld­ners in einer Woh­nungs­ge­nos­sen­schaft mit dem Ziel, den zur Insol­venz­mas­se gehö­ri­gen Anspruch des Schuld­ners auf Aus­zah­lung des Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­bens (§ 73 GenG) zu rea­li­sie­ren, kün­di­gen. Das insol­venz­recht­li­che Kün­di­gungs­ver­bot für gemie­te­ten Wohn­raum ist auf die­sen Fall nicht ent­spre­chend anwend­bar [1].

Das Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­ben aus der Kün­di­gung des Genos­sen­schafts­an­teils fällt in die Insol­venz­mas­se. Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 765a ZPO über § 4 InsO kommt nicht in Betracht. Die Vor­schrift ermög­licht es nicht, der Mas­se aus­drück­lich kraft Geset­zes (§§ 35, 36 InsO) zuge­wie­se­ne Ver­mö­gens­wer­te wie­der zu ent­zie­hen [2]. Soweit das Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­ben nicht unter § 850f Abs. 1 Buchst. a ZPO fällt und auch sonst kein Pfän­dungs­schutz außer­halb des § 765a ZPO ein­greift, ist eine Unpfänd­bar­keit im Sin­ne des § 36 Abs. 1 InsO damit aus­ge­schlos­sen.

Die Auf­fas­sung, § 765a ZPO sei ein­schlä­gig, weil dies der Grund­satz des Nach­rangs der Sozi­al­hil­fe gebie­te, steht im Wider­spruch zur Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs. § 765a ZPO ermög­licht den Schutz gegen Voll­stre­ckungs­maß­nah­men, die wegen ganz beson­de­rer Umstän­de eine Här­te für den Schuld­ner bedeu­ten, die mit den guten Sit­ten nicht zu ver­ein­ba­ren ist. Die Vor­schrift ist als Aus­nah­me­vor­schrift eng aus­zu­le­gen. Anzu­wen­den ist § 765a ZPO nur dann, wenn im Ein­zel­fall das Vor­ge­hen des Gläu­bi­gers nach Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Belan­ge zu einem untrag­ba­ren Ergeb­nis füh­ren wür­de. Die Not­wen­dig­keit, zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts Sozi­al­hil­fe in Anspruch neh­men zu müs­sen, begrün­det als sol­che kei­ne sit­ten­wid­ri­ge Här­te. Auf Sozi­al­hil­fe besteht ein gesetz­li­cher Anspruch (vgl. § 17 Abs. 1 Satz 1 SGB XII). Die Antrag­stel­lung ist daher für Schuld­ner kei­ne beson­de­re Zumu­tung; die Sozi­al­hil­fe ermög­licht dem Bezie­her ein men­schen­wür­di­ges Dasein. Der Umstand, dass ein Schuld­ner infol­ge der Zwangs­voll­stre­ckung Sozi­al­hil­fe bean­tra­gen muss, reicht des­halb für die Anwend­bar­keit des § 765a ZPO nicht aus [3].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Dezem­ber 2010 – IX ZB 120/​10

  1. BGH, Urteil vom 19.03.2009 – IX ZR 58/​08, BGHZ 180, 185 Rn. 5 ff; vom 17.09.2009 – IX ZR 63/​09, ZIn­sO 2009, 2104, Rn. 5[]
  2. BGH, Beschluss vom 15.11.2007 – IX ZB 34/​06, ZIn­sO 2008, 40 Rn. 21[]
  3. BGH, Beschluss vom 21.12.2004 – IXa ZB 228/​03, BGHZ 161, 371, 374 ff m.w.N.[]