Ver­schwen­dung durch Gläu­bi­ger­be­frie­di­gung?

Der die Rest­schuld­be­frei­ung aus­schlie­ßen­de Ver­sa­gungs­grund der Ver­schwen­dung (§ 290 Abs. 1 Nr. 4 InsO) liegt ohne Hin­zu­tre­ten beson­de­rer Unwert­merk­ma­le nicht vor, wenn der Schuld­ner nach Ein­tritt der Zah­lungs­un­fä­hig­keit ein­zel­ne Gläu­bi­ger befrie­digt.

Ver­schwen­dung durch Gläu­bi­ger­be­frie­di­gung?

Der Ver­sa­gungs­grund des § 290 Abs. 1 Nr. 4 InsO greift ins­be­son­de­re ein, wenn der Schuld­ner im letz­ten Jahr vor dem Eröff­nungs­an­trag die Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­sig dadurch beein­träch­tigt hat, dass er Ver­mö­gen ver­schwen­det hat. Eine Ver­schwen­dung liegt vor, wenn der Schuld­ner einen unan­ge­mes­sen luxu­riö­sen Lebens­stil führt 1. Eben­so ver­hält es sich, wenn Wer­te außer­halb einer sinn­vol­len und nach­voll­zieh­ba­ren Ver­hal­tens­wei­se ver­braucht wer­den oder Aus­ga­ben im Ver­hält­nis zum Gesamt­ver­mö­gen und dem Ein­kom­men des Schuld­ners als grob unan­ge­mes­sen und wirt­schaft­lich nicht nach­voll­zieh­bar erschei­nen 2. Als Ver­schwen­dung kön­nen fer­ner Aus­ga­ben von Sum­men im Rah­men von Glücks­spiel 3, Wet­ten oder Dif­fe­renz­ge­schäf­ten anzu­se­hen sein 4. Auch die schenk­wei­se Her­ga­be von Ver­mö­gens­ge­gen­stän­den ohne nach­voll­zieh­ba­ren Anlass kommt als Ver­schwen­dung in Betracht 5, wenn­gleich eine nach § 134 InsO anfecht­ba­re Schen­kung für sich genom­men nicht ohne wei­te­res den Ver­sa­gungs­grund aus­füllt 6. Der Tat­be­stand des § 290 Abs. 1 Nr. 4 InsO kann schließ­lich gege­ben sein, wenn der Schuld­ner ohne zwin­gen­den wirt­schaft­li­chen Grund Waren erheb­lich unter dem Einkaufs‑, Geste­hungs- oder Markt­preis ver­äu­ßert oder Leis­tun­gen weit unter Wert erbringt 7.

Durch die Beglei­chung von For­de­run­gen, auch von noch nicht fäl­li­gen For­de­run­gen, mag der Schuld­ner dem Gläu­bi­ger zwar eine inkon­gru­en­te Befrie­di­gung gewährt haben, die Ver­an­las­sung für eine Deckungs- oder Vor­satz­an­fech­tung bie­ten kann. Allein die Erfül­lung von Ver­bind­lich­kei­ten kann jedoch jeden­falls ohne Hin­zu­tre­ten beson­de­rer Umstän­de nicht als Unred­lich­keit gewer­tet wer­den, die den Ver­sa­gungs­grund des § 290 Abs. 1 Nr. 4 InsO begrün­det. Zwar wird ver­ein­zelt eine durch § 290 Abs. 1 Nr. 4 InsO sank­tio­nier­te "Kapi­tal­erhal­tungs­pflicht" des Schuld­ners pos­tu­liert, die es ihm ver­bie­te, im Sta­di­um der Zah­lungs­un­fä­hig­keit ein­zel­ne Gläu­bi­ger zu befrie­di­gen 8. Ein sol­ches Ver­ständ­nis ist jedoch mit dem auf beson­de­re Unwert­merk­ma­le abstel­len­den Tat­be­stand der Ver­schwen­dung nicht ver­ein­bar. § 290 Abs. 1 Nr. 4 InsO kann nicht die Oblie­gen­heit des Schuld­ners ent­nom­men wer­den, sein Ver­mö­gen nach Ein­tritt der Zah­lungs­un­fä­hig­keit bis zur Ver­fah­rens­er­öff­nung zum Zwe­cke der gleich­mä­ßi­gen Gläu­bi­ger­be­frie­di­gung wert­mä­ßig in sei­nem Bestand zu erhal­ten 9. Eine der­ar­ti­ge, zusätz­lich mit einem Ersatz­an­spruch eige­ner Art 10 ver­knüpf­te Mas­se­si­che­rungs­pflicht sehen ledig­lich § 64 Satz 1 GmbHG, § 92 Abs. 2 Satz 1 AktG, § 99 Satz 1 GenG für die Geschäfts­lei­ter von Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. März 2009 – IX ZB 141/​08

  1. BGH, Beschluss vom 9. Dezem­ber 2004 – IX ZB 132/​04, ZIn­sO 2005, 146; BT-Drucks. 12/​2443 S. 190[]
  2. BGH, Beschluss vom 21. Sep­tem­ber 2006 – IX ZB 24/​06, ZIn­sO 2006, 1103, 1104 Rn. 9 m.w.N.[]
  3. vgl. LG Hagen ZIn­sO 2007, 387[]
  4. Römer­mann in Nerlich/​Römermann, InsO § 290 Rn. 82[]
  5. Römer­mann in Nerlich/​Römermann, aaO[]
  6. FK-InsO/Ah­rens, 5. Aufl. § 290 Rn. 36[]
  7. FK-InsO/Ah­rens, aaO; Münch­Komm-InsO/S­te­phan, aaO § 290 Rn. 60[]
  8. AG Ham­burg ZIn­sO 2008, 51, 52; vgl. auch AG Duis­burg NZI 2007, 473, 474[]
  9. HK-InsO/­Land­fer­mann, 5. Aufl. § 290 Rn. 20[]
  10. Gehrlein/​Witt, GmbH-Recht in der Pra­xis, 2. Aufl. Kap. 5 Rn. 101[]