Ver­jäh­rungs­hem­mung durch selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren

Zur Hem­mung der Ver­jäh­rung durch einen Antrag auf Durch­füh­rung eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens, der von einer Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft unter Nen­nung der Namen aller Eigen­tü­mer, ver­tre­ten durch den Ver­wal­ter, im Jah­re 2007 ein­ge­lei­tet wor­den ist.

Ver­jäh­rungs­hem­mung durch selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren

Nur der Antrag eines mate­ri­ell Berech­tig­ten auf Durch­füh­rung eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens hemmt den Ein­tritt der Ver­jäh­rung nach § 204 Abs. 1 Nr. 7 BGB [1].

Vor­lie­gend sind Berech­tig­te der Män­gel­be­sei­ti­gungs­an­sprü­che die ein­zel­nen Woh­nungs­ei­gen­tü­mer. Die­se waren befugt, mit ver­jäh­rungs­hem­men­der Wir­kung den Beweis­si­che­rungs­an­trag zu stel­len [2]. Die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft hat­te die Durch­set­zung der Män­gel­an­sprü­che im Zeit­punkt der Antrag­stel­lung noch nicht an sich gezo­gen, so dass sie die Ver­jäh­rung auch nicht infol­ge der aus einem sol­chen Beschluss her­ge­lei­te­ten Pro­zess­stand­schaft hem­men konn­te [3]. Eine nach­träg­li­che Geneh­mi­gung des Antrags auf Durch­füh­rung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens durch den Berech­tig­ten kann die Hem­mung der Ver­jäh­rung nur mit Wir­kung ex nunc her­bei­füh­ren [4].

Indes ist der Antrag auf Durch­füh­rung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens aus­zu­le­gen.

Wer Par­tei eines Zivil­rechts­ver­fah­rens ist, ergibt sich aus der in der Kla­ge- oder Antrags­schrift gewähl­ten Par­tei­be­zeich­nung, die nach der Recht­spre­chung als Teil einer Pro­zess­hand­lung grund­sätz­lich der Aus­le­gung zugäng­lich ist. Maß­ge­bend ist, wel­cher Sinn die­ser pro­zes­sua­len Erklä­rung bei objek­ti­ver Wür­di­gung des Erklä­rungs­in­halts bei­zu­le­gen ist. Des­halb ist bei objek­tiv unrich­ti­ger oder mehr­deu­ti­ger Bezeich­nung grund­sätz­lich die­je­ni­ge Per­son als Par­tei anzu­se­hen, die erkenn­bar durch die feh­ler­haf­te Par­tei­be­zeich­nung betrof­fen wer­den soll. Für die Ermitt­lung der Par­tei­en durch Aus­le­gung ihrer Bezeich­nung sind nicht nur die im Rubrum der Kla­ge- oder Antrags­schrift ent­hal­te­nen Anga­ben, son­dern auch ihr gesam­ter Inhalt ein­schließ­lich etwai­ger bei­gefüg­ter Anla­gen zu berück­sich­ti­gen. Dabei gilt der Grund­satz, dass die Kla­ge­er­he­bung durch die in Wahr­heit gemein­te Par­tei oder der durch die Antrag­stel­lung bezweck­te Erfolg nicht an der feh­ler­haf­ten Bezeich­nung schei­tern darf, wenn die­se Män­gel in Anbe­tracht der jewei­li­gen Umstän­de letzt­lich kei­ne ver­nünf­ti­gen Zwei­fel an dem wirk­lich Gewoll­ten auf­kom­men las­sen. Er greift auch dann, wenn statt der rich­ti­gen Bezeich­nung irr­tüm­lich die Bezeich­nung einer tat­säch­lich exis­tie­ren­den (juris­ti­schen oder natür­li­chen) Per­son gewählt wird, solan­ge nur aus dem Inhalt der Kla­ge oder der Antrags­schrift und den etwai­gen Anla­gen unzwei­fel­haft deut­lich wird, wel­che Par­tei tat­säch­lich gemeint ist. Von der feh­ler­haf­ten Par­tei­be­zeich­nung zu unter­schei­den ist die irr­tüm­li­che Benen­nung der fal­schen, am mate­ri­el­len Rechts­ver­hält­nis nicht betei­lig­ten Per­son als Par­tei; die­se wird Par­tei, weil es ent­schei­dend auf den Wil­len des Antrags­stel­lers so, wie er objek­tiv geäu­ßert ist, ankommt [5]. Ent­schei­dend ist hier­bei, wel­chen Sinn die Erklä­rung aus der Sicht des Gerichts und des Pro­zess­geg­ners als Emp­fän­ger hat [6].

