Abbe­ru­fung eines Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ters

Mit den Anfor­de­run­gen an die Abbe­ru­fung eines Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ters wegen sei­nes Ver­hal­tens im Zusam­men­hang mit einem ver­fah­rens­be­en­den­den Ver­gleich hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Abbe­ru­fung eines Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ters

Gemäß § 8 Abs. 3 Satz 2 GesO kann das Gesamt­voll­stre­ckungs­ge­richt bei Vor­lie­gen eines wich­ti­gen Grun­des den Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ter abbe­ru­fen und einen ande­ren Ver­wal­ter ein­set­zen.

Ein wich­ti­ger Grund liegt vor, wenn ein Ver­blei­ben des Ver­wal­ters im Amt unter Berück­sich­ti­gung sei­ner schutz­wür­di­gen Inter­es­sen die Belan­ge der Gläu­bi­ger­ge­samt­heit und die Recht­mä­ßig­keit der Ver­fah­rens­ab­wick­lung objek­tiv nach­hal­tig beein­träch­ti­gen wür­de. Die­se Beein­träch­ti­gung muss fest­ste­hen 1. Beruht sie auf einer Pflicht­ver­let­zung des Ver­wal­ters, ist die Abbe­ru­fung mit Blick auf den grund­recht­li­chen Schutz der Aus­übung des Ver­wal­ter­am­tes durch Art. 12 GG zudem nur dann zuläs­sig, wenn es in Anbe­tracht der Erheb­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung sach­lich nicht mehr ver­tret­bar erscheint, den Ver­wal­ter in sei­nem Amt zu belas­sen. Die Beur­tei­lung, ob die­se Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen, ist unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls vom Tatrich­ter zu tref­fen; ihm steht dabei ein Beur­tei­lungs­spiel­raum zu 2.

Ein wich­ti­ger Grund zur Abbe­ru­fung des Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ters kann sich auch aus des­sen Ver­hal­ten im Zusam­men­hang mit dem Abschluss eines Ver­gleichs nach § 16 GesO erge­ben.

Par­tei­en des Ver­gleichs sind der Schuld­ner sowie die nicht bevor­rech­tig­ten Gläu­bi­ger (§ 16 Abs. 2 GesO). Sie ent­schei­den im Rah­men der gesetz­li­chen Vor­ga­ben frei und in eige­ner Ver­ant­wor­tung über des­sen inhalt­li­che Aus­ge­stal­tung, vor­be­halt­lich der Bestä­ti­gung des Ver­gleichs durch das Gesamt­voll­stre­ckungs­ge­richt. Der Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ter ist am Ver­gleich for­mal nicht betei­ligt. Gleich­wohl kann er durch sein Ver­hal­ten aus Anlass des Ver­gleichs­schlus­ses die ihm oblie­gen­den Pflich­ten ver­let­zen. Ein Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ter ist wie ein Kon­kur­so­der Insol­venz­ver­wal­ter ver­pflich­tet, die Mas­se im Befrie­di­gungs­in­ter­es­se der Gläu­bi­ger zu erhal­ten und zu ver­hin­dern, dass Bestand­tei­le der Mas­se dem Zweck des Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­rens zuwi­der ver­wen­det wer­den. Soweit den Gläu­bi­gern das Recht ein­ge­räumt ist, über den Fort­gang des Ver­fah­rens mit­zu­be­stim­men, müs­sen die vom Ver­wal­ter hier­zu erteil­ten Infor­ma­tio­nen voll­stän­dig und rich­tig sein. Des­halb ver­letzt ein Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ter, der sich maß­geb­lich an der Aus­ar­bei­tung eines Ver­gleichs nach § 16 GesO betei­ligt und die von den Gläu­bi­gern hier­zu benö­tig­ten Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung stellt, sei­ne Pflich­ten, wenn er ver­schweigt, dass noch mit erheb­li­chen spä­te­ren Ver­wer­tungs­er­lö­sen zu rech­nen ist, oder zur Ver­wen­dung sol­cher Erlö­se unzu­rei­chen­de Anga­ben macht, ins­be­son­de­re wenn er nicht mit­teilt, dass spä­te­re Erlö­se, soweit nicht ander­wei­tig benö­tigt, end­gül­tig bei einem von ihm bestimm­ten Treu­hän­der ver­blei­ben sol­len.

