Ver­schwie­gen­heits­pflicht des Rechts­an­walts und der Vor­trag im Zivil­pro­zess

Die Par­tei­en dür­fen in einem Gerichts­ver­fah­ren grund­sätz­lich alles vor­tra­gen, was sie zur Wah­rung ihrer Rech­te für erfor­der­lich hal­ten. Dies gilt auch, soweit der Tat­sa­chen­vor­trag ver­trau­li­che Abspra­chen der Gegen­par­tei mit ihrem Rechts­an­walt betrifft.

Ver­schwie­gen­heits­pflicht des Rechts­an­walts und der Vor­trag im Zivil­pro­zess

In einem vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Ver­fah­ren begehr­ten die Antrag­stel­ler, der Antrags­geg­ne­rin im Wege der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung die Vor­la­ge von E‑Mails oder den Vor­trag deren Inhalts in einem Zivil­rechts­streit unter­sa­gen zu las­sen. Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he wies – wie zuvor bereits das Land­ge­richt – den Antrag ab:

Gegen die gericht­li­che Rechts­ver­fol­gung einer Par­tei oder ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten im Zivil­pro­zess und das ihr die­nen­de Vor­brin­gen gibt es aber grund­sätz­lich kei­nen nega­to­ri­schen Rechts­schutz 1. Das sog. Aus­gangs­ver­fah­ren soll nicht durch die Beschnei­dung der Äuße­rungs­frei­heit der dar­an Betei­lig­ten beein­träch­tigt wer­den. Viel­mehr dür­fen die Par­tei­en in einem Gerichts­ver­fah­ren grund­sätz­lich alles vor­tra­gen, was sie zur Wah­rung ihrer Rech­te für erfor­der­lich hal­ten 2. Dies trägt dem Recht der Par­tei­en auf wir­kungs­vol­len gericht­li­chen Rechts­schutz aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip sowie dem Recht auf recht­li­ches Gehörs aus Art. 103 Abs. 1 GG Rech­nung 3.

Die Rech­te der davon Betrof­fe­nen wer­den hin­rei­chend dadurch gewahrt, dass ihnen im Aus­gangs­ver­fah­ren pro­zes­su­al wie mate­ri­ell-recht­lich aus­rei­chen­de Rechts­ga­ran­ti­en zum Schutz ihrer Inter­es­sen bereit ste­hen 4, bis hin zum Aus­schluss der Öffent­lich­keit gemäß § 172 GVG oder einer aus­nahms­wei­sen Unver­wert­bar­keit des frag­li­chen Vor­trags selbst 5.

Die dabei im Ein­zel­fall gege­be­nen­falls vor­zu­neh­men­de Abwä­gung zwi­schen den Grund­rech­ten der Betrof­fe­nen und der eben­falls ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Rechts­ge­wäh­rungs­pflicht gegen­über bei­den Pro­zess­par­tei­en kann nur im Aus­gangs­ver­fah­ren erfol­gen. Für einst­wei­li­ge Ver­fü­gun­gen auf Unter­las­sung bestimm­ten Vor­brin­gens im Pro­zess fehlt damit von vorn­her­ein das Rechts­schutz­be­dürf­nis. Dies gilt auch dann, wenn nicht pro­zess­be­tei­lig­te Drit­te durch den Vor­trag betrof­fen wer­den 6.

