Ver­wir­kung des Beschwer­de­rechts bei der Pro­zess­kos­ten­hil­fe

Mit der Fra­ge der Ver­wir­kung des Beschwer­de­rechts gegen die Zurück­wei­sung des Antrags auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe wegen feh­len­der Erfolgs­aus­sicht der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Ver­wir­kung des Beschwer­de­rechts bei der Pro­zess­kos­ten­hil­fe

Zwar ist die Ver­wir­kung auch eines frist­ge­bun­de­nen Rechts­mit­tels dann mög­lich, wenn der Rechts­mit­tel­be­rech­tig­te über eine län­ge­re, nach den Umstän­den des Ein­zel­fal­les zu bemes­sen­de Zeit­span­ne hin­weg sein Recht nicht gel­tend macht und Umstän­de hin­zu­tre­ten, aus denen dar­auf geschlos­sen wer­den kann, dass die Betei­lig­ten den durch die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung geschaf­fe­nen Zustand als end­gül­tig ange­se­hen haben und anse­hen durf­ten 1. So kann sich die Fra­ge der Ver­wir­kung stel­len, wenn die Zustel­lung wegen eines Man­gels unwirk­sam war und des­halb die Beschwer­de­frist nicht in Lauf gesetzt wur­de, der Beschwer­de­füh­rer aber von der Ent­schei­dung Kennt­nis erlangt und die Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels solan­ge hin­aus­ge­zö­gert hat, dass sie nach Lage der Sache gegen Treu und Glau­ben ver­stößt. Der Ablauf eines lan­gen Zeit­rau­mes allein genügt indes­sen für die Ver­wir­kung noch nicht. Ein all­ge­mei­ner Rechts­satz des Inhalts, dass die Anfecht­bar­keit einer Ent­schei­dung nach Ablauf einer gewis­sen Zeit­span­ne, unab­hän­gig davon, ob eine Zustel­lung erfolgt ist oder nicht, stets ihr Ende fin­det, hat in der Gesetz­ge­bung kei­nen Aus­druck gefun­den. Eine zeit­li­che Beschrän­kung der Anfecht­bar­keit von gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen bedürf­te aber im Hin­blick auf das Gebot der Rechts­si­cher­heit einer posi­ti­ven gesetz­li­chen Rege­lung 2.

Bei dem Rechts­ge­dan­ken der Ver­wir­kung kommt es in ers­ter Linie auf das Ver­hal­ten des Berech­tig­ten an. Mit der Ver­wir­kung soll die illoy­al ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung von Rech­ten gegen­über dem Ver­pflich­te­ten aus­ge­schlos­sen wer­den. Dabei ist das Ver­hal­ten des Berech­tig­ten nach objek­ti­ven Gesichts­punk­ten zu beur­tei­len. Maß­ge­bend ist inso­weit, ob bei objek­ti­ver Beur­tei­lung der Ver­pflich­te­te aus dem Ver­hal­ten des Berech­tig­ten ent­neh­men durf­te, dass die­ser sein Recht nicht mehr gel­tend machen wol­le, ob er sich also dar­auf ein­rich­ten durf­te, dass er mit einer Rechts­aus­übung durch den Berech­tig­ten nicht mehr zu rech­nen braucht 3. Die Ver­wir­kung kann zwar gegen den Wil­len des Berech­tig­ten ein­tre­ten, da inso­weit die an Treu und Glau­ben aus­ge­rich­te­te objek­ti­ve Bewer­tung nicht aber der sub­jek­ti­ve Wil­lens­ent­schluss des Berech­tig­ten ent­schei­dend ist. In die­ser Hin­sicht kommt der recht­li­che Unter­schied zwi­schen der Ver­wir­kung und einem still­schwei­gen­den Ver­zicht zum Aus­druck 4. Für die Annah­me einer Ver­wir­kung ist es jedoch des Wei­te­ren erfor­der­lich, dass sich der Ver­pflich­te­te mit Rück­sicht auf das Ver­hal­ten des Berech­tig­ten dar­auf ein­ge­rich­tet hat, dass die­ser das ihm zuste­hen­de Recht nicht mehr gel­tend machen wer­de, und dass es gera­de des­halb mit den Grund­sät­zen von Treu und Glau­ben nicht zu ver­ein­ba­ren ist, dass der Berech­tig­te spä­ter doch noch mit der Gel­tend­ma­chung des ihm zuste­hen­den Rechts her­vor­tritt 5.

Eine infol­ge Unkennt­nis ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung eines Rechts­mit­tels kann aber bei objek­ti­ver Beur­tei­lung nicht als ein Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben betrach­tet wer­den und daher auch nicht den Ein­wand der Ver­wir­kung recht­fer­ti­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Novem­ber 2010 – VI ZB 30/​10

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 25.03.1965 – V BLw 25/​64, BGHZ 43, 289, 292; vom 22.09.1988 – III ZB 21/​88; und vom 23.02.1989 – BLw 11/​88, NJW-RR 1989, 768; OLG Frank­furt, MDR 1977, 586; OLG Koblenz, MDR 1997, 498; Musielak/​Fischer aaO, § 127 Rn. 17 f.[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 07.07.1954 – V BLw 5/​54, BGHZ 14, 179, 187[]
  3. RGZ 155, 148, 152; BGH, Urteil vom 27.06.1957 – II ZR 15/​56, BGHZ 25, 47, 51 f.[]
  4. RGZ 134, 262, 270[]
  5. RGZ 158, 100, 108[]