Aus­son­de­rungs­kraft des Wert­er­satz­an­spruchs

Dass der Rück­ge­währ­an­spruch aus § 143 Abs. 1 InsO in der Insol­venz des Anfech­tungs­geg­ners ein Aus­son­de­rungs­recht begrün­den kann, ist seit der Grund­satz­ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 23.10.2003 1 aner­kannt 2. Maß­ge­bend hier­für sind die Wer­tun­gen, die den ein­schlä­gi­gen Geset­zes­nor­men zugrun­de lie­gen.

Aus­son­de­rungs­kraft des Wert­er­satz­an­spruchs

Danach bewirkt das dem Insol­venz­ver­wal­ter ein­ge­räum­te Anfech­tungs­recht eine Ände­rung der Ver­mö­gens­zu­ord­nung. Gegen­stän­de, die auf­grund einer in den §§ 129 ff InsO genann­ten Rechts­hand­lung aus dem Ver­mö­gen des Schuld­ners aus­ge­schie­den sind, müs­sen auf die Anfech­tung des Ver­wal­ters hin der den Gläu­bi­gern haf­ten­den Mas­se wie­der zuge­führt wer­den. Sie wer­den damit als ein dem Zugriff der Gläu­bi­ger­ge­samt­heit zur Ver­fü­gung ste­hen­des Objekt der Ver­mö­gens­mas­se des insol­ven­ten Schuld­ners behan­delt, obwohl sie schuld- und sachen­recht­lich wirk­sam in das Eigen­tum des Anfech­tungs­geg­ners über­ge­gan­gen sind. Die­se Wer­tung fin­det ihre Bestä­ti­gung in § 145 Abs. 1 InsO und ist auch auf­grund der Inter­es­sen­la­ge der Betei­lig­ten recht­lich gebo­ten. Es wäre nicht ein­zu­se­hen, war­um die Gläu­bi­ger des insol­vent gewor­de­nen Anfech­tungs­geg­ners von Rechts­hand­lun­gen soll­ten pro­fi­tie­ren kön­nen, die – im Hin­blick auf die bei­der­sei­ti­ge Insol­venz – als unge­recht­fer­tig­te Ver­meh­rung der Ver­mö­gens­mas­se des Emp­fän­gers erschei­nen 3.

Die Aus­son­de­rungs­kraft des anfech­tungs­recht­li­chen Rück­ge­währ­an­spruchs erlischt mit dem Unter­gang des aus­zu­son­dern­den Gegen­stands 4. Der Bun­des­ge­richts­hof hat des­halb ein Aus­son­de­rungs­recht des anfech­ten­den Insol­venz­ver­wal­ters ver­neint, nach­dem nach Ein­zie­hung der anfecht­bar abge­tre­te­nen For­de­rung, die noch vor Ver­fah­rens­er­öff­nung erfolgt war, nur ein Wert­er­satz­an­spruch nach § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO zur Ent­ste­hung gelangt war. An die Stel­le des Aus­son­de­rungs­rechts kön­ne ein Recht auf Ersatz­aus­son­de­rung der Gegen­leis­tung tre­ten, soweit die­se in der Insol­venz­mas­se unter­scheid­bar vor­han­den sei. Fer­ner kön­ne eine (Masse)Forderung aus einer unge­recht­fer­tig­ten Berei­che­rung ent­ste­hen (§ 55 Abs. 1 Nr. 3 InsO), wenn die Berei­che­rung nach Ver­fah­rens­er­öff­nung erfol­ge 5.

Damit ist noch nicht geklärt, wie zu ent­schei­den ist, wenn der dem Ver­mö­gen des (künf­ti­gen) Schuld­ners durch die anfecht­ba­re Rechts­hand­lung ent­zo­ge­ne Gegen­stand zu kei­nem Zeit­punkt in das Ver­mö­gen des Anfech­tungs­geg­ners gelangt. Der durch den Bun­des­ge­richts­hof mit Urteil vom 24.06.2003 (aaO) ent­schie­de­ne Fall zeich­ne­te sich dadurch aus, dass sich die anfecht­bar abge­tre­te­ne For­de­rung zunächst aus­son­de­rungs­fä­hig im Ver­mö­gen des spä­te­ren Schuld­ners befand und des­halb infol­ge der Ein­zie­hung der For­de­rung ein Ersatz­aus­son­de­rungs­recht zur Ent­ste­hung gelangt sein konn­te oder eine For­de­rung gegen­über der Mas­se nach § 55 Abs. 1 Nr. 3 InsO. Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te des­halb dem Wert­er­satz­an­spruch nach § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO die (pri­mä­re) Aus­son­de­rungs­kraft abspre­chen, ohne der von dem anfech­ten­den Insol­venz­ver­wal­ter ver­wal­te­ten Mas­se den mit der Annah­me der Aus­son­de­rungs­kraft des Anfech­tungs­an­spruch bezweck­ten Schutz voll­stän­dig zu ver­sa­gen.