In der Vor­in­stanz hat das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den [7] die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft als Antrag­stel­le­rin ange­se­hen und nicht in Betracht gezo­gen, dass auch die ein­zel­nen Eigen­tü­mer Antrag­stel­ler des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens sein kön­nen. Das ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs feh­ler­haft, da die Bezeich­nung der "WEG B.Stra­ße 4 in L. (Namen aller Eigen­tü­mer sie­he Lis­te Anla­ge A 1), ver­tre­ten durch den WEG-Ver­wal­ter…" mehr­deu­tig ist. Damit kön­nen sowohl die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft als auch sämt­li­che in der Lis­te auf­ge­führ­ten Eigen­tü­mer als Antrag­stel­ler bezeich­net sein.

Das Revi­si­ons­ge­richt kann die in der Antrags­schrift ent­hal­te­ne Par­tei­be­zeich­nung als pro­zes­sua­le Wil­lens­er­klä­rung selbst aus­le­gen [8], zumal wei­te­re Fest­stel­lun­gen nicht zu erwar­ten sind. Dem Antrag war in Anla­ge A 1 eine Lis­te aller Woh­nungs­ei­gen­tü­mer bei­gefügt. Der Antrags­schrift war ein Kon­vo­lut von Ein­zel­voll­mach­ten der in der Lis­te benann­ten Eigen­tü­mer für den Ver­wal­ter bei­gefügt. Des­sen hät­te es nicht bedurft, wenn die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft Antrag­stel­le­rin gewe­sen wäre. In der Antrags­schrift ist die Par­tei als "Antrag­stel­ler" und nicht als "Antrag­stel­le­rin" bezeich­net wor­den. Eine Beschluss­fas­sung der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ver­samm­lung, wonach die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft die Durch­set­zung der auf ord­nungs­ge­mä­ße Her­stel­lung des Gemein­schafts­ei­gen­tums gerich­te­ten Rech­te der Erwer­ber von Woh­nungs­ei­gen­tum an sich gezo­gen hät­te, ist nicht vor­ge­tra­gen und hat­te tat­säch­lich bis zu die­sem Zeit­punkt nicht statt­ge­fun­den.

Die For­mu­lie­rung der Par­tei­be­zeich­nung im Antrag vom 05.04.2007 ent­spricht der bis dahin gebräuch­li­chen Par­tei­be­zeich­nung einer Kla­ge oder eines Antra­ges aller Woh­nungs­ei­gen­tü­mer, ver­tre­ten durch den Ver­wal­ter der Gemein­schaft [9]. Die Bezeich­nung der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft in Schrift­sät­zen wur­de vor dem Jahr 2005 als eine kur­ze zusam­men­fas­sen­de Bezeich­nung der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer, deren Ein­zel­an­füh­rung bei den häu­fig anzu­tref­fen­den gro­ßen Gemein­schaf­ten als läs­tig und unnö­tig emp­fun­den wur­de, ange­se­hen [10]. Eine sol­che Antrag­stel­lung ist auch nach Aner­ken­nung der Teil­rechts­fä­hig­keit der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft mög­lich. Jeden­falls solan­ge die Gemein­schaft die Durch­set­zung nicht an sich gezo­gen hat, blei­ben die ein­zel­nen Eigen- tümer berech­tigt, die Beweis­si­che­rung zu bean­tra­gen [11].

Ent­spre­chend dem Grund­satz, dass eine Par­tei mit ihrer Pro­zess­hand­lung das bezweckt, was nach Maß­stä­ben der Rechts­ord­nung ver­nünf­tig ist und ihrer recht ver­stan­de­nen Inter­es­sen­la­ge ent­spricht [12], sind die Eigen­tü­mer nach bei­gefüg­ter Lis­te Antrag­stel­ler des Antrags auf Durch­füh­rung eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens gegen die Beklag­te gewe­sen. Der Antrag wur­de daher vom Berech­tig­ten des zugrun­de lie­gen­den Män­gel­be­sei­ti­gungs­an­spruchs gestellt und war damit geeig­net, die Ver­jäh­rung der Män­gel­be­sei­ti­gungs­an­sprü­che der Eigen­tü­mer zu hem­men.

