Voll­stre­ckung aus einer Grund­schuld – und der ein­ge­tra­ge­ne Nieß­brauch

Hat sich der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer in einer nota­ri­el­len Grund­schuld­be­stel­lungs­ur­kun­de der sofor­ti­gen Zwangs­voll­stre­ckung in der Wei­se unter­wor­fen, dass die Zwangs­voll­stre­ckung aus der Urkun­de gegen den jewei­li­gen Eigen­tü­mer des Grund­stücks zuläs­sig sein soll, kann gegen den Berech­tig­ten eines im Rang nach der Grund­schuld in das Grund­buch ein­ge­tra­ge­nen Nieß­brauchs eine die ein­ge­schränk­te Rechts­nach­fol­ge aus­wei­sen­de Voll­stre­ckungs­klau­sel erteilt wer­den (titel­er­wei­tern­de Klau­sel). Die mit ihr ver­se­he­ne Urkun­de ist ein für die unbe­schränk­te Anord­nung der Zwangs­ver­wal­tung aus­rei­chen­der Voll­stre­ckungs­ti­tel.

Voll­stre­ckung aus einer Grund­schuld – und der ein­ge­tra­ge­ne Nieß­brauch

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 1 hat der die Zwangs­voll­stre­ckung betrei­ben­de Grund­schuld­gläu­bi­ger für die – wie hier – unbe­schränk­te Anord­nung der Zwangs­ver­wal­tung bei einem – eben­falls wie hier – nach­ran­gig ein­ge­tra­ge­nen Nieß­brauch einen auf den Nieß­brauchs­be­rech­tig­ten lau­ten­den Dul­dungs­ti­tel vor­zu­le­gen. Dies ist des­halb erfor­der­lich, weil sich der von dem Voll­stre­ckungs­ge­richt bestell­te Zwangs­ver­wal­ter den Besitz an dem der Zwangs­ver­wal­tung unter­lie­gen­den Grund­stück ver­schaf­fen muss, damit er den betrei­ben­den Gläu­bi­ger aus den Erträg­nis­sen des Grund­stücks befrie­di­gen kann (§ 146, § 150 Abs. 2, § 152 Abs. 1 ZVG), dem Nieß­brauchs­be­rech­tig­ten jedoch eben­falls das Besitz- und Nut­zungs­zie­hungs­recht an dem Grund­stück zusteht (§ 1030 Abs. 1, § 1036 Abs. 1 BGB). Da die Zwangs­voll­stre­ckung nur gegen den­je­ni­gen betrie­ben wer­den darf, der in dem Voll­stre­ckungs­ti­tel oder in der Voll­stre­ckungs­klau­sel (§ 727 ZPO) als Voll­stre­ckungs­schuld­ner nament­lich benannt ist, und da bei der Zwangs­ver­wal­tung allein die­sem die Ver­wal­tung und Benut­zung des Grund­stücks ent­zo­gen wer­den (§ 148 Abs. 2 ZVG), betrifft die in den Grund­schuld­be­stel­lungs­ur­kun­den ent­hal­te­ne Unter­wer­fung unter die sofor­ti­ge Zwangs­voll­stre­ckung (§ 800 Abs. 1 ZPO) ledig­lich den jewei­li­gen Eigen­tü­mer des Grund­stücks, nicht jedoch einen Nieß­brauchs­be­rech­tig­ten. Die­sen kann der Zwangs­ver­wal­ter nur dann aus sei­nem Besitz set­zen und an des­sen Stel­le die Nut­zun­gen zie­hen, wenn die Zwangs­ver­wal­tung auf­grund eines auf die Dul­dung der Zwangs­voll­stre­ckung auch gegen den Nieß­brauchs­be­rech­tig­ten gerich­te­ten Titels ange­ord­net wor­den ist.

Die auch mit Voll­stre­ckungs­klau­seln gegen die Nieß­brauchs­be­rech­tig­te ver­se­he­nen Grund­schuld­be­stel­lungs­ur­kun­de ist eine für die unbe­schränk­te Anord­nung der Zwangs­ver­wal­tung aus­rei­chen­der Dul­dungs­ti­tel.

Auf die Dul­dung der Zwangs­voll­stre­ckung gerich­te­te Titel sind nicht nur sol­che, wel­che in einem Kla­ge­ver­fah­ren ergan­gen sind, son­dern auch nota­ri­el­le Urkun­den, in denen sich der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer der sofor­ti­gen Zwangs­voll­stre­ckung in der Wei­se unter­wor­fen hat, dass die Zwangs­voll­stre­ckung aus der Urkun­de gegen den jewei­li­gen Eigen­tü­mer des Grund­stücks zuläs­sig sein soll (§ 794 Abs. 1 Nr. 5, § 800 ZPO). Zur Voll­stre­ckung aus die­sen Urkun­den ist es not­wen­dig, dass sie mit einer Voll­stre­ckungs­klau­sel (§ 725 ZPO) ver­se­hen sind und bei­des vor oder spä­tes­tens bei dem Beginn der Zwangs­voll­stre­ckung dem Schuld­ner zuge­stellt wird (§ 750 Abs. 1 und 2, § 795 Satz 1 ZPO).