Anders liegt der Fall, wenn ein aus­son­de­rungs­fä­hi­ger Gegen­stand zu kei­nem Zeit­punkt in das Ver­mö­gen des spä­te­ren Schuld­ners gelangt und des­halb weder ein Ersatz­aus­son­de­rungs­recht noch eine Mas­se­for­de­rung ent­ste­hen kön­nen. Sprä­che man auch hier dem Wert­er­satz­an­spruch jeg­li­che Aus­son­de­rungs­kraft ab, blie­be dem anfech­ten­den Insol­venz­ver­wal­ter nur die Ver­fol­gung einer ein­fa­chen Insol­venz­for­de­rung und wür­den die Gläu­bi­ger des insol­vent gewor­de­nen Anfech­tungs­geg­ners von Rechts­hand­lun­gen pro­fi­tie­ren kön­nen, die – im Hin­blick auf die bei­der­sei­ti­ge Insol­venz – als unge­recht­fer­tig­te Ver­meh­rung der Ver­mö­gens­mas­se des Emp­fän­gers erschei­nen. Die­ses Ergeb­nis soll­te mit der Annah­me der Aus­son­de­rungs­kraft des Anfech­tungs­an­spruchs ver­mie­den wer­den 6.

Um einen Fall im vor­ste­hen­den Sin­ne han­delt es sich bei der hier zu beur­tei­len­den Über­tra­gung von Buch­geld aus einem Kon­to­gut­ha­ben des spä­te­ren Schuld­ners. Infol­ge der Belas­tungs­bu­chung durch die Bank wird des­sen Ver­mö­gen der Anspruch auf Aus­zah­lung des ent­spre­chen­den Gut­ha­bens ent­zo­gen. Die­ser Anspruch gelangt nicht in das Ver­mö­gen des Über­wei­sungs­emp­fän­gers. Nur sein Wert schlägt sich dort in Gestalt einer ent­spre­chen­den Erhö­hung des Buch­geld­be­stands nie­der. Die Gut­schrift auf dem Kon­to des Über­wei­sungs­emp­fän­gers ist nicht im Sin­ne des § 143 Abs. 1 Satz 1 InsO aus dem Ver­mö­gen des Schuld­ners ver­äu­ßert, weg­ge­ge­ben oder auf­ge­ge­ben. Dies hat zur Fol­ge, dass von vorn­her­ein nur ein Wert­er­satz­an­spruch nach § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO ent­steht.

Woll­te man dem im Fal­le der Über­tra­gung von Buch­geld nur in Betracht kom­men­den Wert­er­satz­an­spruch aus § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO jeg­li­che Aus­son­de­rungs­kraft ver­sa­gen, könn­te die­ser von vorn­her­ein nur als ein­fa­che Insol­venz­for­de­rung gel­tend gemacht wer­den. Die dar­aus resul­tie­ren­de Lücke im Schutz der von dem anfech­ten­den Insol­venz­ver­wal­ter ver­wal­te­ten Mas­se wäre erheb­lich, weil die Beglei­chung von For­de­run­gen durch die Über­tra­gung von Buch­geld im geschäft­li­chen Ver­kehr abge­se­hen von den Bar­ge­schäf­ten des täg­li­chen Lebens die Regel dar­stellt.

