Ver­gü­tung fürs Kar­ten­le­gen per Tele­fon

Kann für eine Ver­gü­tung für eine Lebens­be­ra­tung ver­langt wer­den, die durch Kar­ten­le­gen erfolgt? Oder all­ge­mei­ner: Besteht über­haupt ein Anspruch auf Ver­gü­tung für eine Leis­tung, die unter Ein­satz über­na­tür­li­cher, magi­scher Kräf­te und Fähig­kei­ten erbracht wer­den soll?

Ver­gü­tung fürs Kar­ten­le­gen per Tele­fon

Mit die­ser Fra­ge hat­te sich nach dem Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart jetzt auch der Bun­des­ge­richts­hof zu beschäf­ti­gen: Die Klä­ge­rin ist als Selb­stän­di­ge mit Gewer­be­an­mel­dung tätig und bie­tet Lebens­be­ra­tung ("life coa­ching"), wobei sie ihre Rat­schlä­ge anhand der durch Kar­ten­le­gen gewon­ne­nen Erkennt­nis­se erteilt. In einer durch Bezie­hungs­pro­ble­me aus­ge­lös­ten Lebens­kri­se stieß der Beklag­te im Sep­tem­ber 2007 auf die Klä­ge­rin. In der Fol­ge­zeit leg­te sie ihm am Tele­fon in vie­len Fäl­len zu ver­schie­de­nen – pri­va­ten und beruf­li­chen – Lebens­fra­gen die Kar­ten und gab Rat­schlä­ge. Hier­für zahl­te der Beklag­te im Jahr 2008 mehr als 35.000 €. Für im Janu­ar 2009 erbrach­te Leis­tun­gen ver­langt die Klä­ge­rin mit ihrer Kla­ge 6.723,50 €. Die Kla­ge ist in bei­den Vor­in­stan­zen ohne Erfolg geblie­ben. Sowohl das Land­ge­richt Stutt­gart 1 wie auch in der Beru­fungs­in­stanz das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart 2 haben den gel­tend gemach­ten Ver­gü­tungs­an­spruch mit der Begrün­dung ver­neint, dass die von der Klä­ge­rin ver­spro­che­ne Leis­tung auf den Gebrauch über­na­tür­li­cher, magi­scher Kräf­te und Fähig­kei­ten gerich­tet und damit objek­tiv unmög­lich sei, so dass der Anspruch die Gegen­leis­tung (Ent­gelt) gemäß § 326 Abs. 1 Satz 1 BGB, § 275 Abs. 1 BGB ent­fal­le.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat zunächst die Annah­me der Stutt­gar­ter Gerich­te gebil­ligt, dass die von der Klä­ge­rin ver­spro­che­ne Leis­tung objek­tiv unmög­lich ist. Eine Leis­tung ist objek­tiv unmög­lich, wenn sie nach den Natur­ge­set­zen oder nach dem Stand der Erkennt­nis von Wis­sen­schaft und Tech­nik schlecht­hin nicht erbracht wer­den kann. So liegt es beim Ver­spre­chen des Ein­sat­zes über­na­tür­li­cher, "magi­scher" oder para­psy­cho­lo­gi­scher Kräf­te und Fähig­kei­ten.

Aller­dings folgt für den Bun­des­ge­richts­hof aus der objek­ti­ven Unmög­lich­keit der ver­spro­che­nen Leis­tung nicht zwin­gend, dass der Ver­gü­tungs­an­spruch der Klä­ge­rin nach § 326 Abs. 1 Satz 1 BGB ent­fällt. Die Ver­trags­par­tei­en kön­nen im Rah­men der Ver­trags­frei­heit und in Aner­ken­nung ihrer Selbst­ver­ant­wor­tung wirk­sam ver­ein­ba­ren, dass eine Sei­te sich – gegen Ent­gelt – dazu ver­pflich­tet, Leis­tun­gen zu erbrin­gen, deren Grund­la­gen und Wir­kun­gen nach den Erkennt­nis­sen der Wis­sen­schaft und Tech­nik nicht erweis­lich sind, son­dern nur einer inne­ren Über­zeu­gung, einem dahin­ge­hen­den Glau­ben oder einer irra­tio­na­len, für Drit­te nicht nach­voll­zieh­ba­ren Hal­tung ent­spre­chen. "Erkauft" sich jemand der­ar­ti­ge Leis­tun­gen im Bewusst­sein dar­über, dass die Geeig­net­heit und Taug­lich­keit die­ser Leis­tun­gen zur Errei­chung des von ihm gewünsch­ten Erfolgs ratio­nal nicht erklär­bar ist, so wür­de es Inhalt und Zweck des Ver­trags sowie den Moti­ven und Vor­stel­lun­gen der Par­tei­en wider­spre­chen, den Ver­gü­tungs­an­spruch des Dienst­ver­pflich­te­ten zu ver­nei­nen. Nach den Umstän­den des Fal­les liegt die Annah­me nicht fern, dass die Klä­ge­rin nach dem Wil­len der Par­tei­en die ver­ein­bar­te Ver­gü­tung unge­ach­tet des Umstands bean­spru­chen konn­te, dass die "Taug­lich­keit" der erbrach­ten Leis­tung ratio­nal nicht nach­weis­bar ist.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Sache daher an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen, um zu klä­ren, ob ein sol­cher Wil­len der Par­tei­en bestand, aber auch, um die bis­lang offen gelas­se­ne Fra­ge zu beant­wor­ten, ob die Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en nach § 138 BGB wegen Sit­ten­wid­rig­keit nich­tig ist. In die­sem Zusam­men­hang darf nicht ver­kannt wer­den, dass sich vie­le Per­so­nen, die der­ar­ti­ge Ver­trä­ge schlie­ßen, in einer schwie­ri­gen Lebens­si­tua­ti­on befin­den oder es sich bei ihnen um leicht­gläu­bi­ge, uner­fah­re­ne oder psy­chisch labi­le Men­schen han­delt. Daher dür­fen in sol­chen Fäl­len kei­ne all­zu hohen Anfor­de­run­gen an einen Ver­stoß gegen die guten Sit­ten im Sin­ne des § 138 Abs. 1 BGB gestellt wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. Janu­ar 2011 – III ZR 87/​10

  1. LG Stutt­gart, Urteil vom 09.10.2009 – 19 O 101/​09[]
  2. OLG Stutt­gart, Urteil vom 08.04.2010 – 7 U 191/​09[]