Ver­trag mit Schutz­wir­kung für Drit­te – und das Ein­be­zie­hungs­in­ter­es­se des Drit­ten

Mit den Vor­aus­set­zun­gen der Ein­be­zie­hung eines Drit­ten in den Schutz­be­reich eines Ver­trags hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Ver­trag mit Schutz­wir­kung für Drit­te – und das Ein­be­zie­hungs­in­ter­es­se des Drit­ten

Bei einem Ver­trag mit Schutz­wir­kung für Drit­te steht die geschul­de­te (Haupt)Leistung zwar allein dem Gläu­bi­ger zu, der Drit­te ist jedoch in der Wei­se in die ver­trag­li­chen Sorg­falts- und Obhuts­pflich­ten ein­be­zo­gen, dass er bei deren Ver­let­zung ver­trag­li­che Scha­den­er­satz­an­sprü­che gel­tend machen kann. Die Her­aus­bil­dung des Ver­tra­ges mit Schutz­wir­kung für Drit­te in der Recht­spre­chung des Reichs­ge­richts und des Bun­des­ge­richts­hofs beruht auf ergän­zen­der Ver­trags­aus­le­gung [1] und knüpft damit an den hypo­the­ti­schen Wil­len der Par­tei­en an, der gemäß § 157 BGB unter Berück­sich­ti­gung von Treu und Glau­ben zu erfor­schen ist. Sie ist dem Umstand geschul­det, dass die Erfül­lung ver­trag­li­cher Leis­tungs­pflich­ten zu einem gestei­ger­ten sozia­len Kon­takt der Ver­trags­par­tei­en und dem­entspre­chend zu einer grö­ße­ren Ein­wir­kungs­mög­lich­keit auf die Rechts­gü­ter des Ver­trags­part­ners und gege­be­nen­falls mit die­sem ver­bun­de­ner Drit­ter führt und das Delikts­recht – ins­be­son­de­re wegen der Exkul­pa­ti­ons­re­ge­lung bei der Gehil­fen­haf­tung nach § 831 Abs. 1 Satz 2 BGB und des Feh­lens eines umfas­sen­den Ver­mö­gens­schut­zes – den geschä­dig­ten Drit­ten nicht immer zurei­chend absi­chert [2]. Im Hin­blick dar­auf kann es gebo­ten sein, dem Drit­ten auch eine ver­trag­li­che Anspruchs­grund­la­ge zuzu­bil­li­gen, die ihm die Kom­pen­sa­ti­on des in Aus­füh­rung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses bei ihm ein­ge­tre­te­nen Scha­dens ermög­licht. Damit ist zwangs­läu­fig eine Aus­wei­tung des Haf­tungs­ri­si­kos des Schuld­ners ver­bun­den, der außer für Schä­den sei­nes Ver­trags­part­ners auch für Schä­den des in den Schutz­be­reich des Ver­tra­ges ein­be­zo­ge­nen Drit­ten haf­tet. Um die­se Haf­tung für den Schuld­ner nicht unkal­ku­lier­bar aus­zu­deh­nen, sind an die Ein­be­zie­hung von Drit­ten in den ver­trag­li­chen Schutz stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len [3].

