Ver­brau­cher­sa­chen – und die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit nach der EuGV­VO

Der Ver­brau­cher­be­griff des Art. 15 Abs. 1 lit. c) EuGV­VO ist unter Beach­tung der Sys­te­ma­tik und der mit der Ver­ord­nung ver­folg­ten Zie­le auto­nom aus­zu­le­gen. Die vom Euro­päi­schen Gerichts­hof für die Vor­gän­ger­re­ge­lung des Art. 13 Abs. 1 EuGVÜ auf­ge­stell­ten Aus­le­gungs­grund­sät­ze gel­ten auch für die Aus­le­gung des Art. 15 EuGV­VO 1.

Ver­brau­cher­sa­chen – und die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit nach der EuGV­VO

Danach betref­fen bei­de Vor­schrif­ten den nicht berufs- oder gewer­be­be­zo­gen han­deln­den pri­va­ten End­ver­brau­cher. Erfasst sind des­halb nur Ver­trä­ge, die eine Ein­zel­per­son zur Deckung ihres Eigen­be­darfs beim pri­va­ten Ver­brauch schließt und die kei­nen Bezug zu einer gegen­wär­ti­gen oder zukünf­ti­gen beruf­li­chen oder gewerb­li­chen Tätig­keit die­ser Per­son haben 2.

Die Ein­ord­nung des Ver­tra­ges obliegt dem ange­ru­fe­nen Gericht und ist auf­grund einer Gesamt­be­wer­tung vor­zu­neh­men, in die Inhalt, Art und Zweck des Ver­tra­ges sowie die objek­ti­ven Umstän­de bei Ver­trags­schluss ein­zu­be­zie­hen sind 3.

Ist der Gegen­stand des Ver­tra­ges für einen Zweck bestimmt, der sich teil­wei­se der beruf­li­chen oder gewerb­li­chen Tätig­keit der betref­fen­den Per­son zurech­nen lässt, greift der beson­de­re Schutz der Art. 15 ff EuGV­VO unab­hän­gig von der Gewich­tung zwi­schen pri­va­tem und beruf­lich­ge­werb­li­chem Zweck nicht ein, solan­ge der beruf­lich­ge­werb­li­che Zweck nicht der­art neben­säch­lich ist, dass er im Gesamt­zu­sam­men­hang des betref­fen­den Geschäfts nur eine ganz unter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt 4.

Der Umstand, dass auch die Ehe­frau Ver­trags­par­tei ist, führt nicht dazu, dass der Ver­trag in dem Rechts­streit Ver­brau­cher­ver­trag im Sin­ne der Art. 15 ff EuGV­VO ein­zu­ord­nen wäre.

Die beson­de­re – aus­schließ­li­che – Zustän­dig­keits­re­ge­lung des Art. 16 EuGV­VO in Ver­brau­cher­sa­chen soll nach ihrer Ziel­rich­tung dem Ver­brau­cher einen beson­de­ren Schutz ver­schaf­fen, indem sie ihm die Füh­rung des Rechts­streits mit dem Unter­neh­mer vor den Gerich­ten sei­nes Wohn­sitz­or­tes ermög­licht (Art. 16 Abs. 1 EuGV­VO) und sichert (Art. 16 Abs. 2 EuGV­VO) 5. Die­se Aus­nah­me­re­ge­lung wird mit der Erwä­gung gerecht­fer­tigt, dass der Ver­brau­cher gegen­über dem beruf­lich oder gewerb­lich han­deln­den Ver­trags­part­ner als wirt­schaft­lich schwä­cher und recht­lich weni­ger erfah­ren anzu­se­hen ist 6. Zugleich hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof stets betont, dass der Ver­brau­cher­be­griff wegen des Aus­nah­me­cha­rak­ters der beson­de­ren Schutz­re­ge­lung eng aus­zu­le­gen ist und nicht auf Per­so­nen aus­ge­dehnt wer­den darf, die die­ses Schut­zes nicht bedür­fen 7. Des­halb ist es nicht gerecht­fer­tigt, einem Beklag­ten, der von einem Unter­neh­mer aus einem auch beruf­lich­ge­werb­li­chen Zwe­cken die­nen­den Ver­trag gericht­lich in Anspruch genom­men wird und der inso­weit nach der Recht­spre­chung als auf glei­cher Stu­fe mit dem Unter­neh­mer ste­hend zu gel­ten hat 8, die Beru­fung auf die Zustän­dig­keits­re­ge­lung in Ver­brau­cher­sa­chen nur des­halb zu ermög­li­chen, weil aus dem Ver­trag auch eine nicht am Pro­zess betei­lig­te wei­te­re Per­son als Ver­trags­part­ner ver­pflich­tet und berech­tigt ist, die bei Ver­trags­schluss ihrer­seits nicht berufs- oder gewer­be­be­zo­gen gehan­delt hat. Die Ein­bin­dung eines Ver­brau­chers in den Ver­trag macht den auch beruf­lich­ge­werb­lich han­deln­den Ver­trags­part­ner des Unter­neh­mers im Hin­blick auf sei­ne gericht­li­che Inan­spruch­nah­me nicht schutz­be­dürf­tig. Eine zu sei­nen Guns­ten wir­ken­de Zurech­nung der Ver­brau­cher­ei­gen­schaft des nicht am Pro­zess betei­lig­ten Mit­ver­pflich­te­ten ist nicht gerecht­fer­tigt.

