Ver­ur­tei­lung zur Abga­be einer Wil­lens­er­klä­rung

Genügt eine Ver­ur­tei­lung zur Abga­be einer Wil­lens­er­klä­rung nicht dem Bestimmt­heits­er­for­der­nis des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO, kann die Abga­be der frag­li­chen Erklä­rung durch den Schuld­ner auch nicht nach § 888 ZPO erzwun­gen wer­den.

Ver­ur­tei­lung zur Abga­be einer Wil­lens­er­klä­rung

Ist die im rechts­kräf­ti­gen Beru­fungs­ur­teil fest­ge­leg­te Ver­pflich­tung des Schuld­ners zur Abga­be von Wil­lens­er­klä­run­gen nicht hin­rei­chend bestimmt, so kann die­se Wil­lens­er­klä­rung des­halb nicht mit dem Ein­tritt der Rechts­kraft des Beru­fungs­ur­teils nach § 894 ZPO als abge­ge­ben ange­se­hen wer­den. Die Anwend­bar­keit des § 894 ZPO setzt vor­aus, dass die abzu­ge­ben­de Wil­lens­er­klä­rung einen fest bestimm­ten Inhalt hat. Die­ser ist gege­be­nen­falls durch Aus­le­gung zu ermit­teln, die auch unter Zuhil­fe­nah­me des Tat­be­stan­des und der Ent­schei­dungs­grün­de erfol­gen kann [1].

Die­sem Erfor­der­nis ent­spricht in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das zwi­schen den Par­tei­en ergan­ge­ne rechts­kräf­ti­ge Beru­fungs­ur­teil nicht. Die dort ent­hal­te­ne For­mu­lie­rung "alle erfor­der­li­chen Erklä­run­gen abzu­ge­ben" lässt – wie das Beschwer­de­ge­richt zutref­fend erkannt hat – kei­nen Raum für die in § 894 ZPO vor­ge­se­he­ne Fik­ti­on der Abga­be einer bestimm­ten Wil­lens­er­klä­rung.

Genügt eine Ver­ur­tei­lung des Beklag­ten zur Abga­be einer Wil­lens­er­klä­rung nicht dem Bestimmt­heits­er­for­der­nis, kann die­ser Man­gel ent­ge­gen der vom Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main [2] in der Vor­in­stanz in Über­ein­stim­mung mit Tei­len der Recht­spre­chung [3] und des Schrift­tums [4] ver­tre­te­nen Ansicht nicht nach­träg­lich im Ver­fah­ren nach § 888 ZPO geheilt wer­den [5].

Dafür spricht in rechts­sys­te­ma­ti­scher Hin­sicht, dass die Bestim­mung des § 894 ZPO eine spe­zi­el­le Voll­stre­ckungs­re­ge­lung ent­hält, die in ihrem Anwen­dungs­be­reich kei­nen Rück­griff auf die all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten der §§ 887, 888 ZPO zulässt, und zwar unab­hän­gig davon, ob die Fik­ti­ons­wir­kung ein­tritt oder nicht ein­tritt [6]. Aus dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 19. Juni 1986 [7] ergibt sich nichts Gegen­tei­li­ges. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dort aus­ge­spro­chen [8], dass der Gläu­bi­ger, der auf­grund eines Pro­zess­ver­gleichs die Abga­be einer Wil­lens­er­klä­rung ver­lan­gen kann, zur Errei­chung sei­nes Ziels nicht not­wen­dig den Weg über § 888 ZPO beschrei­ten muss, son­dern statt­des­sen ohne wei­te­res den ein­fa­chen und gera­den Weg einer Leis­tungs­kla­ge wäh­len kann, die zu einem Urteil führt, das nach § 894 ZPO die erstreb­te Erklä­rung ersetzt. Nach die­ser Ent­schei­dung ist der Weg über § 894 ZPO statt dem über § 888 ZPO daher selbst in Fäl­len eröff­net, in denen für ihn anders als für eine Voll­stre­ckung gemäß § 888 ZPO ein Titel erst noch geschaf­fen wer­den muss. Aus der Ent­schei­dung lässt sich daher gera­de nicht ablei­ten, dass der Weg über § 888 ZPO gleich­wer­tig neben dem über § 894 ZPO steht. Zudem stand dem Gläu­bi­ger in der mit dem Urteil vom 19.06.1986 ent­schie­de­nen Sache der Weg über § 894 ZPO jeden­falls zunächst nicht zur Ver­fü­gung.

