Ver­weis auf eine Repa­ra­tur in einer frei­en Fach­werk­statt

Der Schä­di­ger kann den Geschä­dig­ten gemäß § 254 Abs. 2 BGB auf eine güns­ti­ge­re Repa­ra­tur­mög­lich­keit in einer mühe­los und ohne Wei­te­res zugäng­li­chen "frei­en" Fach­werk­statt ver­wei­sen, wenn er dar­legt und beweist, dass eine Repa­ra­tur in die­ser Werk­statt vom Qua­li­täts­stan­dard her der Repa­ra­tur in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Werk­statt ent­spricht und wenn er gege­be­nen­falls vom Geschä­dig­ten auf­ge­zeig­te Umstän­de wider­legt, die die­sem eine Repa­ra­tur außer­halb einer mar­ken­ge­bun­de­nen Werk­statt unzu­mut­bar machen wür­den 1.

Ver­weis auf eine Repa­ra­tur in einer frei­en Fach­werk­statt

Bei Fahr­zeu­gen, die älter sind als drei Jah­re, kann der Ver­weis auf eine tech­nisch gleich­wer­ti­ge Repa­ra­tur­mög­lich­keit in einer "frei­en" Fach­werk­statt ins­be­son­de­re dann unzu­mut­bar sein, wenn der Geschä­dig­te kon­kret dar­legt, dass er sein Fahr­zeug bis­her stets in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt hat war­ten und repa­rie­ren las­sen und dies vom Schä­di­ger nicht wider­legt wird 2.

Ist ein über neun Jah­re altes und bei dem Unfall ver­hält­nis­mä­ßig leicht beschä­dig­tes Fahr­zeug zwar stets in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt repa­riert, dort aber in den letz­ten Jah­ren vor dem Unfall nicht mehr gewar­tet wor­den, ist der Ver­weis auf eine "freie" Fach­werk­statt nicht unzu­mut­bar.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen Stel­lung dazu bezo­gen, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Geschä­dig­ter, der den Ersatz fik­ti­ver Repa­ra­tur­kos­ten begehrt, gemäß § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB die Erstat­tung der Stun­den­ver­rech­nungs­sät­ze einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt ver­lan­gen kann.

Der Geschä­dig­te darf, sofern die Vor­aus­set­zun­gen für eine fik­ti­ve Scha­dens­be­rech­nung vor­lie­gen, die­ser grund­sätz­lich die übli­chen Stun­den­ver­rech­nungs­sät­ze einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt zugrun­de legen, die ein von ihm ein­ge­schal­te­ter Sach­ver­stän­di­ger auf dem all­ge­mei­nen regio­na­len Markt ermit­telt hat. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs besteht dann in der Regel ein Anspruch des Geschä­dig­ten auf Ersatz der in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt anfal­len­den Repa­ra­tur­kos­ten unab­hän­gig davon, ob der Geschä­dig­te das Fahr­zeug tat­säch­lich voll, min­der­wer­tig oder über­haupt nicht repa­rie­ren lässt. Aller­dings kann der Schä­di­ger den Geschä­dig­ten unter dem Gesichts­punkt der Scha­dens­min­de­rungs­pflicht gemäß § 254 Abs. 2 BGB auf eine güns­ti­ge­re Repa­ra­tur­mög­lich­keit in einer mühe­los und ohne Wei­te­res zugäng­li­chen "frei­en" Fach­werk­statt ver­wei­sen, wenn er dar­legt und ggf. beweist, dass eine Repa­ra­tur in die­ser Werk­statt vom Qua­li­täts­stan­dard her der Repa­ra­tur in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt ent­spricht, und wenn er gege­be­nen­falls vom Geschä­dig­ten auf­ge­zeig­te Umstän­de wider­legt, die die­sem eine Repa­ra­tur außer­halb der mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt unzu­mut­bar machen 3.

