Ver­tre­tung einer Spar­kas­se in der Zwangs­ver­stei­ge­rung

Der Nach­weis der Ver­tre­tungs­macht nach § 71 Abs. 2 ZVG kann durch öffent­li­che Urkun­den nach §§ 415, 417, 418 ZPO geführt wer­den. Die öffent­li­che Form ersetzt die in § 71 Abs. 2 ZVG bezeich­ne­te öffent­li­che Beglau­bi­gung nach § 129 BGB.

Ver­tre­tung einer Spar­kas­se in der Zwangs­ver­stei­ge­rung

Die nach Lan­des­recht als Behör­den gel­ten­den Spar­kas­sen­vor­stän­de kön­nen unter­schrie­be­ne und mit ihrem Stem­pel ver­se­he­ne Biet­voll­mach­ten in öffent­li-chen Urkun­den aus­stel­len.

Es liegt ein in einem Beschwer­de­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen­der Zuschlags­ver­sa­gungs­grund nach § 83 Nr. 6 ZVG vor, wenn das Voll­stre­ckungs­ge­richt den Zuschlag auf das von einem Ver­tre­ter abge­ge­be­ne Gebot erteilt hat, das es bei rich­ti­ger Sach­be­hand­lung wegen des feh­len­den Nach­wei­ses der Ver­tre­tungs­macht in der in § 71 Abs. 2 ZVG vor­ge­schrie­be­nen Form hät­te zurück­wei­sen müs­sen 1.

Im hier ent­schie­de­nen Fall genüg­te nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs jedoch die im Ver­stei­ge­rungs­ter­min vor­ge­leg­te Voll­machts­ur­kun­de jedoch den Anfor­de­run­gen an den Nach­weis der Ver­tre­tungs­macht des Bie­ten­den nach § 71 Abs. 2 ZVG:

Voll­machts­nach­weis durch öffent­li­che Urkun­de

Die­ser Nach­weis kann auch durch eine öffent­li­che Urkun­de geführt wer­den. Die öffent­li­che Form einer Urkun­de nach §§ 415, 417, 418 ZPO ersetzt zugleich die in § 71 Abs. 2 ZVG bezeich­ne­te öffent­li­che Beglau­bi­gung nach § 129 BGB i.V.m. § 40 BeurkG.

Die Erklä­run­gen einer Behör­de genü­gen dem Form­erfor­der­nis der öffent­li­chen Beglau­bi­gung, wenn sie ord­nungs­ge­mäß unter­schrie­ben und mit dem Amts­sie­gel (oder ‑stem­pel) ver­se­hen sind 2.

Der Ein­wand, dass Unter­schrift und Sie­gel unter behörd­li­chen Erklä­run­gen die nota­ri­el­le Beglau­bi­gung nur dann ersetz­ten, wenn dies (wie in § 29 Abs. 3 GBO für Ein­tra­gungs­er­su­chen der Behör­den an das Grund­buch­amt) aus­drück­lich gesetz­lich bestimmt sei 3, ist unzu­tref­fend. Für das Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ver­fah­ren ergibt sich das bereits aus den Geset­zes­ma­te­ria­li­en zu § 71 Abs. 2 ZVG. Nach der ent­spre­chen­den Vor­schrift in § 89 Abs. 2 in der Fas­sung des Ent­wur­fes des Geset­zes von 1889 war die Ver­tre­tungs­macht dem Voll­stre­ckungs­ge­richt, sofern sie nicht offen­kun­dig ist, durch öffent­li­che oder öffent­lich beglau­big­te Urkun­den nach­zu­wei­sen. Die Wor­te "öffent­li­che oder" wur­den in der wei­te­ren Bera­tung im Reichs­jus­tiz­amt mit der Begrün­dung gestri­chen, dass davon aus­ge­gan­gen wer­den müs­se, dass die öffent­li­che Beglau­bi­gung stets durch die öffent­li­che Form ersetzt wer­de 4.

Die in öffent­li­chen Urkun­den ver­kör­per­ten Wil­lens­er­klä­run­gen der Behör­den bedür­fen kei­ner Lega­li­sa­ti­on durch einen Notar 5. Die durch die Unter­schrift und das Amts­sie­gel begrün­de­te gesetz­li­che Ver­mu­tung der Echt­heit (§ 437 Abs. 1 ZPO) einer von einer Behör­de aus­ge­stell­ten Voll­machts­ur­kun­de reicht – auch im Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ver­fah­ren – zum Nach­weis der Ver­tre­tungs­macht durch die von der Behör­de bevoll­mäch­tig­te Per­son aus 6.

Spar­kas­sen-Voll­macht

Die von dem Vor­stand einer Spar­kas­se aus­ge­stell­te Voll­machts­ur­kun­de ist eine öffent­li­che Urkun­de nach § 417 ZPO, auch wenn dies im Land Hes­sen nicht – wie zum Bei­spiel im Land Nord­rhein-West­fa­len (§ 20 Abs. 4 SpkG NRW 7) – gesetz­lich bestimmt ist.

