Ver­let­zung der rich­ter­li­chen Hin­weis­pflicht – und ihre Rüge

Nach § 551 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 Buchst. b ZPO müs­sen Ver­fah­rens­rügen die genaue Bezeich­nung der Tat­sa­chen ent­hal­ten, die den Man­gel erge­ben, auf den sich die Revi­si­on stüt­zen will. Dazu muss auch die Kau­sa­li­tät zwi­schen Ver­fah­rens­man­gel und Ergeb­nis des Beru­fungs­ur­teils dar­ge­legt wer­den 1.

Ver­let­zung der rich­ter­li­chen Hin­weis­pflicht – und ihre Rüge

Wird eine Ver­let­zung der dem Lan­des­ar­beits­ge­richt oblie­gen­den Hin­weis­pflicht nach § 139 Abs. 3 ZPO gerügt, muss im Ein­zel­nen vor­ge­tra­gen wer­den, wel­chen kon­kre­ten Hin­weis das Lan­des­ar­beits­ge­richt dem Revi­si­ons­klä­ger auf­grund wel­cher Tat­sa­chen hät­te ertei­len müs­sen und was die­ser auf einen ent­spre­chen­den Hin­weis vor­ge­bracht hät­te 2.

Der zunächst unter­blie­be­ne Vor­trag muss voll­stän­dig nach­ge­holt und über die Rüge aus § 139 ZPO schlüs­sig gemacht wer­den. Nur so kann das Revi­si­ons­ge­richt beur­tei­len, ob das Urteil auf dem unter­las­se­nen Hin­weis beruht 3.

In dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat die Klä­ge­rin nach Ansicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts mit Recht gerügt, das Lan­des­ar­beits­ge­richt habe sie ent­ge­gen § 139 Abs. 3 ZPO nicht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es die Teil­kla­ge als nicht hin­rei­chend bestimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO erach­te. Sie hat des Wei­te­ren vor­ge­tra­gen, was sie auf einen ent­spre­chen­den Hin­weis vor­ge­bracht hät­te.

Die gericht­li­chen Hin­weis­pflich­ten nach § 139 ZPO die­nen der Ver­mei­dung von Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen und kon­kre­ti­sie­ren den Anspruch der Par­tei­en auf recht­li­ches Gehör 4. Hin­sicht­lich von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen­der Punk­te sieht § 139 Abs. 3 ZPO aus­drück­lich eine Hin­weis­pflicht vor, die gemäß § 525 Satz 1 ZPO auch für das Beru­fungs­ge­richt gilt. Erach­tet das Beru­fungs­ge­richt die Kla­ge ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Erst­ge­richts für unzu­läs­sig, muss es den Klä­ger grund­sätz­lich hier­auf hin­wei­sen 5.

Dem fol­gend hät­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Klä­ge­rin auf sei­ne Beden­ken bezüg­lich der man­geln­den Bestimmt­heit der Teil­kla­ge hin­wei­sen müs­sen.

Das Arbeits­ge­richt ist ohne nähe­re Aus­füh­run­gen von der Zuläs­sig­keit der Teil­kla­ge aus­ge­gan­gen und hat die­se als unbe­grün­det abge­wie­sen. Damit konn­te die Klä­ge­rin dar­auf ver­trau­en; vom Lan­des­ar­beits­ge­richt recht­zei­tig einen Hin­weis nach § 139 Abs. 3 ZPO zu erhal­ten, wenn es der Beur­tei­lung der Vor­in­stanz hin­sicht­lich der Zuläs­sig­keit der Teil­kla­ge nicht fol­gen woll­te und auf­grund sei­ner abwei­chen­den Ansicht eine Kon­kre­ti­sie­rung der Kla­ge­for­de­rung für erfor­der­lich hielt.

Der erfor­der­li­che Hin­weis durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt war nicht des­halb ent­behr­lich, weil die Klä­ge­rin anwalt­lich ver­tre­ten war. Die Hin­weis­pflicht besteht auch gegen­über der anwalt­lich ver­tre­te­nen Par­tei, wenn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die Rechts­la­ge ersicht­lich falsch beur­teilt 6. Ein der­ar­ti­ger Fall lag hier für das Lan­des­ar­beits­ge­richt erkenn­bar vor, weil die Klä­ge­rin offen­sicht­lich – eben­so wie das Arbeits­ge­richt – davon aus­ging, die Begrün­dung des Zah­lungs­an­trags genü­ge den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO.

