Voll­stre­ckung von Ord­nungs­haft

Die in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an eine Ord­nungs­geld­fest­set­zung nach § 890 ZPO [1] auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze gel­ten unein­ge­schränkt auch für die Voll­stre­ckung einer fest­ge­setz­ten Ord­nungs­haft.

Voll­stre­ckung von Ord­nungs­haft

Der durch die Auf­recht­erhal­tung der Ord­nungs­haft erfolg­te Ein­griff in das hoch­ran­gi­ge Grund­recht der Frei­heit der Per­son ist auf der förm­li­chen Grund­la­ge des § 890 Abs. 1 ZPO ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Bei der Anwen­dung von § 890 ZPO und § 765a ZPO (i.V.m. Art. 8 Abs. 2 EGStGB) auf den Ein­zel­fall han­delt es sich um die Anwen­dung ein­fa­chen Rechts, die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt grund­sätz­lich nicht zu über­prü­fen ist. In ver­fas­sungs­recht­li­cher Hin­sicht ist ledig­lich zu fra­gen, ob die Ent­schei­dun­gen der Gerich­te Aus­le­gungs­feh­ler erken­nen las­sen, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von der Bedeu­tung eines Grund­rechts beru­hen [2].

Nach § 890 Abs. 1 Satz 1 ZPO in der seit 1975 unver­än­dert gel­ten­den Fas­sung des Art. 98 Nr. 15 des Ein­füh­rungs­ge­set­zes zum Straf­ge­setz­buch (EGStGB) vom 02.03.1974 [3] ist der Schuld­ner wegen einer jeden Zuwi­der­hand­lung auf Antrag des Gläu­bi­gers von dem Pro­zess­ge­richt des ers­ten Rechts­zugs zu einem Ord­nungs­geld und für den Fall, dass die­ses nicht bei­ge­trie­ben wer­den kann, zur Ord­nungs­haft oder zur Ord­nungs­haft bis zu sechs Mona­ten zu ver­ur­tei­len, wenn er der Ver­pflich­tung zuwi­der han­delt, eine Hand­lung zu unter­las­sen oder die Vor­nah­me einer Hand­lung zu dul­den. Wenn Schuld­ner des Unter­las­sungs­an­spruchs wie hier (nur) eine juris­ti­sche Per­son ist, ist das Ord­nungs­geld gegen die­se und die ersatz­wei­se Ord­nungs­haft gegen das Organ­mit­glied fest­zu­set­zen, das schuld­haft gegen das Ver­bot ver­sto­ßen hat [4].

Die Ord­nungs­mit­tel des § 890 Abs. 1 Satz 1 ZPO haben nach herr­schen­der Auf­fas­sung einen dop­pel­ten Zweck. Als zivil­recht­li­che Beu­ge­maß­nah­me die­nen sie prä­ven­tiv der Ver­hin­de­rung künf­ti­ger Zuwi­der­hand­lun­gen; dane­ben stel­len sie repres­siv eine stra­f­ähn­li­che Sank­ti­on für die Über­tre­tung des gericht­li­chen Ver­bots dar [5].

Das Ver­ständ­nis der Ord­nungs­mit­tel des § 890 ZPO als Maß­nah­men zur Beu­gung des Wil­lens des Schuld­ners, die zugleich straf­recht­li­che Ele­men­te ent­hal­ten, steht mit der Ver­fas­sung in Ein­klang. Es muss aller­dings gewähr­leis­tet sein, dass der Grund­satz "nul­la poe­na sine cul­pa" gewahrt bleibt [6].

Die Fest­set­zung eines Ord­nungs­mit­tels im Sin­ne des § 890 Abs. 1 ZPO setzt ein Ver­schul­den auf Sei­ten des Schuld­ners vor­aus [7]. Ist Schuld­ner eine juris­ti­sche Per­son, kann nur die Schuld der für sie ver­ant­wort­lich han­deln­den Per­so­nen maß­ge­bend sein [8].

Die Voll­stre­ckung der Ord­nungs­haft hat auch nicht des­halb zu unter­blei­ben, weil die Gefahr einer wei­te­ren Zuwi­der­hand­lung gegen das Unter­las­sungs­ge­bot inzwi­schen mit hoher Wahr­schein­lich­keit aus­zu­schlie­ßen ist. Zwar ist nach den Fest­stel­lun­gen der Fach­ge­rich­te wegen der beson­de­ren Situa­ti­on der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen sowohl der AG als auch des Beschwer­de­füh­rers (mög­li­cher­wei­se) der Beu­ge­zweck des Ord­nungs­mit­tels ent­fal­len. Dies hat nach Fest­set­zung des Ord­nungs­mit­tels – auch vor dem Hin­ter­grund von Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG – aber nicht zur Fol­ge, dass das Ord­nungs­mit­tel­ver­fah­ren auf­zu­he­ben oder ein­zu­stel­len wäre.

