Voll­streck­bar­er­klä­rung von EU-Urtei­len – und unver­ein­ba­re Ent­schei­dun­gen

An Aus­füh­run­gen des aus­län­di­schen Gerichts zur Trag­wei­te eines inlän­di­schen Urteils ist das Gericht des Voll­stre­ckungs­staats nicht gebun­den.

Voll­streck­bar­er­klä­rung von EU-Urtei­len – und unver­ein­ba­re Ent­schei­dun­gen

Der Begriff der „Unver­ein­bar­keit“ im Sin­ne des Art. 34 Nr. 3 EuGV­VO aF ist auto­nom aus­zu­le­gen [1].

Danach sind Ent­schei­dun­gen unver­ein­bar, wenn sie Rechts­fol­gen haben, die sich gegen­sei­tig aus­schlie­ßen [2]. Maß­geb­lich sind die Wir­kun­gen der Ent­schei­dun­gen [3]. Ihr Zusam­men­tref­fen darf nicht zu einem mit der Kohä­renz der Rechts­ord­nung des Voll­stre­ckungs­staats unver­ein­ba­ren Wider­spruch füh­ren [4].

Hier­von aus­ge­hend hat der Bun­des­ge­richts­hof im Ein­klang mit der Lite­ra­tur Ent­schei­dun­gen jeden­falls dann als unver­ein­bar ange­se­hen, wenn sie mit gegen­läu­fi­gem Ergeb­nis über den­sel­ben Anspruch zwi­schen den­sel­ben Par­tei­en im Sin­ne des Art. 27 Abs. 1 EuGV­VO aF ergan­gen sind [5], ohne dass der Ver­sa­gungs­grund des Art. 34 Nr. 3 EuGV­VO aF auf die­se Fäl­le beschränkt ist [6].

Gemäß Art. 45 Abs. 1 Satz 1 EuGV­VO aF darf das Rechts­be­helfs­ge­richt die Voll­streck­bar­er­klä­rung nur aus einem der in Art. 34 und Art. 35 EuGV­VO aF gere­gel­ten Aner­ken­nungs­ver­sa­gungs­grün­de ver­sa­gen oder auf­he­ben. Hier­aus ergibt sich die ori­gi­nä­re Befug­nis des Rechts­be­helfs­ge­richts und der recht­li­che Rah­men [7] zur Prü­fung der ein­zel­nen Ver­sa­gungs­tat­be­stän­de. Begrenzt wird die­se Befug­nis gemäß Art. 45 Abs. 2 EuGV­VO aF allein dahin­ge­hend, dass die aus­län­di­sche Ent­schei­dung nicht in der Sache selbst nach­ge­prüft wer­den darf. Aus der zitier­ten Recht­spre­chung zur Anknüp­fung des Merk­mals Unver­ein­bar­keit im Sin­ne des Art. 34 Nr. 3 EuGV­VO aF an die Rechts­fol­gen der Ent­schei­dun­gen ergibt sich, dass der Gerichts­hof die Prü­fung der aus­län­di­schen Ent­schei­dung im Hin­blick auf ihre Rechts­fol­gen und Wir­kun­gen und den dabei gebo­te­nen Ver­gleich mit der inlän­di­schen Ent­schei­dung nicht als eine sol­che Nach­prü­fung der aus­län­di­schen Ent­schei­dung in der Sache selbst ansieht.

Auch Sys­te­ma­tik und Rege­lungs­ziel der Ver­ord­nung spre­chen gegen die von der Rechts­be­schwer­de ver­tre­te­ne Bin­dung an eine abwei­chen­de Bewer­tung des Gerichts [8]. Die Ver­ord­nung soll die inter­na­tio­na­len Zustän­dig­kei­ten ver­ein­heit­li­chen und die Frei­zü­gig­keit gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen sicher­stel­len (Erwä­gungs­grün­de 2 und 6). Hier­zu sieht sie ver­schie­de­ne Mecha­nis­men vor. Sind meh­re­re Ver­fah­ren anhän­gig, soll Art. 27 EuGV­VO aF schon vor Erlass der ers­ten Ent­schei­dung einen spä­te­ren Ent­schei­dungs­kon­flikt ver­hin­dern [9]. Liegt bereits eine – rechts­kräf­ti­ge – Ent­schei­dung vor, sol­len die Art. 33 Abs. 3, Art. 34 Nr. 3 EuGV­VO aF den Erlass einer mit ihr unver­ein­ba­ren zwei­ten Ent­schei­dung ver­hin­dern [10]. Lie­gen zwei sol­che Ent­schei­dun­gen vor, löst Art. 45 Abs. 1 Satz 1, Art. 34 Nr. 3 EuGV­VO aF den mög­li­chen Kon­flikt bei der Voll­stre­ckung. Die Wir­kung jeder Ent­schei­dung bleibt dann auf das natio­na­le Hoheits­ge­biet des jewei­li­gen Staats beschränkt [11]. Jeder die­ser auf Ver­mei­dung eines Zusam­men­tref­fens unver­ein­ba­rer Ent­schei­dun­gen abzie­len­den Rege­lun­gen kann nur dann ihre vom Gerichts­hof beton­te prak­ti­sche Wirk­sam­keit ent­fal­ten, wenn das jeweils befass­te Gericht die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eigen­stän­dig prü­fen kann. Bestün­de hin­ge­gen eine Bin­dung an Ein­schät­zun­gen des ers­ten Gerichts, lie­fen die in nach­fol­gen­den Ver­fah­rens­sta­di­en vor­ge­se­he­nen Mecha­nis­men leer.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in sei­nem Beschluss vom 17.06.2009 [12] nicht den abs­trak­ten Rechts­satz auf­ge­stellt, dass dem aus­län­di­schen Gericht eine vom Ver­bot der inhalt­li­chen Nach­prü­fung geschütz­te Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve hin­sicht­lich einer Unver­ein­bar­keit dann zukom­me, wenn es die inlän­di­sche Ent­schei­dung sei­ner­seits ein­be­zo­gen habe. Der zitier­te Beschluss betraf kei­nen Sach­ver­halt, bei dem das aus­län­di­sche Gericht den glei­chen Sach­ver­halt abwei­chend von einer inlän­di­schen Ent­schei­dung ent­schie­den hat. Des­halb stell­te sich auch nicht die Fra­ge einer Bin­dung an die Erwä­gun­gen des aus­län­di­schen Gerichts zur Trag­wei­te der inlän­di­schen Ent­schei­dung. Die öster­rei­chi­sche Ent­schei­dung über den Unter­halt, um deren Voll­streck­bar­er­klä­rung es ging, bezog den rechts­kräf­ti­gen deut­schen Titel über den nied­ri­ge­ren Unter­halts­be­trag ein und setz­te die­sen titu­lier­ten Unter­halts­be­trag von dem nach öster­rei­chi­schem Recht geschul­de­ten Unter­halt ab [13]. Sie erhöh­te damit in ihren Wir­kun­gen den in der inlän­di­schen Ent­schei­dung titu­lier­ten Unter­halt für ihren Rege­lungs­zeit­raum [14]. Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs schied des­halb ein Ver­sa­gungs­grund nach Art. 34 Nr. 1 und 3 EuGV­VO aF aus [15].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Okto­ber 2016 – IX ZB 11/​16