Auch der Umstand, dass die Beklag­ten bereits erst­in­stanz­lich Beden­ken gegen die Zuläs­sig­keit der Teil­kla­ge erho­ben haben, ent­band das Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht von sei­ner Hin­weis­pflicht. Zwar kön­nen sonst gebo­te­ne Hin­wei­se des Gerichts unter­blei­ben, wenn die betrof­fe­ne Par­tei von der Gegen­sei­te die nöti­ge Unter­rich­tung erhal­ten hat. Dies gilt aber nicht ohne Wei­te­res für die gericht­li­che Pflicht, auf sach­dien­li­che Kla­ge­an­trä­ge hin­zu­wir­ken. So geht der Bun­des­ge­richts­hof zu Recht davon aus, dass eine Par­tei nicht schon dann begrün­de­ten Anlass zur Ände­rung ihres Sach­an­trags hat, wenn die Gegen­sei­te in der Beru­fungs­in­stanz das erstrit­te­ne Sachur­teil wegen sei­nes angeb­lich unbe­stimm­ten Aus­spruchs angreift. Sol­che Kon­se­quen­zen muss der Beru­fungs­be­klag­te erst dann erwä­gen, wenn er durch das Beru­fungs­ge­richt selbst erfährt, dass es den für ihn güns­ti­gen Stand­punkt der Vor­in­stanz inso­weit nicht teilt 7. Dem­zu­fol­ge hat­te die Klä­ge­rin im zwei­ten Rechts­zug trotz der von den Beklag­ten vor­ge­tra­ge­nen Beden­ken gegen die Zuläs­sig­keit der Teil­kla­ge kei­nen begrün­de­ten Anlass zur Ergän­zung der Kla­ge­be­grün­dung, weil sie auf­grund der vom Arbeits­ge­richt ersicht­lich bejah­ten Zuläs­sig­keit der Kla­ge davon aus­ge­hen durf­te, einen Hin­weis des Lan­des­ar­beits­ge­richts nach § 139 Abs. 3 ZPO zu erhal­ten, wenn die­ses der Auf­fas­sung der Vor­in­stanz nicht fol­gen wür­de.

Die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung beruht auf der gerüg­ten Ver­let­zung der Hin­weis­pflicht nach § 139 Abs. 3 ZPO. Die Klä­ge­rin hät­te die not­wen­di­ge Bestim­mung ihres Kla­ge­an­trags im zwei­ten Rechts­zug gemäß § 264 Nr. 2 ZPO vor­neh­men kön­nen. Bei einer Teil­kla­ge, mit der meh­re­re Ansprü­che gel­tend gemacht wer­den, deren Sum­me den ein­ge­klag­ten Teil über­steigt, kann die Bestim­mung, bis zu wel­cher Höhe bzw. in wel­cher Rei­hen­fol­ge die ein­zel­nen Teil­an­sprü­che ver­folgt wer­den, nach­ge­holt wer­den 8. Die Annah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, die Kla­ge sei unzu­läs­sig, stellt sich nicht aus ande­ren Grün­den als rich­tig dar (§ 561 ZPO). Sons­ti­ge Gesichts­punk­te, aus denen die Kla­ge unzu­läs­sig sein könn­te, sind nicht erkenn­bar.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. April 2016 – 10 AZR 111/​15

  1. BAG 17.02.2016 – 10 AZR 600/​14, Rn. 11[]
  2. BAG 6.01.2004 – 9 AZR 680/​02, zu II 3 e aa der Grün­de, BAGE 109, 145[]
  3. BAG 19.10.2010 – 6 AZR 120/​10, Rn. 24[]
  4. vgl. BVerfG 5.04.2012 – 2 BvR 2126/​11, Rn. 18[]
  5. BGH 10.03.2016 – VII ZR 47/​13, Rn. 11 mwN[]
  6. BGH 5.12 2012 – IV ZR 188/​12, Rn. 8[]
  7. BGH 23.04.2009 – IX ZR 95/​06, Rn. 6[]
  8. BGH 17.03.2016 – III ZR 200/​15, Rn. 28 mwN[]
  9. Anschluss an BFHE 244, 536[]