Unzu­mut­bar ist eine Repa­ra­tur in einer "frei­en" Fach­werk­statt für den Geschä­dig­ten im All­ge­mei­nen dann, wenn das beschä­dig­te Fahr­zeug im Unfall­zeit­punkt nicht älter als drei Jah­re war. Aber auch bei Fahr­zeu­gen, die älter sind als drei Jah­re, kann es für den Geschä­dig­ten unzu­mut­bar sein, sich auf eine tech­nisch gleich­wer­ti­ge Repa­ra­tur­mög­lich­keit außer­halb der mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt ver­wei­sen zu las­sen. Zwar spie­len bei die­sen Fahr­zeu­gen anders als bei neu­en oder neu­wer­ti­gen Fahr­zeu­gen Gesichts­punk­te wie die Erschwer­nis einer Inan­spruch­nah­me von Gewähr­leis­tungs­rech­ten, einer Her­stel­ler­ga­ran­tie oder von Kulanz­leis­tun­gen regel­mä­ßig kei­ne Rol­le mehr. Aber auch bei älte­ren Fahr­zeu­gen kann die Fra­ge Bedeu­tung haben, wo das Fahr­zeug regel­mä­ßig gewar­tet, "scheck­heft­ge­pflegt" oder ggf. nach einem Unfall repa­riert wor­den ist. Es besteht bei einem gro­ßen Teil des Publi­kums die Ein­schät­zung, dass bei einer (regel­mä­ßi­gen) War­tung und Repa­ra­tur eines Fahr­zeu­ges in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt eine höhe­re Wahr­schein­lich­keit besteht, dass die­se ord­nungs­ge­mäß und fach­ge­recht erfolgt ist. In die­sem Zusam­men­hang kann es dem Geschä­dig­ten unzu­mut­bar sein, sich auf eine güns­ti­ge­re gleich­wer­ti­ge und ohne Wei­te­res zugäng­li­che Repa­ra­tur­mög­lich­keit in einer frei­en Fach­werk­statt ver­wei­sen zu las­sen, wenn er – zum Bei­spiel unter Vor­la­ge des "Scheck­hef­tes", der Rech­nun­gen oder durch Mit­tei­lung der Repa­ra­tur- bzw. War­tungs­ter­mi­ne – kon­kret dar­legt, dass er sein Fahr­zeug bis­her stets in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt hat war­ten und repa­rie­ren las­sen und dies vom Schä­di­ger nicht wider­legt wird 4. Wie der Bun­des­ge­richts­hof in eini­gen Ent­schei­dun­gen for­mu­liert hat, kann ins­be­son­de­re in die­sem Fall der Ver­weis auf eine güns­ti­ge­re Repa­ra­tur­mög­lich­keit unzu­mut­bar sein 2.

Für die Beur­tei­lung der Unzu­mut­bar­keit kommt es nicht auf die sub­jek­ti­ve Sicht des Geschä­dig­ten an. § 254 BGB ist eine Aus­prä­gung des Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben 5. Im Rah­men des § 254 Abs. 2 Satz 1 BGB geht es mit­hin um ein Unter­las­sen der­je­ni­gen Maß­nah­men, die ein ordent­li­cher und ver­stän­di­ger Mensch an der Stel­le des Geschä­dig­ten zur Scha­dens­ab­wehr oder min­de­rung ergrei­fen wür­de 6. Auch wenn dabei die Situa­ti­on des Geschä­dig­ten zu berück­sich­ti­gen ist, ist es nicht des­sen per­sön­li­che Sicht, die die Gren­zen der Zumut­bar­keit und damit den Umfang der Scha­dens­min­de­rungs­pflicht bestimmt.

Der Tatrich­ter ist bei sei­ner Über­zeu­gungs­bil­dung im Rah­men des § 254 Abs. 2 Satz 1 BGB nach § 287 BGB beson­ders frei­ge­stellt 7. Denn die Bemes­sung der Höhe des Scha­dens­er­satz­an­spruchs, auf die sich die Ver­let­zung der Scha­dens­min­de­rungs­pflicht aus­wir­ken kann, ist revi­si­ons­recht­lich nur dar­auf­hin über­prüf­bar, ob der Tatrich­ter erheb­li­ches Vor­brin­gen der Par­tei­en unbe­rück­sich­tigt gelas­sen, Rechts­grund­sät­ze der Scha­dens­be­mes­sung ver­kannt, wesent­li­che Bemes­sungs­fak­to­ren außer Betracht gelas­sen oder sei­ner Schät­zung unrich­ti­ge Maß­stä­be zugrun­de gelegt hat 8.

Der­ar­ti­ge Rechts­feh­ler wies im vor­lie­gen­den Fall das ange­foch­te­ne Urteil auf:

Das Beru­fungs­ge­richt hat bei der Prü­fung der Fra­ge, ob sich die Ver­wei­sung des Geschä­dig­ten auf die "freie" Fach­werk­statt S. als unzu­mut­bar dar­stellt, rechts­feh­ler­haft auf des­sen sub­jek­ti­ve Sicht abge­stellt. Aus­ge­hend von sei­nen für den Bun­des­ge­richts­hof bin­den­den Fest­stel­lun­gen hät­te es aber dar­auf abstel­len müs­sen, ob es für einen ordent­li­chen und ver­stän­di­gen Men­schen an der Stel­le des Gech­ä­dig­ten unzu­mut­bar ist, einen rund neun­ein­halb Jah­re alten Mer­ce­des Kom­bi 320 T mit einer Lauf­leis­tung von rund 123.700 km, der an der Heck­klap­pe und am Spoi­ler durch einen Streifstoß beschä­digt wur­de, in die Fach­werk­statt S. zur Vor­nah­me einer Repa­ra­tur zu geben, die vom Qua­li­täts­stan­dard her der Repa­ra­tur in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt ent­spricht. Dies ist ange­sichts des vom Beru­fungs­ge­richt fest­ge­stell­ten kon­kre­ten – d.h. durch Rech­nun­gen unter­leg­ten – Vor­trags des Geschä­dig­ten, dem­zu­fol­ge er zwar die Repa­ra­tu­ren, nach dem 6.02.2008 aber nicht mehr die Inspek­tio­nen an sei­nem Fahr­zeug in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt hat vor­neh­men las­sen, nicht der Fall. Dabei kann dahin­ste­hen, ob die Vor­nah­me nicht "scheck­heft­re­le­van­ter" Arbei­ten am Fahr­zeug wie eines Rei­fen­wech­sels oder eines Aus­tau­sches der Schei­ben­wisch­blät­ter in einer nicht mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt im Scha­dens­fall eine Ver­wei­sung auf eine "freie" Fach­werk­statt ermög­li­chen wür­de. Denn vor­lie­gend geht es nicht nur um Arbei­ten die­ser Art, son­dern um Inspek­tio­nen über einen Zeit­raum von fünf Jah­ren vor dem Unfall, von denen man­gels kon­kre­ten Vor­trags des Geschä­dig­ten nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den kann, dass sie in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt erfolgt sind. Dann aber hat der Geschä­dig­te ersicht­lich kei­nen Wert dar­auf gelegt, dass eine mar­ken­ge­bun­de­ne Fach­werk­statt sein Fahr­zeug regel­mä­ßig war­tet, wes­halb er damit bei­spiels­wei­se bei einem Ver­kauf sei­nes Fahr­zeugs nicht wer­ben dürf­te. Wenn aber seit Jah­ren kei­ne Inspek­tio­nen mehr in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt vor­ge­nom­men wur­den, wird dies allein durch den Umstand, dass sämt­li­che Repa­ra­tu­ren dort aus­ge­führt wur­den, bei einem rund neun­ein­halb Jah­re alten und ver­hält­nis­mä­ßig leicht beschä­dig­ten Fahr­zeug nicht der­art auf­ge­wo­gen, dass sich vor lie­gend die Unzu­mut­bar­keit des Ver­wei­ses auf eine Repa­ra­tur in der Fach­werk­statt S. begrün­den lie­ße.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Febru­ar 2017 – VI ZR 182/​16

  1. BGH, Urtei­le vom 28.04.2015 – VI ZR 267/​14, VersR 2015, 861 Rn. 9 f.; vom 15.07.2014 – VI ZR 313/​13, NJW 2014, 3236 Rn. 8; vom 03.12 2013 – VI ZR 24/​13, VersR 2014, 214 Rn. 9; vom 14.05.2013 – VI ZR 320/​12, NJW 2013, 2817 Rn. 8; vom 13.07.2010 – VI ZR 259/​09, DAR 2010, 577 Rn. 6 f.; vom 22.06.2010 – VI ZR 302/​08, NJW 2010, 2727 Rn. 6 f.[]
  2. BGH, Urtei­le vom 28.04.2015 – VI ZR 267/​14, VersR 2015, 861 Rn. 10; vom 13.07.2010 – VI ZR 259/​09, DAR 2010, 577 Rn. 8; vom 22.06.2010 – VI ZR 302/​08, NJW 2010, 2727 Rn. 7 und – VI ZR 337/​09, NJW 2010, 2725 Rn. 10[][]
  3. BGH, Urtei­le vom 28.04.2015 – VI ZR 267/​14, VersR 2015, 861 Rn. 9 f.; vom 15.07.2014 – VI ZR 313/​13, NJW 2014, 3236 Rn. 8; vom 03.12 2013 – VI ZR 24/​13, VersR 2014, 214 Rn. 9; vom 14.05.2013 – VI ZR 320/​12, NJW 2013, 2817 Rn. 8; vom 13.07.2010 – VI ZR 259/​09, DAR 2010, 577 Rn. 6 f.; vom 22.06.2010 – VI ZR 302/​08, NJW 2010, 2727 Rn. 6 f.; jeweils mwN[]
  4. BGH, Urtei­le vom 20.10.2009 – VI ZR 53/​09, BGHZ 183, 21 Rn. 14 f.; vom 23.02.2010 – VI ZR 91/​09, VersR 2010, 923 Rn. 15; vom 22.06.2010 – VI ZR 337/​09, NJW 2010, 2725 Rn. 10[]
  5. BGH, Urtei­le vom 28.04.2015 – VI ZR 206/​14, VersR 2015, 767 Rn. 13; vom 22.09.1981 – VI ZR 144/​79, VersR 1981, 1178, 1179; vom 14.03.1961 – VI ZR 189/​59, BGHZ 34, 355, 363 f.[]
  6. BGH, Urtei­le vom 18.03.2014 – VI ZR 10/​13, VersR 2014, 849 Rn. 28; vom 11.02.2014 – VI ZR 225/​13, NJW 2014, 1947 Rn. 11; vom 05.10.1965 – VI ZR 90/​64, VersR 1965, 1173, 1174[]
  7. BGH, Urtei­le vom 28.04.2015 – VI ZR 267/​14, VersR 2015, 861 Rn. 14; vom 13.07.2010 – VI ZR 259/​09, DAR 2010, 577 Rn. 13[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.04.2016 – VI ZR 50/​15, NJW 2016, 3092 Rn. 10; vom 05.03.2013 – VI ZR 245/​11, VersR 2013, 730 Rn. 14; vom 08.05.2012 – VI ZR 37/​11, VersR 2012, 917 Rn. 9 mwN[]