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier vor. Die nota­ri­el­len Grund­schuld­be­stel­lungs­ur­kun­den ent­hal­ten Voll­stre­ckungs­un­ter­wer­fun­gen gemäß § 800 Abs. 1 Satz 1 ZPO. Die Unter­wer­fung ist in den Grund­bü­chern ein­ge­tra­gen. Von den Urkun­den wur­den voll­streck­ba­re Aus­fer­ti­gun­gen erteilt (§ 724 Abs. 1, § 795 Satz 1, § 797 Abs. 2 Satz 1 ZPO). Die Gläu­bi­ge­rin als Rechts­nach­fol­ge­rin der ursprüng­li­chen Grund­schuld­gläu­bi­ge­rin erhielt Voll­stre­ckungs­klau­seln (§ 727, § 795 Satz 1 ZPO). Auch gegen die Nieß­brauchs­be­rech­tig­te wur­den Voll­stre­ckungs­klau­seln erteilt, aller­dings mit der – zutref­fen­den – Ein­schrän­kung, dass die Zwangs­voll­stre­ckung auf die Dul­dung der Zwangs­ver­wal­tung der mit dem Nieß­brauch belas­te­ten Grund­stü­cke gerich­tet ist. Schließ­lich fehlt es auch nicht an der Zustel­lung der Urkun­den nebst Voll­stre­ckungs­klau­seln an die Schuld­ne­rin und an die Nieß­brauchs­be­rech­tig­te.

Die Ertei­lung der gegen die Nieß­brauchs­be­rech­tig­te gerich­te­ten ein­ge­schränk­ten Voll­stre­ckungs­klau­seln beruht auf § 727 ZPO in Ver­bin­dung mit § 325 ZPO, § 795 Satz 1 ZPO. Danach kann unter bestimm­ten, hier gege­be­nen Vor­aus­set­zun­gen eine voll­steck­ba­re Aus­fer­ti­gung gegen den­je­ni­gen erteilt wer­den, der nach der Errich­tung der Grund­schuld­be­stel­lungs­ur­kun­de Rechts­nach­fol­ger des in der Urkun­de bezeich­ne­ten Schuld­ners gewor­den ist 2. Rechts­nach­fol­ger in die­sem Sinn ist nach ein­hel­li­ger Auf­fas­sung in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur nicht nur der­je­ni­ge, der in die vol­le Rechts­stel­lung sei­nes Vor­gän­gers ein­ge­tre­ten ist, son­dern auch der­je­ni­ge, der eine min­de­re Rechts­stel­lung erwor­ben hat, wie z.B. ein Nieß­brauchs­be­rech­tig­ter 3. Hat die­ser – wie hier – den Nieß­brauch im Rang nach der Grund­schuld erlangt, kann gegen ihn eine die ein­ge­schränk­te Rechts­nach­fol­ge aus­wei­sen­de – Voll­stre­ckungs­klau­sel erteilt wer­den (titel­er­wei­tern­de Klau­sel). Die mit ihr ver­se­he­ne Grund­schuld­be­stel­lungs­ur­kun­de ist der für die unbe­schränk­te Anord­nung der Zwangs­ver­wal­tung not­wen­di­ge Dul­dungs­ti­tel 4.

Somit lie­gen die für die unbe­schränk­te Anord­nung der Zwangs­ver­wal­tung bzw. für die unbe­schränk­te Zulas­sung des Bei­tritts not­wen­di­gen Dul­dungs­ti­tel gegen die Nieß­brauchs­be­rech­tig­te vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. März 2014 – V ZB 140/​13

  1. BGH, Beschluss vom 14.03.2003 IXa ZB 45/​03, NJW 2003, 2164 f.
  2. BGH, Urteil vom 09.12 1992 – VIII ZR 218/​91, NJW 1993, 1396, 1397 mwN
  3. RGZ 82, 35, 38; OLG Dres­den, Rpfle­ger 2006, 92, 93; Hk-ZPO/­Sa­en­ger, 5. Aufl., § 325 Rn. 9; Münch­Komm-ZPO/Gott­wald, § 325 Rn. 28; Musielak in Musielak, ZPO, 10. Aufl., § 325 Rn. 7; Stein/​Jonas/​Leipold, ZPO, 22. Aufl., § 325 Rn. 21; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 30. Aufl. Rn.20
  4. OLG Dres­den, Rpfle­ger 2006, 92, 93; Staudinger/​Wolfsteiner, BGB [2009], § 1124 Rn. 22; Engels in Dassler/​Schiffhauer/​Hintzen/​Engels/​Rellermeyer, ZVG, 14. Aufl., § 145 Rn. 8; Stö­ber, ZVG, 20. Aufl., § 145 Rn. 11; Depré/​Mayer, Die Pra­xis der Zwangs­ver­wal­tung, 7. Aufl., § 1 Rn. 66; Harmeyer/​Wutzke/​Förs­ter/​Hintzen, Zwangs­ver­wal­tung, 5. Aufl., § 146 ZVG Rn. 12