Ver­tre­tung einer baye­ri­schen Gemein­de – durch den ers­ten Bür­ger­meis­ter

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hält an der im Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 08.12 1959 1 geäu­ßer­ten Rechts­auf­fas­sung zur Ver­tre­tung einer baye­ri­schen Gemein­de durch ihren ers­ten Bür­ger­meis­ter nicht fest.

Ver­tre­tung einer baye­ri­schen Gemein­de – durch den ers­ten Bür­ger­meis­ter

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat in sei­nem Urteil vom 08.12 1959 im Rah­men eines Rechts­streits über die Kün­di­gung des lei­ten­den Arz­tes eines städ­ti­schen Kran­ken­hau­ses in Bay­ern ent­schie­den, dass eine gem. Art. 38 Abs. 1 der Gemein­de­ord­nung für den Frei­staat Bay­ern (Bay­GO) abge­ge­be­ne Wil­lens­er­klä­rung des ers­ten Bür­ger­meis­ters nur dann für die Gemein­de bin­dend ist, wenn die­ser auf­grund eines Gemein­de­rats­be­schlus­ses, eines Beschlus­ses eines sonst zustän­di­gen Aus­schus­ses oder im Rah­men sei­ner eige­nen Zustän­dig­keit gehan­delt hat 2.

Mit Beschluss vom 18.03.2016 3 hat der Bun­des­ge­richts­hof beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ange­fragt, ob die­ser dar­an fest­hält, dass eine baye­ri­sche Gemein­de durch ihren ers­ten Bür­ger­meis­ter nur dann wirk­sam ver­tre­ten wird, wenn die nach der gemein­de­in­ter­nen Kom­pe­tenz­ver­tei­lung für die Rechts­hand­lung erfor­der­li­che Beschluss­fas­sung des Gemein­de­rats erfolgt ist.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hält an der im Urteil vom 08.12 1959 1 ver­tre­te­nen Rechts­auf­fas­sung nicht fest.

In sei­ner im Anfra­ge­be­schluss genann­ten Ent­schei­dung vom 18.10.1990 4 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht tra­gend über die Aus­le­gung von Art. 38 Abs. 1 Bay­GO ent­schie­den. Die streit­ge­gen­ständ­li­che Kün­di­gung war durch den Land­kreis erfolgt. Eben­falls nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich und als sol­ches aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben waren die Aus­füh­run­gen in dem nicht im Anfra­ge­be­schluss ange­führ­ten BAG, Urteil vom 19.10.1981 5 zur Kün­di­gung eines Gemein­de­an­ge­stell­ten in Schles­wig-Hol­stein. Der der ein­schlä­gi­gen Ent­schei­dung vom 08.12 1959 1 zugrun­de lie­gen­de Rechts­streit betraf die Kün­di­gung des lei­ten­den Arz­tes eines städ­ti­schen Kran­ken­hau­ses.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hält an der in der Ent­schei­dung vom 08.12 1959 1 geäu­ßer­ten Rechts­auf­fas­sung zur Ver­tre­tung einer baye­ri­schen Gemein­de durch ihren ers­ten Bür­ger­meis­ter nicht fest.

Die vom Bun­des­ge­richts­hof als vor­zugs­wür­dig ange­se­he­ne Aus­le­gung ist – wie im Anfra­ge­be­schluss aus­ge­führt – mit Wort­laut, Sys­te­ma­tik und Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Art. 38 Abs. 1 Bay­GO ver­ein­bar. Für des­sen Rechts­auf­fas­sung spre­chen ins­be­son­de­re das Bedürf­nis nach Rechts­si­cher­heit und ange­mes­se­nem Ver­kehrs­schutz. Ent­ge­gen­ste­hen­des Gewohn­heits­recht besteht nicht. Es ist schon zwei­fel­haft, ob die Aus­le­gung von Rechts­nor­men durch die Recht­spre­chung über­haupt Gewohn­heits­recht begrün­den kann oder eine Recht­spre­chungs­än­de­rung – was näher liegt – nur unter dem Gesichts­punkt des Ver­trau­ens­schut­zes zu beur­tei­len ist. Einem sol­chen Gewohn­heits­recht stün­de schon ent­ge­gen, dass die Ver­tre­tungs­macht des ers­ten Bür­ger­meis­ters nach Art. 38 Abs. 1 Bay­GO nicht auf der Bil­dung einer Rechts­über­zeu­gung in den betei­lig­ten Krei­sen beruht. Zu die­sen gehö­ren auch Drit­te, die in rechts­ge­schäft­li­che Bezie­hun­gen zu den baye­ri­schen Kom­mu­nen tre­ten. Schon wegen des Umfangs und der Unbe­stimmt­heit die­ses Per­so­nen­krei­ses dürf­te eine ein­heit­lich als rich­tig ange­se­he­ne Rechts­über­zeu­gung nicht fest­stell­bar sein.

Soweit dem zu Art. 35 Abs. 1 der Land­kreis­ord­nung für den Frei­staat Bay­ern ergan­ge­nen Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 18.10.1990 4 ent­nom­men wer­den könn­te, das Bun­des­ar­beits­ge­richt hät­te die­ser Ent­schei­dung die im Urteil vom 08.12.1959 zu Art. 38 Abs. 1 Bay­GO ver­tre­te­ne Rechts­auf­fas­sung zugrun­de gelegt und auf die Ver­tre­tungs­macht des Land­rats über­tra­gen, hält das Bun­des­ar­beits­ge­richt hier­an aus den vor­ste­hend genann­ten Grün­den nicht fest.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 22. August 2016 – 2 AZB 26/​16

  1. BAG 8.12 1959 – 3 AZR 348/​56[][][][]
  2. BAG 8.12 1959 – 3 AZR 348/​56, zu 3 der Grün­de[]
  3. BGH 18.03.2016 – V ZR 266/​14[]
  4. BAG 18.10.1990 – 2 AZR 157/​90[][]
  5. BAG 19.10.1981 – 2 AZR 538/​79, zu A II 2 der Grün­de[]