Einer Abbe­ru­fung des Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ters wegen pflicht­wid­ri­gen Han­delns im Zusam­men­hang mit dem Abschluss eines Ver­gleichs nach § 16 GesO steht nicht ent­ge­gen, dass gemäß § 19 Abs. 1 Nr. 2 GesO die Gesamt­voll­stre­ckung nach Ein­tritt der Rechts­kraft des Ver­gleichs­be­schlus­ses (§ 16 Abs. 5 Satz 1 GesO) ein­zu­stel­len ist. Eine sol­che Ein­stel­lung ist hier nicht erfolgt. Im Übri­gen hat das Gesamt­voll­stre­ckungs­ge­richt mit Beschluss vom 17.06.2009 hin­sicht­lich der noch nicht ver­wer­te­ten Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de der Schuld­ne­rin die Nach­trags­ver­tei­lung vor­be­hal­ten, die über den Wort­laut des § 12 Abs. 3 GesO hin­aus auch im Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren statt­fin­den kann 3, und deren Voll­zie­hung dem Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ter über­tra­gen. Eine Beein­träch­ti­gung der schutz­wür­di­gen Gläu­bi­ger­inter­es­sen sowie der Ver­fah­rens­ab­wick­lung durch das Ver­blei­ben des Ver­wal­ters in sei­nem Amt war des­halb wei­ter­hin mög­lich.

Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren war nach den bis­her getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen dem Ver­wal­ter aller­dings kein pflicht­wid­ri­ges Han­deln im Zusam­men­hang mit dem Ver­gleichs­schluss anzu­las­ten:

Kern­punkt der vom Beschwer­de­ge­richt ange­nom­me­nen Pflicht­ver­let­zun­gen ist der Vor­wurf, der Ver­wal­ter habe die Gläu­bi­ger beim Zustan­de­kom­men des Ver­gleichs dar­über getäuscht, dass nach den getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen der durch die Ver­wer­tung der rest­li­chen Mas­se­ge­gen­stän­de erziel­te Erlös, soweit er nicht zum Aus­gleich der Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten benö­tigt wür­de, dem Liqui­da­ti­ons­treu­hän­der zukom­men und bei ihm end­gül­tig ver­blei­ben sol­le. Zu der zugrun­de­lie­gen­den Fest­stel­lung, dass der Liqui­da­ti­ons­treu­hän­der in kei­nem Treu­hand­ver­hält­nis zu einem Drit­ten ste­he und der Mas­se zuste­hen­de Beträ­ge in sein Ver­mö­gen "ver­la­gert" wür­den, ist das Beschwer­de­ge­richt jedoch rechts­feh­ler­haft gelangt.

Im Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren gilt gemäß § 2 Abs. 2 GesO der Amts­er­mitt­lungs­grund­satz 4. Hält das Gesamt­voll­stre­ckungs­ge­richt einen Umstand für erheb­lich, trifft es eine Ermitt­lungs­pflicht, sofern es sich nicht auf offen­kun­di­ge Tat­sa­chen stüt­zen kann 5. Art und Umfang der Ermitt­lun­gen, die im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Gerichts ste­hen, rich­ten sich dabei nach den jewei­li­gen Behaup­tun­gen und Beweis­an­re­gun­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. März 2019 – IX ZB 47/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 08.12 2005 – IX ZB 308/​04, ZIP 2006, 247 Rn. 8; vom 04.05.2017 – IX ZB 102/​15, WM 2017, 1166 Rn. 8; jeweils zu § 59 InsO[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 08.12 2005, aaO Rn. 10; vom 17.03.2011 – IX ZB 192/​10, ZIP 2011, 671 Rn. 18; vom 04.05.2017, aaO mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 17.02.2011 – IX ZB 268/​08, ZIP 2011, 625 Rn. 11[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 25.11.1993 – IX ZR 84/​93, ZIP 1994, 157, 158[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 05.11.1956 – III ZR 139/​55, WM 1957, 67; Beschluss vom 01.12 2011 – IX ZB 232/​10, WM 2012, 142 Rn. 11; Hess/​Binz/​Wienberg, GesO, 4. Aufl., § 2 Rn. 65; Münch­Komm-InsO/Gan­ter/­Loh­mann, 3. Aufl., § 5 Rn. 21; Hmb­Komm-InsO/­Rüt­her, 7. Aufl., § 5 Rn. 9[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 01.12 2011, aaO; vom 11.04.2013 – IX ZB 170/​11, ZVI 2013, 282 Rn. 10[]
  7. BGH, Beschluss vom 01.03.1993 – II ZR 179/​91, NJW 1993, 1715[]