Wei­ter­hin ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Rege­lung des § 894 ZPO nicht allein dem Inter­es­se des Gläu­bi­gers an einer zügi­gen Voll­stre­ckung des Urteils dient, son­dern dane­ben auch dem Inter­es­se des Schuld­ners, nicht unnö­tig belas­tet zu wer­den, sowie dem öffent­li­chen Inter­es­se an der Ver­mei­dung über­flüs­si­ger und umständ­li­cher Ver­fah­ren. Es besteht daher kein schutz­wür­di­ges Inter­es­se des Gläu­bi­gers dar­an, die für die Abga­be einer Wil­lens­er­klä­rung vor­ge­se­he­ne ein­fa­che Zwangs­voll­stre­ckung nach § 894 ZPO durch eine nicht hin­rei­chend bestimm­te Fas­sung sei­nes Kla­ge­an­trags aus­zu­schlie­ßen und die Zwangs­voll­stre­ckung dann in dem umständ­li­che­ren Ver­fah­ren nach § 888 ZPO zu betrei­ben [9].

Die vom OLG Frank­furt ver­tre­te­ne Ansicht führ­te im Übri­gen dazu, dass das nach § 894 ZPO bestehen­de Erfor­der­nis einer rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung dadurch umgan­gen wer­den könn­te, dass der Gläu­bi­ger die in einem vor­läu­fig voll­streck­ba­ren Urteil aus­ge­spro­che­ne Ver­pflich­tung zur Abga­be einer Wil­lens­er­klä­rung nach § 888 ZPO voll­streckt.

Davon abge­se­hen fehlt einem Urteil, in dem sich die von der beklag­ten Par­tei abzu­ge­ben­de Wil­lens­er­klä­rung auch unter Zuhil­fe­nah­me des Tat­be­stan­des und der Ent­schei­dungs­grün­de als nicht hin­rei­chend bestimmt erweist, im Blick auf eine Voll­stre­ckung nach § 888 ZPO eben­falls die erfor­der­li­che Bestimmt­heit [10]. Das Ver­fah­ren nach § 888 ZPO dient eben­so wie die in ande­ren Vor­schrif­ten gere­gel­ten Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren nicht der Fest­stel­lung des zu voll­stre­cken­den Anspruchs, son­dern allein der Voll­stre­ckung des im Erkennt­nis­ver­fah­ren fest­ge­stell­ten Anspruchs; ledig­lich in Zwei­fels­fäl­len kann der Inhalt die­ses Anspruchs noch im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren – soweit mög­lich – im Wege der Aus­le­gung näher bestimmt wer­den. Eine Ver­la­ge­rung der Klä­rung von Fra­gen, die im Erkennt­nis­ver­fah­ren zu beant­wor­ten sind, in das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­bie­tet sich zumal des­halb, weil in den bei­den Ver­fah­ren unter­schied­li­che Ver­fah­rens­grund­sät­ze gel­ten. So trifft das Gericht sei­ne Ent­schei­dun­gen im Erkennt­nis­ver­fah­ren gemäß § 128 Abs. 1 ZPO grund­sätz­lich nach münd­li­cher Ver­hand­lung; dage­gen erge­hen die im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren zu erlas­sen­den Ent­schei­dun­gen in aller Regel ohne münd­li­che Ver­hand­lung. Außer­dem kann die unter­le­ge­ne Par­tei eine ober­ge­richt­li­che Ent­schei­dung im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren anders als im Erkennt­nis­ver­fah­ren, wo bei einem 20.000 € über­stei­gen­den Wert der Beschwer nach § 26 Nr. 8 EGZPO Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ein­ge­legt wer­den kann, nur dann einer recht­li­chen Über­prü­fung zufüh­ren, wenn das Beschwer­de­ge­richt die Rechts­be­schwer­de – wie im Streit­fall gesche­hen – gemäß § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO zuge­las­sen hat.

