Ver­jäh­rungs­hem­mung per Güte­an­trag – und die feh­len­de Indi­vi­dua­li­sie­rung

Die Kla­ge­for­de­rung ist wegen Ablaufs der kennt­nis­un­ab­hän­gi­gen Ver­jäh­rungs­frist nach § 199 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 BGB ins­ge­samt ver­jährt (§ 214 Abs. 1 BGB), wenn der Güte­an­trag nicht den Anfor­de­run­gen an die nöti­ge Indi­vi­dua­li­sie­rung des gel­tend gemach­ten pro­zes­sua­len Anspruchs nach § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB ent­spricht 1.

Ver­jäh­rungs­hem­mung per Güte­an­trag – und die feh­len­de Indi­vi­dua­li­sie­rung

Der Güte­an­trag hat in Anla­ge­be­ra­tungs­fäl­len regel­mä­ßig

  • die kon­kre­te Kapi­tal­an­la­ge zu bezeich­nen,
  • die Zeich­nungs­sum­me sowie
  • den (unge­fäh­ren) Bera­tungs­zeit­raum anzu­ge­ben und
  • den Her­gang der Bera­tung min­des­tens im Gro­ben zu umrei­ßen.

Fer­ner ist das ange­streb­te Ver­fah­rens­ziel zumin­dest soweit zu umschrei­ben, dass dem Geg­ner und der Güte­stel­le ein Rück­schluss auf Art und Umfang der ver­folg­ten For­de­rung mög­lich ist.

Eine genaue Bezif­fe­rung der For­de­rung muss der Güte­an­trag sei­ner Funk­ti­on gemäß dem­ge­gen­über grund­sätz­lich nicht ent­hal­ten 2.

Auch bedarf es für die Indi­vi­dua­li­sie­rung nicht der Anga­be von Ein­zel­hei­ten, wie sie für die Sub­stan­ti­ie­rung des anspruchs­be­grün­den­den Vor­brin­gens erfor­der­lich sind 3.

Die­se Anfor­de­run­gen ste­hen Revi­si­on im Ein­klang mit den Vor­ga­ben in § 5 Satz 3 des Schlich­tungs­ge­set­zes Baden-Würt­tem­berg 4, wonach durch die gefor­der­ten Anga­ben das Begeh­ren der antrag­stel­len­den Par­tei für die Schlich­tungs­per­son und die Gegen­par­tei erkenn­bar und der Streit­ge­gen­stand im Hin­blick auf die Zuläs­sig­keits­prü­fung eines sich mög­li­cher­wei­se anschlie­ßen­den Gerichts­ver­fah­rens fest­ge­legt wer­den soll 5.

Den vor­ge­nann­ten Erfor­der­nis­sen genügt ein Güte­an­trag nicht, der kei­nen Bezug zum kon­kre­ten Bera­tungs­her­gang in dem der Güte­stel­le vor­ge­leg­ten Ein­zel­fall auf­weist, als indi­vi­du­el­le Anga­ben ledig­lich den Namen und die Anschrift der Klä­ger (als Antrag­stel­ler) sowie die Bezeich­nung des Anla­ge­fonds ent­hält und weder die Zeich­nungs sum­me noch den (unge­fäh­ren) Bera­tungs­zeit­raum noch ande­re die getä­tig­te Anla­ge indi­vi­dua­li­sie­ren­de Tat­sa­chen ent­hält.

Auch wird das ange­streb­te Ver­fah­rens­ziel in dem Güte­an­trag nicht aus­rei­chend beschrie­ben, wenn zwar von "Scha­dens­er­satz aus feh­ler­haf­ter Anla­ge­be­ra­tung" sowie davon die Rede ist, dass ein Anspruch gel­tend gemacht wer­de, "so gestellt zu wer­den, als hätte/​n ich/​wir die Betei­li­gung nie getä­tigt". Damit bleibt jedoch offen, ob der voll­stän­di­ge Zeich­nungs­scha­den oder nur ein Dif­fe­renz­scha­den (etwa nach zwi­schen­zeit­li­cher Ver­äu­ße­rung der Betei­li­gung oder unter Gel­tend­ma­chung einer güns­ti­ge­ren Alter­na­tiv­be­tei­li­gung) begehrt wird. Zudem ist dem Güte­an­trag nicht zu ent­neh­men, ob das ein­ge­brach­te Betei­li­gungs­ka­pi­tal fremd­fi­nan­ziert war, so dass ein etwai­ger Scha­den auch oder gar in ers­ter Linie in den auf­ge­brach­ten Zins- und Til­gungs­leis­tun­gen bestand, wie es vor­lie­gend der Fall war. Die Art und die Grö­ßen­ord­nung des gel­tend gemach­ten Anspruchs waren für die Beklag­te (als Antrags­geg­ne­rin und Schuld­ne­rin) hier­aus nicht im Ansatz zu erken­nen. Ein vor­gän­gi­ges Anspruchs­schrei­ben der Klä­ger, auf des­sen Inhalt hät­te Bezug genom­men und das als Anla­ge dem Güte­an­trag hät­te bei­gefügt wer­den kön­nen, hat es nicht gege­ben. Unter die­sen Umstän­den war es auch für die Güte­stel­le nicht mög­lich, den Gegen­stand des Güte­ver­fah­rens zu erfas­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Dezem­ber 2015 – III ZR 231/​14

  1. BGH, Urtei­le vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14 aaO S. 2408 ff Rn. 16 ff; sowie – III ZR 189/​14, – III ZR 191/​14 und – III ZR 227/​14; Urtei­le vom 03.09.2015 aaO Rn. 15 ff; und vom 15.10.2015 – III ZR 170/​14, BeckRS 2015, 18338, Rn. 16 ff; Beschlüs­se vom 16.07.2015 – III ZR 302/​14; und – III ZR 164/​14, BeckRS 2015, 13230 Rn. 2 ff[]
  2. BGH, Urtei­le vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14 aaO S. 2409 Rn. 25 mwN; vom 20.08.2015 aaO Rn. 18; vom 03.09.2015 aaO Rn. 17; und vom 15.10.2015 aaO Rn. 17; BGH, Beschlüs­se vom 13.08.2015 – III ZR 380/​14 aaO Rn. 14 und – III ZR 358/​14, BeckRS 2015, 15050 Rn. 3[]
  3. BGH, Urteil vom 15.10.2015 aaO a.E.[]
  4. BGH, Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 198/​14 aaO S. 2410 Rn. 26 mwN[]
  5. s. auch LT-Drs. 12/​5033 S. 27[]
  6. Bestä­ti­gung der BGH, Urtei­le vom 18.06.2015 – III ZR 303/​14 und – III ZR 198/​14[]