Der Antrag auf Durch­füh­rung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens hat die Hem­mung der Ver­jäh­rung bewirkt, obwohl er ent­ge­gen § 204 Abs. 1 Nr. 7 BGB nicht förm­lich zuge­stellt, son­dern ledig­lich form­los mit­ge­teilt wur­de. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass die Ver­jäh­rung auch dann gemäß § 204 Abs. 1 Nr. 7 BGB i.V.m. § 189 ZPO gehemmt wird, wenn der Antrags­geg­ner den Antrag auf Durch­füh­rung eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens ledig­lich auf­grund einer form­lo­sen Über­sen­dung durch das Gericht erhal­ten hat. Auf den feh­len­den Wil­len des Gerichts, eine förm­li­che Zustel­lung vor­zu­neh­men, kommt es nicht an [13]. Dar­an hält der Bun­des­ge­richts­hof fest.

Das Beru­fungs­ge­richt hat kei­ne Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen, dass die Kla­ge unter Berück­sich­ti­gung des Zeit­punkts der Been­di­gung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens und der Rege­lung in § 204 Abs. 2 BGB in ver­jähr­ter Zeit erho­ben wor­den wäre. In der Revi­si­ons­in­stanz ist davon aus­zu­ge­hen, dass das nicht der Fall ist. Dar­über hin­aus hat das Beru­fungs­ge­richt offen­ge­las­sen, ob die ab Okto­ber 2007 von der Beklag­ten nach Vor­lie­gen des Gut­ach­tens im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren durch­ge­führ­ten Män­gel­be­sei­ti­gungs­ar­bei­ten als Aner­kennt­nis im Sin­ne des § 212 Abs. 1 Nr. 1 BGB zu wer­ten sind. Für die Revi­si­on ist daher davon aus­zu­ge­hen, dass die fünf­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist von da an neu zu lau­fen begon­nen hat und durch die Kla­ge­er­he­bung im Dezem­ber 2008 erneut gehemmt wur­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­ur­teil vom 20. Juni 2013 – VII ZR 71/​11

  1. BGH, Urtei­le vom 04.03.1993- VII ZR 148/​92, BauR 1993, 473; und vom 21.12.2000 – VII ZR 407/​99, BauR 2001, 674 = NZBau 2001, 201[]
  2. BGH, Urteil vom 11.10.1979 – VII ZR 247/​78, BauR 1980, 69, 71; Urteil vom 06.06.1991 – VII ZR 372/​89, BGHZ 114, 383, 393[]
  3. vgl. dazu BGH, Urteil vom 12.04.2007 – VII ZR 236/​05, BGHZ 172, 42[]
  4. BGH, Urtei­le vom 04.03.1993 – VII ZR 148/​92, aaO; und vom 09.11.1966 – V ZR 176/​63, BGHZ 46, 221 Rn. 15[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.03.2011 – VII ZR 54/​10, BauR 2011, 1041 = NZBau 2011, 416; vom 27.11.2007 – X ZR 144/​06, NJW-RR 2008, 582[]
  6. BGH, Urteil vom 24.01.2013 – VII ZR 128/​12, BauR 2013, 634 Rn. 14 = NZBau 2013, 221 m.w.N.[]
  7. OLG Dres­den, Urteil vom 16.02.2011 – 1 U 1489/​10[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 24.01.1952 – III ZR 196/​50, BGHZ 4, 328, 335[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.01.1983 – VII ZR 210/​81, BauR 1983, 255; und vom 12.05.1977 – VII ZR 167/​76, BauR 1977, 341[]
  10. BGH, Urteil vom 12.05.1977 – VII ZR 167/​76, aaO, Rn. 10[]
  11. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.04.2007 – VII ZR 236/​05, aaO Rn. 18; und vom 15.04.2004 – VII ZR 130/​03, BauR 2004, 1148 = NZBau 2004, 435[]
  12. BGH, Urteil vom 05.04.2001 – VII ZR 135/​00, BGHZ 147, 220, 224; Urteil vom 19.01.2001 – V ZR 437/​99, BGHZ 146, 298, 310; Beschluss vom 22.05.1995 – II ZB 2/​95, NJW-RR 1995, 1183[]
  13. BGH, Urteil vom 27.01.2011 – VII ZR 186/​09, BGHZ 188, 128 Rn. 3548[]