Der Umstand, dass die Gläu­bi­ge­rin ihr im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren erstreb­tes Ziel nur im Wege einer erneu­ten Kla­ge wird errei­chen kön­nen, ver­letzt ent­ge­gen der Ansicht der Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung auch nicht ihren gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Anspruch auf einen wir­kungs­vol­len Rechts­schutz. Er stellt viel­mehr letzt­lich die Fol­ge des­sen dar, dass die Gläu­bi­ge­rin im Erkennt­nis­ver­fah­ren kei­nen hin­rei­chend bestimm­ten Kla­ge­an­trag gestellt hat. Es kommt hin­zu, dass die Zulas­sung einer Voll­stre­ckung gemäß § 888 ZPO hier den Schuld­ner unbil­lig in sei­nen Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten beschränk­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Mai 2011 – I ZB 57/​10

  1. vgl. Münch­Komm-ZPO/­Gru­ber, 3. Aufl., § 894 Rn. 11; Stur­hahn in Schuschke/​alker, Voll­stre­ckung und Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 4. Aufl., § 894 Rn. 3; Schil­ken in Gaul/​Schilken/​BeckerEberhard, Zwangs­voll­stre­ckungs­recht, 12. Aufl., § 72 Rn. 11; Wolf in Hintzen/​Wolf, Zwangs­voll­stre­ckung, Zwangs­ver­stei­ge­rung und Zwangs­ver­wal­tung, Rn.07.200; Grau, Die Bedeu­tung der §§ 894, 895 ZPO für die Voll­stre­ckung von Wil­lens­er­klä­run­gen, 2001, S. 149 f., jeweils mwN.[]
  2. OLG Frankfurt/​Main, Beschluss vom 05.07.2010 – 1 WF 281/​09[]
  3. vgl. OLG Braun­schweig, NJW 1959, 1929; OLG Karls­ru­he, Rpfle­ger 2005, 95[]
  4. vgl. Stein/​Jonas/​Brehm, ZPO, 22. Aufl., § 894 Rn. 5; Sei­ler in Thomas/​Putzo, ZPO, 32. Aufl., § 894 Rn. 1; Storz in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Aufl., § 894 Rn. 20; Zöller/​Stöber, ZPO, 28. Aufl., § 894 Rn. 2 und § 888 Rn. 3 "Wil­lens­er­klä­rung"; Baumbach/​Hartmann, ZPO, 69. Aufl., § 894 Rn. 4[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 25.05.1959 – II ZR 115/​58, NJW 1959, 1371; OLG Koblenz, OLGZ 1976, 380, 381; zum Schrift­tum vgl. neben den bereits vor­ste­hend unter III 1 am Ende Genann­ten auch Musielak/​Lackmann, ZPO, 08. Aufl., § 894 Rn. 6; Olzen in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 03. Aufl., § 894 Rn. 6; A. Blo­mey­er, Zivil­pro­zess­recht Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren, § 90 III 1 a; Gott­wald, Zwangs­voll­stre­ckung, § 894 Rn. 6; Sut­schet, ZZP 119, 279, 283 f.[]
  6. RGZ 156, 164, 169; Münch­Komm-ZPO/­Gru­ber aaO § 894 Rn. 11; Musielak/​Lackmann aaO § 894 Rn. 6; Olzen in Prütting/​Gehrlein aaO § 894 Rn. 6; Wolf in Hintzen/​Wolf aaO Rn.07.202[]
  7. BGH, Urteil vom 19.06.1986 – IX ZR 141/​85, BGHZ 98, 127[]
  8. ebd. S. 129[]
  9. BGH, NJW 1959, 1371; Grau aaO S. 150[]
  10. Münch­Komm-ZPO/­Gru­ber aaO § 894 Rn. 11; Stur­hahn in Schuschke/​Walker aaO § 894 Rn. 3; Musielak/​Lackmann aaO § 894 Rn. 6; A. Blo­mey­er aaO § 90 III 1 a; Schil­ken in Gaul/​Schilken/​BeckerEberhard aaO § 72 Rn. 11; Wolf in Hintzen/​Wolf aaO Rn.07.202; Sut­schet, ZZP 119, 279, 283; aA Stein/​Jonas/​Brehm aaO § 894 Rn. 5; Sei­ler in Thomas/​Putzo aaO § 888 Rn. 2 und § 894 Rn. 1; Storz in Wieczorek/​Schütze aaO § 894 Rn. 20; Zöller/​Stöber aaO § 888 Rn. 3 "Wil­lens­er­klä­rung"; Baumbach/​Hartmann aaO § 894 Rn. 4[]