Der hypo­the­ti­sche Wil­le der Ver­trags­par­tei­en, einen Drit­ten in den Schutz­be­reich der zwi­schen ihnen geschlos­se­nen Ver­ein­ba­rung ein­zu­be­zie­hen, ist auf­grund einer sorg­fäl­ti­gen Abwä­gung ihrer schutz­wür­di­gen Inter­es­sen und derer des Drit­ten zu ermit­teln [4]. Die dabei im Ein­zel­nen zu beach­ten­den Abwä­gungs­kri­te­ri­en erge­ben sich aus der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung zum Ver­trag mit Schutz­wir­kung für Drit­te [5]. Deren Aus­gangs­punkt sind Fall­ge­stal­tun­gen, in denen das „Wohl und Wehe“ eines Drit­ten einem der bei­den Ver­trags­part­ner anver­traut ist – wie bei­spiels­wei­se dem Mie­ter das sei­nes Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen oder Haus­an­ge­stell­ten – und die­ser Drit­te durch ein Ver­schul­den des Ver­mie­ters oder eines von ihm mit einer Repa­ra­tur am Haus beauf­trag­ten Hand­wer­kers Scha­den erlei­det [6]. Die­se zunächst über­wie­gend Per­so­nen­schä­den betref­fen­de Recht­spre­chung bezieht Drit­te in den Schutz­be­reich eines Ver­tra­ges dann ein, wenn sich die ver­trag­li­chen Schutz­pflich­ten des Schuld­ners nach Inhalt und Zweck des Ver­tra­ges nicht nur auf sei­nen Ver­trags­part­ner beschrän­ken, son­dern – für den Schuld­ner erkenn­bar – auch sol­che Drit­te ein­schlie­ßen, denen der Gläu­bi­ger auf­grund einer Rechts­be­zie­hung mit per­so­nen­recht­li­chem Ein­schlag, wie etwa ein fami­li­en­recht­li­ches oder ein miet, dienst- oder arbeits­ver­trag­li­ches Ver­hält­nis, sei­ner­seits Schutz und Für­sor­ge schul­det [7]. In Wei­ter­ent­wick­lung die­ser Recht­spre­chung ist im Wege ergän­zen­der Ver­trags­aus­le­gung der Schutz­be­reich ver­trag­li­cher Bezie­hun­gen zwi­schen Gläu­bi­ger und Schuld­ner auch auf einen an sei­nem Ver­mö­gen geschä­dig­ten Drit­ten aus­ge­dehnt wor­den, wenn der Gläu­bi­ger an des­sen Schutz ein beson­de­res Inter­es­se hat, Inhalt und Zweck des Ver­tra­ges erken­nen las­sen, dass die­sem Schutz­in­ter­es­se Rech­nung getra­gen wer­den soll, und die Par­tei­en zuguns­ten des Drit­ten eine Schutz­pflicht begrün­den wol­len [8]. Aller­dings beschränkt sich in die­sen Fäl­len der Kreis der Ein­be­zo­ge­nen auf sol­che Drit­te, in deren Inter­es­se die Leis­tung des Schuld­ners nach der aus­drück­li­chen oder still­schwei­gen­den Ver­ein­ba­rung der Par­tei­en zumin­dest auch erbracht wer­den soll – wie etwa in Fäl­len soge­nann­ten Exper­ten­haf­tung für feh­ler­haf­te Gut­ach­ten, die zur Vor­la­ge an den Drit­ten bestimmt sind. Tra­gen­der Gesichts­punkt für die­se Beschrän­kung des Krei­ses der ein­be­zo­ge­nen Drit­ten ist das Anlie­gen, das Haf­tungs­ri­si­ko für den Schuld­ner bere­chen­bar zu hal­ten. Er soll für Schä­den Drit­ter nicht ein­ste­hen müs­sen, wenn ihm nach Treu und Glau­ben und unter Berück­sich­ti­gung des Ver­trags­zwecks nicht zuge­mu­tet wer­den kann, sich ohne zusätz­li­che Ver­gü­tung auf das Risi­ko einer erwei­ter­ten Haf­tung ein­zu­las­sen [9]. Des­halb kann ohne beson­de­re Umstän­de auch die Ein­be­zie­hung eines Unter­neh­mers und sei­ner Mit­ar­bei­ter in den Schutz­be­reich eines Werk­ver­trags des Bestel­lers mit einem ande­ren Unter­neh­mer nicht ange­nom­men wer­den [10].

Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen unter­liegt die Ein­be­zie­hung eines Drit­ten in den Schutz­be­reich des Ver­tra­ges fol­gen­den Vor­aus­set­zun­gen:

  1. Der Drit­te muss bestim­mungs­ge­mäß mit der (Haupt)Leistung in Berüh­rung kom­men und den Gefah­ren von Schutz­pflicht­ver­let­zun­gen eben­so aus­ge­setzt sein wie der Gläu­bi­ger (Leis­tungs­nä­he).
  2. Der Gläu­bi­ger muss ein Inter­es­se an der Ein­be­zie­hung des Drit­ten in den Schutz­be­reich des Ver­tra­ges haben (Ein­be­zie­hungs­in­ter­es­se).
  3. Für den Schuld­ner muss die Leis­tungs­nä­he des Drit­ten und des­sen Ein­be­zie­hung in den Schutz­be­reich des Ver­tra­ges erkenn­bar und zumut­bar sein (Erkenn­bar­keit und Zumut­bar­keit).
  4. Für die Aus­deh­nung des Ver­trags­schut­zes muss nach Treu und Glau­ben ein Bedürf­nis bestehen, weil der der Drit­te ande­ren­falls nicht aus­rei­chend geschützt wäre (Schutz­be­dürf­nis) [11].

Dabei sind an die Bestim­mung des Krei­ses der dritt­be­güns­tig­ten Per­so­nen stren­ge Maß­stä­be anzu­le­gen.

Ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se des Gläu­bi­gers an der Ein­be­zie­hung eines Drit­ten in den Schutz­be­reich des Ver­tra­ges ist nach der dar­ge­stell­ten Recht­spre­chung nur dann anzu­neh­men, wenn

  • ent­we­der wie in den „Wohl- und-Wehe-Fäl­len“ – zwi­schen ihm und dem Drit­ten eine recht­li­che Bezie­hung mit per­sön­li­cher Für­sor­ge- und Obhuts­pflicht oder sozia­ler Abhän­gig­keit besteht
  • oder ihm – ohne eine der­ar­tig enge Bin­dung – Schutz­pflich­ten gegen­über dem Drit­ten auf­grund einer Son­der­ver­bin­dung in Gestalt eines sons­ti­gen Ver­tra­ges oder zumin­dest eines Gefäl­lig­keits­ver­hält­nis­ses oder eines beson­de­ren sozia­len Kon­tak­tes oblie­gen [12].