Die im hier ent­schie­de­nen Fall betei­lig­te Spar­kas­se ist nach Hes­si­schem Lan­des­recht eine Behör­de, die öffent­li­che Urkun­den nach §§ 415, 417, 418 ZPO aus­stel­len kann. Nach dem Spar­kas­sen­ge­setz des Lan­des Hes­sen 8 sind die Spar­kas­sen, deren Trä­ger Kom­mu­nen sind, rechts­fä­hi­ge Anstal­ten des öffent­li­chen Rechts (§ 1 Abs. 1) und deren Vor­stän­de öffent­li­che Behör­den, wel­che die Spar­kas­sen gericht­lich und außer­ge­richt­lich ver­tre­ten (§ 7 Abs. 1).

Die von dem Bevoll­mäch­tig­ten der Spar­kas­se vor­ge­leg­te Voll­machts­ur­kun­de ist eine öffent­li­che Urkun­de nach § 417 ZPO. Die­se Vor­schrift gilt nicht nur für die eine amt­li­che Anord­nung, Ver­fü­gung oder Ent­schei­dung ent­hal­ten­den Urkun­den, son­dern erfasst über ihren Wort­laut hin­aus jede auf Außen­wir­kung gerich­te­te urkund­li­che Wil­lens­er­klä­rung einer Behör­de, die die­se inner­halb der Gren­zen ihres Amts­be­reichs abgibt 9.

Die öffent­li­che Urkun­de muss nicht eine hoheit­li­che Tätig­keit der Behör­de zum Gegen­stand haben. Eine öffent­li­che Behör­de ist befugt, in eige­nen Ange­le­gen­hei­ten, auch wenn die­se pri­vat­recht­li­cher Natur sind, Wil­lens­er­klä­run­gen in der Form einer öffent­li­chen Urkun­de nach § 417 ZPO abzu­ge­ben 10. Eine in die­ser Form errich­te­te Urkun­de liegt jeden­falls dann vor, wenn ein nach Lan­des­recht als Behör­de gel­ten­der Spar­kas­sen­vor­stand eine unter­schrie­be­ne und mit dem Stem­pel der Spar­kas­se ver­se­he­ne Biet­voll­macht zur Vor­la­ge bei dem Voll­stre­ckungs­ge­richt aus­stellt. Eine so gefer­tig­te Urkun­de einer Behör­de ist stets als eine öffent­li­che Urkun­de anzu­se­hen 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. April 2011 – V ZB 207/​10

  1. vgl. OLG Koblenz, Rpfle­ger 1988, 75, 76; OLG Hamm, NJW 1988, 73; Hint­zen in Dassler/​Schiffhauer/​Muth/​Hintzen/​Engels/​Rellermeyer, ZVG, 13. Aufl., § 71 Rn. 35; Reinhard/​Müller, ZVG, 3. und 4. Aufl., § 100 Anm. 1a; Stö­ber, ZVG, 19. Aufl., § 71 Rn. 6, 8[]
  2. BGH, Beschluss vom 20.06.1966 – IV ZB 60/​66, BGHZ 45, 362, 366; BayO­bLGZ 1975, 227, 230; OLG Düs­sel­dorf, Mitt­RhNotK 1997, 436, 437; Erman/​Palm, BGB, 12. Aufl., § 129 Rn. 3; Palandt/​Ellenberger, BGB, 70. Aufl., § 129 Rn. 2[]
  3. MünchKommBGB/​Einsele, BGB, 5. Aufl., § 129 Rn. 4; Staudinger/​Hertel, BGB [2004], § 129 Rn. 52; Eylmann/​Vaasen/​Limmer, BeurkG, 2. Aufl., § 40 Rn. 28; Wink­ler, BeurkG, 16. Aufl., § 40 Rn. 6[]
  4. vgl. Jakobs/​Schu­bert, Die Bera­tung des BGB, Sachen­recht IV, ZVG, S. 948[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 20.06.1966 – IV ZB 60/​66, BGHZ 45, 362, 365; BayO­bLGZ 1975, 227, 230; OLG Düs­sel­dorf, Mitt­RhNotK 1997, 436, 437[]
  6. Bött­cher, ZVG, 5. Aufl., § 71 Rn. 15; Jaeckel/​Güthe, ZVG, 7. Aufl., § 71 Rn. 14; Hin­zen in Dassler/​Schiffhauer/​Muth/​Hintzen/​Engels/​Rellermeyer, ZVG, 12. Aufl., § 71 Rn. 34[]
  7. GVBl. 2008, 696[]
  8. in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 24.02.1991, GVBl. I, S. 78[]
  9. vgl. Prütting/​Gehrlein/​Preuß, ZPO, 2. Aufl., § 417 Rn. 4; MünchKommZPO/​Schreiber, 3. Aufl., § 417 Rn. 5; Musielak/​Huber, ZPO, 07. Aufl., § 417 Rn. 1; Wieczorek/​Schütze/​Ahrens, ZPO, 03. Aufl., § 417 Rn. 3[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 19.06.1952 – III ZR 113/​51, BGHZ 6, 304, 308; und Beschluss vom 20.07.1966 – IV ZB 60/​66, BGHZ 45, 362, 366; BayO­bLGZ 1954, 322, 329; 1975, 227, 232; OLG Düs­sel­dorf, Mitt­RhNotK 1997, 436, 437[]
  11. Römer, DNotZ 1956, 359, 363[]