Ver­fah­rens­ge­bühr beim Beru­fungs­be­klag­ten

Eine mit der Ent­ge­gen­nah­me der Beru­fungs­schrift ver­bun­de­ne Prü­fung von Fra­gen, die gebüh­ren­recht­lich zur ers­ten Instanz gehö­ren, löst die Ver­fah­rens­ge­bühr für die Beru­fungs­in­stanz nicht aus.

Ver­fah­rens­ge­bühr beim Beru­fungs­be­klag­ten

Nach § 15 Abs. 1 RVG ent­gel­ten die Gebüh­ren die gesam­te Tätig­keit des Rechts­an­walts vom Auf­trag bis zur Erle­di­gung der Ange­le­gen­heit. In gericht­li­chen Ver­fah­ren kann er die Gebüh­ren in jedem Rechts­zug for­dern (§ 15 Abs. 2 Satz 2 RVG). Zum jewei­li­gen Rechts­zug gehö­ren dabei auch Neben- und Abwick­lungs­tä­tig­kei­ten (§ 19 Abs. 1 Satz 1 RVG). In § 19 Abs. 1 Satz 2 RVG hat der Gesetz­ge­ber anhand von Regel­bei­spie­len Tätig­kei­ten auf­ge­führt, die er als zum Rechts­zug gehö­rig ansieht. Nach Nr. 9 die­ser Bestim­mung gehört dazu auch die Inemp­fang­nah­me von Rechts­mit­tel­schrif­ten und ihre Mit­tei­lung an den Auf­trag­ge­ber 1. Dazu ist auch zu zäh­len die Ent­ge­gen­nah­me und Wei­ter­lei­tung der Bit­te eines Rechts­mit­tel­füh­rers, dass die Gegen­sei­te noch kei­nen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bestel­len möge 2.

Die Ver­fah­rens­ge­bühr nach VV-RVG Nr. 3200 ent­steht, wenn der Rechts­an­walt in irgend­ei­ner Wei­se über die genann­ten Neben- und Abwick­lungs­tä­tig­kei­ten hin­aus im Rah­men der Erfül­lung sei­nes Pro­zess­auf­trags tätig gewor­den ist. Eines nach außen erkenn­ba­ren Tätig­wer­dens bedarf es nicht 3; es genügt das Betrei­ben des Geschäfts ein­schließ­lich der Infor­ma­ti­on des Man­dan­ten 4. Der Rechts­an­walt hat die Gebühr ver­dient, wenn er Infor­ma­tio­nen ent­ge­gen­nimmt oder mit sei­nem Man­dan­ten bespricht, wie er auf das von der Gegen­sei­te ein­ge­leg­te Rechts­mit­tel reagie­ren soll. Auch die inter­ne Prü­fung, ob ein Man­dant sich gegen das ein­ge­leg­te Rechts­mit­tel weh­ren soll, lässt die Ver­fah­rens­ge­bühr ent­ste­hen 5.

Einen Sach­ver­halt, der das Ent­ste­hen der Ver­fah­rens­ge­bühr nach VV-RVG Nr. 3200, 3201 begrün­den könn­te, hat das Beschwer­de­ge­richt ver­fah­rens­feh­ler­frei nicht fest­stel­len kön­nen. Die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten haben ledig­lich die Beru­fungs­schrift und gleich­zei­tig ein per­sön­li­ches Schrei­ben der Klä­ger­ver­tre­ter an sie ent­ge­gen­ge­nom­men, in dem dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den ist, dass die Beru­fungs­ein­le­gung nur frist­wah­rend erfolgt sei, und die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten gebe­ten wur­den, sich vor­erst noch nicht zu bestel­len. Eine wei­te­re Tätig­keit, etwa eine Prü­fung die­ser Schrei­ben dar­auf, ob etwas für den Man­dan­ten zu ver­an­las­sen sei, hat der Beklag­te nicht behaup­tet. Mit die­sen Tätig­kei­ten haben die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten die Ver­fah­rens­ge­bühr nicht ver­dient 6.

Selbst wenn die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten die Beru­fungs­schrift und das besag­te Schrei­ben dar­auf­hin geprüft hät­ten, ob etwas zu ver­an­las­sen ist, wäre die Ver­fah­rens­ge­bühr nach VV-RVG Nr. 3200, 3201 noch nicht ohne Wei­te­res ange­fal­len. Denn solan­ge der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te eines Beru­fungs­be­klag­ten bei der Ent­ge­genah­me der Beru­fungs­schrift nur Fra­gen prüft, die § 19 RVG gebüh­ren­recht­lich der vor­he­ri­gen Instanz zuord­net, hat er die im Beru­fungs­ver­fah­ren ent­ste­hen­de Ver­fah­rens­ge­bühr nicht ver­dient 7. Ande­res gilt nur, wenn er Tätig­kei­ten ent­fal­tet und sei es auch in der Form der Prü­fung, ob etwas zu ver­an­las­sen ist, die sich gebüh­ren­recht­lich auf das Beru­fungs­ver­fah­ren bezie­hen. Dies müss­te im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren vor­ge­tra­gen wer­den.

Wegen der ver­fah­rens­recht­lich anders aus­ge­stal­te­ten Beschwer­de kön­nen die hier­auf bezo­ge­nen gebüh­ren­recht­li­chen Erwä­gun­gen des V. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs in sei­nem Beschluss vom 6. Mai 2005 8 auf das Beru­fungs­ver­fah­ren nicht über­tra­gen wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. Okto­ber 2012 – IX ZB 62/​10

  1. BAG, NJW 2008, 1340 Rn. 9[]
  2. KG, Jur­Bü­ro 1979, 388; Han­sens, NJW 1992, 1148; Gerold/​Schmidt/​MüllerRabe, RVG, 20. Aufl., § 19 Rn. 87[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 06.04.2005 – V ZB 25/​04, NJW 2005, 2233[]
  4. OLG Naum­burg, Jur­Bü­ro 2012, 312, 313; vgl. OLG Frank­furt, ZfS 2010, 405[]
  5. BGH, Beschluss vom 06.12.2007 – IX ZB 223/​06, NJW 2008, 1087 Rn. 6; vgl. Gerold/​Schmidt/​MüllerRabe, RVG, 20. Aufl., VV-RVG 3200 Rn. 16 ff[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 06.12.2007 – IX ZB 223/​06, NJW 2008, 1087 Rn. 6[]
  7. vgl. LArbG Ber­lin, Beschluss vom 13.08.2012 – 17 Ta(Kost) 6077/​12, Rn. 4; Gerold/​Schmidt, RVG, 20. Aufl., § 19 Rn. 88, 94[]
  8. BGH, Beschluss vom 06.04.2005 – V ZB 25/​04, NJW 2005, 2233[]