Auch die zur Begrün­dung einer Aus­nah­me von dem oben wie­der­ge­ge­be­nen Grund­satz bemüh­te Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 13.10.1987 7 hat die­sen Grund­satz wie­der­holt und bekräf­tigt und ledig­lich in Abgren­zung zu den – vor­lie­gend gegen­ständ­li­chen – Par­tei­be­haup­tun­gen für heim­lich und unter Ver­let­zung straf­recht­li­cher Nor­men (§ 201 StGB) auf­ge­nom­me­ne Ton­band­auf­nah­men, deren Ver­wer­tung als Beweis­mit­tel grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen ist, allein durch deren Exis­tenz einen gewich­ti­gen Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht gese­hen 8. Für den vor­lie­gen­den Fall begrün­det die­se Ent­schei­dung des­halb kein Rechts­schutz­be­dürf­nis der Antrag­stel­ler. Einer der in der Recht­spre­chung für die hier im Raum ste­hen­de Fra­ge des Anspruchs auf Unter­las­sung von Par­tei­vor­trag in einem Zivil­pro­zess erwo­ge­nen Aus­nah­me­fäl­le, nament­lich bei bewusst unrich­ti­gen oder leicht­fer­tig auf­ge­stell­ten Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, bei Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, die offen­sicht­lich kei­nen inne­ren Zusam­men­hang zu der Aus­füh­rung oder Ver­tei­di­gung von Rech­ten haben oder bei Mei­nungs­äu­ße­run­gen, die den Cha­rak­ter der Schmä­hung errei­chen 9, liegt nicht vor.

Gleich­falls nicht begrün­det ist die Befürch­tung, mit einer Ableh­nung des begehr­ten Rechts­schut­zes wer­de der Schutz der Ver­trau­lich­keit im Ver­hält­nis zwi­schen einem Man­dan­ten und sei­nem Rechts­an­walt ver­letzt und damit eine geord­ne­te Rechts­pfle­ge auf­ge­ge­ben. Es ist schon nicht ersicht­lich, dass mit der Zuwei­sung der Ent­schei­dung an das Aus­gangs­ver­fah­ren über­haupt eine Beein­träch­ti­gung der Geheim­hal­tungs­in­ter­es­sen der Antrag­stel­ler ver­bun­den wäre. Denn die frag­li­chen Umstän­de, deren Benen­nung und Offen­ba­rung die Antrag­stel­ler der Antrags­geg­ne­rin unter­sa­gen wol­len, sind den Par­tei­en bereits bekannt und damit gera­de nicht mehr geheim. Auch ist nicht zu erken­nen, dass durch eine Abwei­sung des Begeh­rens der Antrag­stel­ler Ein­grif­fe in das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen einem Man­dan­ten und sei­nem Rechts­an­walt erleich­tert wür­den oder über­hand neh­men könn­ten 10.

Die Vor­stel­lung, alles, was zwi­schen einem Rechts­an­walt und sei­nem Man­dan­ten ver­trau­lich gespro­chen und getan wird, sei abso­lut geschützt und dem Vor­trag der Gegen­sei­te ent­zo­gen, ver­kennt Umfang und die Ziel­rich­tung des Schut­zes des anwalt­li­chen Man­dats­ver­hält­nis­ses. Die­sem Schutz liegt die Erkennt­nis zugrun­de, dass ein Rechts­an­walt sei­ne auch im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­de Tätig­keit als unab­hän­gi­ger Bera­ter und Ver­tre­ter in allen Rechts­an­ge­le­gen­hei­ten (§ 3 Abs. 1 BRAO) nur wir­kungs­voll wahr­neh­men kann, wenn der Man­dant ihm ver­traut. Die­ses Ver­trau­en setzt aber neben Inte­gri­tät und Zuver­läs­sig­keit auch die Ver­schwie­gen­heit des Rechts­an­walts vor­aus, da der Man­dant nur dann bereit sein wird, sei­nem Anwalt alle rele­van­ten Umstän­de, dabei mög­li­cher­wei­se auch pri­va­te und inti­me Geständ­nis­se, zu offen­ba­ren, wenn er davon aus­ge­hen kann, dass die­se Infor­ma­tio­nen nicht ohne oder gegen sei­nen Wil­len wei­ter­ge­ge­ben wer­den 11. Die Ver­schwie­gen­heits­pflicht zählt daher zu den anwalt­li­chen Grund­pflich­ten. Als unver­zicht­ba­re Bedin­gung der anwalt­li­chen Berufs­aus­übung nimmt sie am Schutz des Art. 12 Abs. 1 GG teil 12. Dem Schutz der anwalt­li­chen Ver­schwie­gen­heit die­nen dane­ben eine Rei­he (einfach-)gesetzlicher Vor­schrif­ten, deren Ziel es ist, das Ver­hält­nis zwi­schen Anwalt und Man­dant gegen Stö­run­gen abzu­si­chern 13.

