Voll­stre­ckung einer bereits wäh­rend des Pro­zes­ses erfüll­ten For­de­run­gen

Mit der Fra­ge eines Anspruchs auf Unter­las­sung der Zwangs­voll­stre­ckung wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung, wenn der Schuld­ner die Titu­lie­rung einer im Pro­zess erfüll­ten For­de­rung durch nach­läs­si­ge Pro­zess­füh­rung mit­ver­ur­sacht hat, hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof befasst:

Voll­stre­ckung einer bereits wäh­rend des Pro­zes­ses erfüll­ten For­de­run­gen

§ 767 ZPO

Der Bun­des­ge­richts­hof hielt den Ein­wand der Erfül­lung nach § 767 Abs. 2 ZPO für aus­ge­schlos­sen. Nach die­ser Norm kön­nen Ein­wen­dun­gen im Wege der Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge nur inso­weit erho­ben wer­den, als die Grün­de, auf denen sie beru­hen, erst nach dem Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung, in der Ein­wen­dun­gen nach den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten spä­tes­tens hät­ten gel­tend gemacht wer­den müs­sen, ent­stan­den sind und durch Ein­spruch nicht mehr gel­tend gemacht wer­den kön­nen.

Sind die Grün­de, auf denen eine Ein­wen­dung beruht, bereits vor dem Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ent­stan­den, in der die Ein­wen­dung hät­te erho­ben wer­den müs­sen, ist die Ein­wen­dung für das Ver­fah­ren nach § 767 ZPO danach in jedem Fal­le prä­k­lu­diert. Eine ande­re Aus­le­gung lässt der ein­deu­ti­ge Wort­laut des Geset­zes nicht zu. Die­ses Ver­ständ­nis ent­spricht auch dem Wil­len des Gesetz­ge­bers 1 und dem Zweck der Norm, die Rechts­kraft­wir­kung unan­fecht­bar gewor­de­ner Ent­schei­dun­gen zu sichern und Ver­zö­ge­run­gen im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren vor­zu­beu­gen 2.

So liegt der Fall hier. Nach den Fest­stel­lun­gen ist die im Ver­säum­nis­ur­teil 21.04.2009 dem Beklag­ten zuge­spro­che­ne For­de­rung bereits im März 2009 durch Zah­lung der Klä­ge­rin erfüllt wor­den. Die Erfül­lung ist damit noch vor der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 21.04.2009 ein­ge­tre­ten, in der das Ver­säum­nis­ur­teil ergan­gen ist. In die­ser münd­li­chen Ver­hand­lung hät­te die Klä­ge­rin den Ein­wand der Erfül­lung erhe­ben kön­nen und müs­sen 3. Mit der Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge kann sie den Ein­wand nicht mehr erhe­ben.

Der Zusatz in § 767 Abs. 2, letz­ter Halb­satz ZPO "und durch Ein­spruch nicht mehr gel­tend gemacht wer­den kön­nen" ver­schärft die Prä­k­lu­si­on in den Fäl­len, in denen ein Ver­säum­nis­ur­teil ergan­gen ist. Dann sind auch sol­che Ein­wen­dun­gen von der Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge aus­ge­schlos­sen, deren Grün­de zwar nach der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung ent­stan­den sind, aber durch Ein­spruch noch gel­tend gemacht wer­den kön­nen. Hier­auf kommt es im Streit­fall aber nicht an, weil die Ein­wen­dung bereits vor der dem Urteil zugrun­de lie­gen­den münd­li­chen Ver­hand­lung ent­stan­den ist. Es kann des­halb dahin­ste­hen, ob ent­ge­gen der in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur vor­herr­schen­den Auf­fas­sung 4 der vom Ober­lan­des­ge­richt Hamm 5 und von Tei­len des Schrift­tums ver­tre­te­nen Ansicht zu fol­gen ist, wonach der Ein­wand der Erfül­lung im Anschluss an ein Ver­säum­nis­ur­teil nur dann prä­k­lu­diert ist, wenn er zum Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung über die Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge noch mit dem Ein­spruch gel­tend gemacht wer­den könn­te 6.

Erwä­gun­gen zu den Beson­der­hei­ten des Erfül­lungs­ein­wands recht­fer­ti­gen kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Auch der Ein­wand der Erfül­lung rich­tet sich gegen die Rechts­kraft­wir­kung eines ergan­ge­nen Urteils. Erfüllt ein Schuld­ner den mit einer Kla­ge gel­tend gemach­ten Anspruch sei­nes Gläu­bi­gers vor der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung, ist es ihm in glei­cher Wei­se wie bei ande­ren rechts­ver­nich­ten­den Ein­wen­dun­gen zuzu­mu­ten, den Ein­wand noch im lau­fen­den Ver­fah­ren zu erhe­ben und dadurch eine Ver­ur­tei­lung zu ver­hin­dern. Die Erwar­tung, der Gläu­bi­ger wer­de von sich aus die pro­zes­sua­len Kon­se­quen­zen aus der ein­ge­tre­te­nen Erfül­lung zie­hen, ent­hebt den Schuld­ner nicht der Pflicht, die Ein­wen­dung im Pro­zess vor­zu­tra­gen.