Die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis steht im Ein­klang mit der Sys­te­ma­tik der EuGV­VO. Nach dem Wil­len des Ver­ord­nungs­ge­bers sol­len die Zustän­dig­keits­vor­schrif­ten der EuGV­VO in hohem Maße vor­her­seh­bar sein 9. Um die­ses Rege­lungs­ziel zu gewähr­leis­ten, legt die Ver­ord­nung selbst die Anknüp­fungs­kri­te­ri­en genau fest 10 und stellt hier­bei, weil es um die Bestim­mung der Zustän­dig­keit für ein kon­kre­tes Pro­zess­rechts­ver­hält­nis geht, auf die Per­son der Pro­zess­par­tei­en oder auf den Gegen­stand die­ses Pro­zess­rechts­ver­hält­nis­ses ab, wie etwa auf den (Wohn)Sitz der Par­tei­en, auf den betref­fen­den Streit­ge­gen­stand, auf etwai­ge Ver­ein­ba­run­gen der am Pro­zess betei­lig­ten Par­tei­en über die Zustän­dig­keit, auf eine enge Ver­bin­dung zwi­schen dem Gericht und dem kon­kre­ten Rechts­streit oder auf das Inter­es­se an einer geord­ne­ten Rechts­pfle­ge 11. Die­se Rege­lungs­sys­te­ma­tik legt es nahe, auch für die Zweck­be­stim­mung des Ver­tra­ges im Sin­ne des Art. 15 Abs. 1 EuGV­VO nur auf die am Pro­zess­ver­hält­nis betei­lig­ten Per­so­nen abzu­stel­len. Wäre hin­ge­gen der her­an­ge­zo­ge­ne Umstand zu berück­sich­ti­gen, dass ein zwi­schen den Pro­zess­par­tei­en bestehen­der Ver­trag als Gegen­stand des Ver­fah­rens zugleich auch mate­ri­ell­recht­li­che Bedeu­tung für eine nicht am Pro­zess betei­lig­te Per­son haben kann, lie­fe dies der Vor­her­seh­bar­keit der Zustän­dig­keits­vor­schrif­ten zuwi­der.

Die Not­wen­dig­keit einer Aus­le­gung der Art. 15 Abs. 1 lit. c), Art. 16 Abs. 2 EuGV­VO ver­pflich­tet den Bun­des­ge­richts­hof nicht zu einer Vor­la­ge an den Euro­päi­schen Gerichts­hof gemäß Art. 267 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 3 AEUV. Die Aus­le­gungs­fra­ge ist zwar noch nicht Gegen­stand einer Ent­schei­dung des Gerichts­hofs gewe­sen. Eine Vor­la­ge kann jedoch unter­blei­ben, wenn die rich­ti­ge Anwen­dung des Uni­ons­rechts der­art offen­kun­dig ist, dass für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel kein Raum bleibt. Ob dies der Fall ist, ist von den natio­na­len Gerich­ten unter Berück­sich­ti­gung der Eigen­hei­ten des Uni­ons­rechts, der beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten sei­ner Aus­le­gung und der Gefahr von­ein­an­der abwei­chen­der Gerichts­ent­schei­dun­gen inner­halb der Gemein­schaft zu beur­tei­len 12. Die Aus­le­gung der Art. 15 Abs. 1 lit. c), Art. 16 Abs. 2 EuGV­VO mit dem vor­ste­hend genann­ten Ergeb­nis ist im Sin­ne die­ser Grund­sät­ze nicht zwei­fel­haft. Der Bun­des­ge­richts­hof ist fer­ner davon über­zeugt, dass die glei­che Gewiss­heit auch für die Gerich­te der übri­gen Mit­glied­staa­ten und für den Euro­päi­schen Gerichts­hof besteht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Okto­ber 2016 – IX ZB 9/​16

  1. EuGH, Urteil vom 14.03.2013, C419/​11, ?eská spo?itelna /​Gerald Feich­ter, ECLI:EU:C:2013:165 Rn. 28 und 31; vom 28.01.2015, C375/​13, Harald Kolassa/​Barclays Bank, NJW 2015, 1581 Rn. 21[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung seit EuGH, Urteil vom 19.01.1993, C89/​91, She­ar­son Leh­man Hutton, Slg. 1993, I139 Rn.20 und 22; vom 03.07.1997, C269/​95, Ben­in­ca­sa, Slg. 1997, I3767 Rn. 15; vom 14.03.2013, aaO Rn. 32 und 34, jeweils mwN[]
  3. für Art. 13 EuGVÜ EuGH, Urteil vom 20.01.2005, C464/​01, Gru­ber, Slg. 2005, I439 Rn. 44 und 47[]
  4. für Art. 13 EuGVÜ EuGH, Urteil vom 20.01.2005, aaO Rn. 39 ff[]
  5. vgl. Erwä­gungs­grund 13; und EuGH, Urteil vom 03.07.1997, C269/​95, Ben­in­ca­sa, Slg. 1997, I3767 Rn. 13 f.[]
  6. EuGH, Urteil vom 03.07.1997, aaO Rn. 17; vom 20.01.2005, aaO Rn. 34 mwN[]
  7. EuGH, Urteil vom 19.01.1993, aaO Rn.19; vom 14.03.2013, aaO Rn. 33; vom 28.01.2015, C375/​13, Harald Kolassa/​Barclays Bank, NJW 2015, 1581 Rn. 28[]
  8. vgl. EuGH, Urteil vom 20.01.2005, aaO Rn. 40[]
  9. Erwä­gungs­grund 11 Satz 1[]
  10. vgl. Erwä­gungs­grund 11 Satz 1 und Satz 2[]
  11. vgl. Erwä­gungs­grün­de 11 und 12[]
  12. EuGH, Urteil vom 06.10.1982, C283/​81, C.I.L.F.I.T., Slg. 1982, 3415 Rn. 16 ff; vgl. BVerfG, VersR 2014, 609 Rn. 27[]