Zugleich ent­stün­den mehr oder weni­ger dem Zufall geschul­de­te Ergeb­nis­se. Über­trü­ge etwa der spä­te­re Schuld­ner in anfecht­ba­rer Wei­se eine For­de­rung zur Ein­zie­hung, könn­ten dem anfech­ten­den Insol­venz­ver­wal­ter auch noch nach erfolg­ter Ein­zie­hung ein (Ersatz)Aussonderungsrecht nach § 48 InsO oder eine Mas­se­for­de­rung nach § 55 Abs. 1 Nr. 3 InsO zuste­hen 7. Ver­an­lass­te der Schuld­ner hin­ge­gen den Dritt­schuld­ner zur unba­ren Beglei­chung der For­de­rung direkt an sei­nen Gläu­bi­ger, käme in des­sen Insol­venz nur noch die Gel­tend­ma­chung einer ein­fa­chen Insol­venz­for­de­rung in Betracht.

Die bestehen­de Schutz­lü­cke ist dadurch zu schlie­ßen, dass unter den hier erör­ter­ten Umstän­den auch der Wert­er­satz­an­spruch nach § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO Aus­son­de­rungs­kraft ent­fal­ten kann. Die in Betracht zu zie­hen­de Aus­son­de­rungs­kraft des Wert­er­satz­an­spruchs nach § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO erstreckt sich jedoch nicht auf das gesam­te Ver­mö­gen des in Insol­venz gefal­le­nen Anfech­tungs­geg­ners. Im hier maß­geb­li­chen Fal­le der Über­tra­gung von Buch­geld besteht sie bis zur Höhe des in der Zeit nach der Gut­schrift ein­ge­tre­te­nen nied­rigs­ten Tages­sal­dos. Geld, dass der Ver­wal­ter durch Ein­zie­hung einer frem­den For­de­rung für die Mas­se ver­ein­nahmt hat, bleibt grund­sätz­lich auch bei Ein­zah­lung auf ein Kon­to des spä­te­ren Schuld­ners oder ein Kon­to des Ver­wal­ters aus­son­de­rungs­fä­hig, weil es auf­grund der Buchun­gen und der dazu­ge­hö­ri­gen Bele­ge von dem übri­gen dort ange­sam­mel­ten Gut­ha­ben unter­schie­den wer­den kann. Dies ist für das Ersatz­aus­son­de­rungs­recht aner­kannt 8 und erweist sich auch hier als geeig­ne­ter Maß­stab.

Das Bestehen eines Treu­hand­ver­hält­nis­ses ist zwar not­wen­di­ge, für sich genom­men aber nicht aus­rei­chen­de Bedin­gung für die Ent­ste­hung eines Aus­son­de­rungs­rechts in der Insol­venz des Ver­wal­tungs­treu­hän­ders. Jeden­falls das Ver­mö­gens­tren­nungs­prin­zip ist zusätz­lich zu wah­ren. Wel­che Anfor­de­run­gen an das Ver­mö­gens­tren­nungs­prin­zip im Ein­zel­nen zu stel­len sind und ob das Aus­son­de­rungs­recht wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen – wie etwa dem Offen­kun­dig­keits­prin­zip – unter­liegt, ist höchst­rich­ter­lich noch nicht abschlie­ßend geklärt 9.

Schles­wig ‑Hol­stei­ni­sches Ober­lan­des­ge­richt, Urteil vom 27. Juli 2016 – 9 U 34/​16

  1. BGH, Beschluss vom 23.10.2003 – IX ZR 252/​01, ZIP 2003, 2307[]
  2. vgl. auch BGH, Urteil vom 09.10.2008 – IX ZR 138/​06, BGHZ 178, 171 Rn. 15; vom 02.04.2009 – IX ZR 236/​07, ZIP 2009, 1080 Rn. 42 f[]
  3. BGH, Urteil vom 23.10.2003, aaO S. 2310 f[]
  4. BGH, Urteil vom 24.06.2003 – IX ZR 228/​02, BGHZ 155, 199, 204[]
  5. BGH, Urteil vom 24.06.2003, aaO 204 f[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 23.10.2003, aaO S. 2310 f[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 24.06.2003, aaO[]
  8. BGH, Urteil vom 15.11.1988 – IX ZR 11/​88, ZIP 1989, 118, 119; vom 11.03.1999 – IX ZR 164/​98, BGHZ 141, 116 ff; vom 19.01.2006 – IX ZR 154/​03, ZIP 2006, 959 Rn. 18 f[]
  9. vgl. HK-InsO/­Loh­mann, aaO Rn. 23[]