Ein Ein­be­zie­hungs­in­ter­es­se der Gläu­bi­ge­rin kann ins­be­son­de­re nicht auf ihr mög­li­cher­wei­se oblie­gen­de delik­ti­sche Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten gegrün­det wer­den, die gegen­über jeder befugt am eröff­ne­ten Ver­kehr teil­neh­men­den Per­son zu beach­ten sind, sich aber nicht auf eine rechts­ge­schäft­li­che oder auch nur sozia­le Son­der­be­zie­hung des Gläu­bi­gers zum Geschä­dig­ten grün­den. Eine sol­che aus delik­ti­schen Vor­schrif­ten fol­gen­de all­ge­mei­ne gesetz­li­che Ver­pflich­tung, Rechts­gü­ter belie­bi­ger Drit­ter nicht zu schä­di­gen, kann aber die Annah­me eines Gläu­bi­ger­inter­es­ses an einer still­schwei­gen­den Ein­be­zie­hung eines bestimm­ten Drit­ten in den Schutz­be­reich eines Ver­tra­ges nicht recht­fer­ti­gen [13].

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht dar­aus, dass eine pri­va­te Haft­pflicht­ver­si­che­rung besteht. Denn das Bestehen einer Haft­pflicht­ver­si­che­rung kann zwar unter Umstän­den gegen einen kon­klu­den­ten Haf­tungs­aus­schluss spre­chen, nicht aber das Feh­len anspruchs­be­grün­den­der Tat­sa­chen kom­pen­sie­ren [14].

Schei­den sonach Ansprü­che des Klä­gers auf­grund eines Ver­trags mit Schutz­wir­kung zuguns­ten Drit­ter aus, kommt es für eine etwai­ge Haf­tung dar­auf an, ob die Vor­aus­set­zun­gen des § 823 Abs. 1 oder des § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 229 StGB erfüllt sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Novem­ber 2016 – III ZR 139/​14

  1. z.B. RGZ 127, 218, 221 f; BGH, Urteil vom 15.06.1971 – VI ZR 262/​69, BGHZ 56, 269, 273[]
  2. Staudinger/​Jagmann, BGB, Bearb.2001, § 328 Rn. 83 f; Soergel/​Hadding, BGB, Bearb.2009, Anh § 328 Rn. 1; Palandt-Grü­ne­berg, BGB, 75. Aufl., § 328 Rn. 13[]
  3. BGH, Urtei­le vom 03.11.1961 – VI ZR 254/​60, VersR 1962, 86, 88; und vom 18.06.1968 – VI ZR 120/​67, NJW 1968, 1929, 1931[]
  4. Staudinger/​Jagmann, aaO Rn. 96[]
  5. zusam­men­fas­send und mit einem Über­blick über die Recht­spre­chungs­ent­wick­lung: BGH, Urteil vom 07.05.2009 – III ZR 277/​08, BGHZ 181, 12 Rn. 16 f; BGH, Urteil vom 02.07.1996 – X ZR 104/​94, BGHZ 133, 168, 170 ff[]
  6. RGZ 91, 21, 24; 102, 231, 232[]
  7. st. Rspr., z.B. BGH aaO Rn. 16; RGZ 91, 21, 24; 102, 231, 232; 127, 218, 223 f; BGH, Urtei­le vom 15.05.1959 – VI ZR 109/​58, NJW 1959, 1676, 1677; vom 18.06.1968, aaO Rn. 24; vom 12.07.1977 – VI ZR 136/​76, NJW 1977, 2208, 2209; und vom 20.04.2004 – X ZR 250/​02, BGHZ 159, 1, 8[]
  8. z.B. BGH aaO Rn. 17[]
  9. st. Rspr., vgl. BGH aaO; BGH, Urteil vom 20.04.2004 aaO S. 9 mwN[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 18.06.1985 – X ZR 71/​84, WM 1985, 1245, 1246[]
  11. z.B. BGH, Urteil vom 24.10.2013 – III ZR 82/​11 12 mwN; BGH, Urtei­le vom 02.07.1996 aaO S. 173; und vom 18.02.2014 – VI ZR 383/​12, BGHZ 200, 188 Rn. 9; Staudinger/​Jagmann, aaO Rn. 100, 106[]
  12. z.B. BGH, Urteil vom 24.10.2013, aaO Rn. 14; Staudinger/​Jagmann, aaO Rn. 100; Münch­Komm-BGB/­Gott­wald, 7. Aufl., § 328 Rn. 183[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 24.10.2013 aaO Rn. 14; Münch­Komm-BGB/­Gott­wald, aaO[]
  14. BGH, Urteil vom 27.10.2009 – VI 296/​08, NJW 2010, 537 Rn. 14[]