Allen Rege­lung ist dabei gemein, dass mit ihnen die Ver­schwie­gen­heit des Rechts­an­walts als Grund­be­din­gung des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses zu sei­nem Man­dant gegen Ein­grif­fe geschützt wird. Als "Herr des Geheim­nis­ses" 14 kann allein sein Auf­trag­ge­ber ent­schei­den, wann und wel­che Infor­ma­tio­nen an wen wei­ter­ge­ge­ben wer­den sol­len. Indem das Schutz­kon­zept zur Siche­rung des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses zwi­schen ihm und sei­nem Man­dan­ten an der Ver­schwie­gen­heit des Rechts­an­walts ansetzt, wird zugleich deut­lich, dass die aus Sicht des Man­dan­ten geheim­hal­tungs­be­dürf­ti­gen Umstän­de nicht den abso­lu­ten Schutz gegen­über Jeder­mann genie­ßen – denn es wird nicht schlecht­hin die geheim­hal­tungs­be­dürf­ti­ge Infor­ma­ti­on, son­dern die Ver­fü­gungs­be­fug­nis des Man­dan­ten über Tat­sa­chen­kennt­nis­se des Rechts­an­walts geschützt, von denen er als Anwalt in einer Rechts­an­ge­le­gen­heit erfah­ren hat. Ein Recht, der Antrags­geg­ne­rin "den Mund zu ver­bie­ten" ver­mit­telt das zwi­schen den Antrag­stel­lern bestehen­de Man­dats­ver­hält­nis hin­ge­gen nicht.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he Beschluss vom 4. März 2014 – 1 W 4/​14

  1. vgl. Zöl­ler-Voll­kom­mer, ZPO, 30. Aufl.2014, § 940 Rn. 8 "Pro­zess­füh­rung" m.w.N.[]
  2. vgl. BVerfG NJW 1991, 29[]
  3. BGH NJW 2012, 1659, m.w.N.[]
  4. BGH NJW 2012, 1659; Kie­the, Zivil­pro­zes­sua­le Sank­tio­nen gegen unrich­ti­gen und rechts­wid­ri­gen Sach­vor­trag, MDR 2007, 625, 627 f.[]
  5. vgl. OLG Karls­ru­he, NJW 2000, 1577; s.a. Kie­the, Die Abgren­zung von zuläs­si­gem Sach­vor­trag und straf­be­wehr­tem Geheim­nis­schutz im Zivil­pro­zess, JZ 2005, 1034, 1037; Dauster/​Braun, Ver­wen­dung frem­der Daten im Zivil­pro­zess und zivil­pro­zes­sua­le Beweis­ver­bo­te, NJW 2000, 313, 316[]
  6. vgl. BGH NJW 2008, 996; BGHZ 183, 309[]
  7. BGH MDR 1988, 305 "Ton­band­mit­schnitt"[]
  8. BGH aaO.[]
  9. vgl. BGH NJW 1971, 284; Palandt-Sprau, BGB, 73. Aufl.2014, § 823 Rn. 37 m.w.N.[]
  10. vgl. Dauster/​Braun, Ver­wen­dung frem­der Daten im Zivil­pro­zess und zivil­pro­zes­sua­le Beweis­ver­bo­te, NJW 2000, 313, 318[]
  11. vgl. Feue­rich/W­ey­land-Böhn­lein, BRAO, 8. Aufl.2012, § 43a Rn. 12[]
  12. vgl. BVerfGE 110, 226[]
  13. vgl. BVerfG, aaO.[]
  14. BGHZ 109, 260[]