§826 BGB

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung kann ein Gläu­bi­ger in beson­ders schwer wie­gen­den, eng begrenz­ten Aus­nah­me­fäl­len nach § 826 BGB zur Unter­las­sung der Zwangs­voll­stre­ckung aus einem rechts­kräf­ti­gen, aber mate­ri­ell unrich­ti­gen Titel ver­pflich­tet sein, wenn es mit dem Gerech­tig­keits­ge­dan­ken schlecht­hin unver­ein­bar wäre, dass der Titel­gläu­bi­ger sei­ne for­mel­le Rechts­stel­lung unter Miss­ach­tung der mate­ri­el­len Rechts­la­ge zu Las­ten des Schuld­ners aus­nutzt; dann muss die Rechts­kraft zurück­tre­ten 7. Dies setzt neben der mate­ri­el­len Unrich­tig­keit des Voll­stre­ckungs­ti­tels und der Kennt­nis des Gläu­bi­gers hier­von zusätz­li­che beson­de­re Umstän­de vor­aus, wel­che die Erlan­gung des Voll­stre­ckungs­ti­tels oder sei­ne Aus­nut­zung als sit­ten­wid­rig und es als gebo­ten erschei­nen las­sen, dass der Gläu­bi­ger die ihm unver­dient zuge­fal­le­ne Rechts­po­si­ti­on auf­gibt.

Sol­che beson­de­ren, zur Unrich­tig­keit des Voll­stre­ckungs­ti­tels hin­zu­tre­ten­den Umstän­de lie­gen hier nicht vor. Nach den Fest­stel­lun­gen der Vor­in­stan­zen gibt es kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass dem Beklag­ten zu dem Zeit­punkt, als er den Erlass des Ver­säum­nis­ur­teils bean­trag­te, die Zah­lung der Klä­ge­rin bereits bekannt war. Er hat des­halb den Titel nicht erschli­chen. Zum Ver­säum­nis­ur­teil kam es viel­mehr auf­grund der Pro­zess­füh­rung der Klä­ge­rin. Im Hin­blick auf deren nach­läs­si­ges Vor­ge­hen 8 ver­letzt die Durch­set­zung der titu­lier­ten For­de­rung des Beklag­ten trotz ihrer bereits erfolg­ten Erfül­lung das Rechts­ge­fühl nicht in einem solch uner­träg­li­chen Maß, dass eine Durch­bre­chung der Rechts­kraft des Urteils gerecht­fer­tigt wäre. In die­sem Zusam­men­hang ist es ohne Bedeu­tung, ob die Klä­ge­rin den bereits gezahl­ten Betrag wegen Zweck­ver­feh­lung nach berei­che­rungs­recht­li­chen Grund­sät­zen wie­der her­aus­ver­lan­gen kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Dezem­ber 2011 – IX ZR 56/​11

  1. vgl. Hahn, Mat. Bd. II/​1, S. 437 f[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 18.11.1993 – IX ZR 244/​92, BGHZ 124, 164, 172; vom 30.03.1994 – VIII ZR 132/​92, BGHZ 125, 351, 353; Münch­Komm-ZPO/K. Schmidt, 3. Aufl., § 767 Rn. 73[]
  3. § 282 Abs. 1 ZPO[]
  4. RGZ 55, 187, 191; Gaul/​Schilken, Zwangs­voll­stre­ckungs­recht, 12. Aufl., § 40 Rn. 86 f; Schuschke/​Walker/​Raebel, Voll­stre­ckung und vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 5. Aufl., § 767 ZPO Rn. 33[]
  5. NJW-RR 2000, 659[]
  6. Stein/​Jonas/​Münzberg, ZPO, 22. Aufl., § 767 Rn. 40; Jau­er­nig, Zwangs­voll­stre­ckungs- und Insol­venz­recht, 23. Aufl., § 12 Rn. 16; Otto, Die Prä­k­lu­si­on, S. 69 ff, 72; ders., JA 1981, 649, 650; Bruns/​Peters, Zwangs­voll­stre­ckungs­recht, 3. Aufl., § 15 I 2; Baumann/​Brehm, Zwangs­voll­stre­ckung, 2. Aufl., § 13 III 2 S. 215; Schu­mann, NJW 1982, 1862[]
  7. vgl. etwa BGH, Urteil vom 24.09.1987 – III ZR 187/​86, BGHZ 101, 380, 383 ff; vom 09.02.1999 – VI ZR 9/​98, WM 1999, 919, 920; vom 11.07.2002 – XI ZR 326/​99, BGHZ 151, 316, 327 ff[]
  8. vgl. dazu BGH, Urteil vom 25.02.1988 – III ZR 272/​85, NJW-RR 1988, 957, 959[]