Der Voll­zug der Ord­nungs­haft knüpft, wie dar­ge­legt, auch am Sank­ti­ons­in­ter­es­se des Gläu­bi­gers an. Solan­ge die­ses besteht, darf – zur Auf­recht­erhal­tung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Ord­nungs­mit­tel­ver­fah­rens – die Voll­stre­ckung fort­ge­führt wer­den. Das Sank­ti­ons­in­ter­es­se des Gläu­bi­gers kon­kre­ti­siert sich eben­so wie sein Beug­ein­ter­es­se im Antrag auf Fest­set­zung des Ord­nungs­mit­tels, des­sen Rück­nah­me nach Unan­fecht­bar­keit des Ord­nungs­mit­tel­be­schlus­ses aus­ge­schlos­sen ist [9]. Die stra­f­ähn­li­che Ahn­dung dient als voll­stre­ckungs­recht­li­ches Mit­tel zur Besei­ti­gung eines rechts­wid­ri­gen Zustands durch Süh­ne für die began­ge­ne Zuwi­der­hand­lung. Im Inter­es­se der Funk­ti­ons­fä­hig­keit des Ord­nungs­mit­tel­ver­fah­rens soll die Titel­ver­let­zung für den Schuld­ner zu kei­nem Zeit­punkt als wirt­schaft­lich oder per­sön­lich loh­nend erschei­nen [10].

Dass das Organ einer juris­ti­schen Per­son in die Lage gera­ten kann, die Ord­nungs­haft antre­ten zu müs­sen, weil es die­se nicht (mehr) durch Zah­lung abwen­den kann, ist eine der Sys­te­ma­tik des § 890 ZPO imma­nen­te Fol­ge, die kei­ne unbil­li­ge Här­te im Sin­ne von § 765a ZPO begrün­det. Das ist, wenn – wie hier – das Organ, des­sen schuld­haf­ter Ver­stoß gegen das Unter­las­sungs­ge­bot der juris­ti­schen Per­son zuge­rech­net wor­den ist, iden­tisch ist mit dem­je­ni­gen, an dem auch die Ord­nungs­haft voll­zo­gen wer­den soll, von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den. Es kommt des­halb nicht dar­auf an, ob den gesetz­li­chen Ver­tre­ter ein Ver­schul­den an sei­ner Zah­lungs­un­fä­hig­keit trifft.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 9. Mai 2017 – 2 BvR 335/​17

  1. BVerfGE 20, 323, 332; 58, 159, 161 ff.; 84, 82, 87[]
  2. vgl. BVerfGE 18, 85, 92 f.; 42, 143, 148 f.; 67, 213, 223; 68, 361, 372; stRspr[]
  3. BGBl I 1974, 469[]
  4. BGH, Beschluss vom 12.01.2012 – I ZB 43/​11 7; Zöller/​Stöber, ZPO, 31. Aufl.2016, § 890 Rn. 6[]
  5. BGH, Beschluss vom 08.12 2016 – I ZB 118/​15 17, m.w.N.; BGH, Beschluss vom 23.10.2003 – I ZB 45/​02 38 = BGHZ 156, 335, 345 f., m.w.N., stRspr.; Zöller/​Stöber, ZPO, 31. Aufl.2016, § 890 Rn. 5; Brox/​Walker, Zwangs­voll­stre­ckungs­recht, 10. Aufl.2014, Rn. 1100; Bendt­sen, in: Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf, Zwangs­voll­stre­ckung, 2. Aufl.2013, § 890 Rn. 2; Gottwald/​Mock, Zwangs­voll­stre­ckung, 7. Aufl.2015, § 890 Rn. 1 und 25; für aus­schließ­lich repres­si­ven Cha­rak­ter des Ord­nungs­mit­tels: Brehm, in: Stein/​Jonas, ZPO, Bd. 8, 22. Aufl.2004, § 890 Rn. 3; für aus­schließ­li­chen Beu­ge­zweck Stur­hahn, in: Schuschke/​Walker, Voll­stre­ckung und Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, Kom­men­tar, 6. Aufl.2016, § 890 Rn. 6, m.w.N.; offen­las­send, z.B. Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 75. Aufl.2017, § 890 Rn. 9[]
  6. vgl. BVerfGE 20, 323, 332 ff.; 58, 159, 162 f.; 84, 82, 87; BVerfG, Beschluss vom 04.12 2006 – 1 BvR 1200/​04 11[]
  7. vgl. BVerfGE 20, 323, 332; 58, 159, 162 f.; 84, 82, 87[]
  8. vgl. BVerfGE 20, 323, 336[]
  9. vgl. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 31.03.2008 – I‑2 W 29/​07, juris; Zöller/​Stöber, ZPO, 31. Aufl.2016, § 890 Rn. 13; Gottwald/​Mock, Zwangs­voll­stre­ckung, 7. Aufl.2015, § 890 Rn. 30[]
  10. vgl. dazu BGH, Urteil vom 30.09.1993 – I ZR 54/​91 18; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 10.05.2005 – 2 W 12/​05[]