  1. vgl. EuGH, Urteil vom 04.02.1988, C145/​86, Hoff­mann /​Krieg, Slg. 1988, 645, 662 Rn.19 bis 25; Kropholler/​von Hein, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 9. Aufl., Art. 34 EuGVO Rn. 49; Rauscher/​Leible, EuZPR/​EuIPR, 2011, Art. 34 Brüs­sel I‑VO Rn. 45; Gei­mer in Geimer/​Schütze, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, 3. Aufl., Art. 34 EuGV­VO Rn. 167[]
  2. EuGH, Urteil vom 04.02.1988, aaO Rn. 22; vom 06.06.2002, C80/​00, Ita­li­an Lea­ther, Slg. 2002, I4995, 5011 Rn. 40[]
  3. EuGH, Urteil vom 06.06.2002, aaO, Rn. 44[]
  4. EuGH, Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts Dar­mon vom 09.07.1987 in Sachen Hoff­mann /​Krieg, Rechts­sa­che C145/​86, Slg. 1988, 645, 654 Nr. 11; vgl. Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts Léger vom 21.02.2002 in Sachen Ita­li­an Lea­ther, Rechts­sa­che C80/​00, Slg. 2002, I4995, 4997 Nr. 31 und 53[]
  5. vgl. etwa BGH, Vor­la­ge­be­schluss vom 18.09.2013 – V ZB 163/​12, WM 2013, 2160 Rn. 7 und 22; Beschluss vom 13.08.2014 – V ZB 163/​12, WM 2014, 1813 Rn. 8; vom 28.01.2016 – I ZR 236/​14, nv, Rn. 10[]
  6. Mäsch, in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf, Gesam­tes Recht der Zwangs­voll­stre­ckung, 3. Aufl., Art. 34 Brüs­sel I‑VO Rn. 38; Gei­mer in Geimer/​Schütze, aaO Rn. 168; Rauscher/​Leible, aaO; zum EuGVÜ Koch, Unver­ein­ba­re Ent­schei­dun­gen im Sin­ne des Art. 27 Nr. 3 und 5 EuGVÜ und ihre Ver­mei­dung, 1993, S. 27 ff[]
  7. vgl. Kropholler/​von Hein, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess­recht, 9. Aufl., Art. 45 EuGVO Rn. 2[]
  8. gegen eine Bin­dung auch Schlosser/​Hess/​Hess, EU-Zivil­pro­zess­recht, 4. Aufl., Art. 45 EuGV­VO nF Rn. 31[]
  9. EuGH, Urteil vom 08.12 1987, C144/​86, Gubisch Maschi­nen­fa­brik, Slg. 1987, 4861, 4871 Rn. 8; vom 06.12 1994, C406/​92, Tatry, Slg. 1994, I5439 Rn. 32[]
  10. Kropholler/​von Hein, aaO, vor Art. 33 Rn. 11 ff[]
  11. EuGH, Urteil vom 08.12 1987, aaO Rn. 18[]
  12. BGH, Beschluss vom 17.06.2009 – XII ZB 82/​09, FamRZ 2009, 1402[]
  13. vgl. BGH, aaO Rn. 10[]
  14. vgl. Tei­xei­ra de Sousa/​Hausmann in Simons/​Hausmann, Brüs­sel I‑Verordnung, 2012, Art. 34 Rn. 73; ähn­lich Hau, FamRZ 2009, 1403 f „blo­ße Nach­trags­kla­ge“[]
  15. BGH, aaO Rn. 10[]