Betriebs­ren­ten in der Unter­neh­mens­kri­se

Kann ein Unter­neh­men in der Kri­se die Betriebs­ren­ten­ver­ein­ba­rung auf­kün­di­gen und die erteil­ten Ver­sor­gungs­zu­sa­gen wegen wirt­schaft­li­cher Not­la­ge wider­ru­fen? Die­se Fra­ge stellt sich dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt der­zeit in ins­ge­samt 543 Beru­fungs­ver­fah­ren, in denen es Betriebs­ren­ten­zu­sa­gen der Fa. YMOS AG geht, die von die­ser wegen wirt­schaft­li­cher Not­la­ge wider­ru­fen wur­den. In den am heu­ti­gen Tag vor dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­han­del­ten ers­ten 13 Beru­fungs­ver­fah­ren der Fir­ma YMOS AG hat das Beru­fungs­ge­richt die Beru­fun­gen des beklag­ten Arbeit­ge­bers zurück­ge­wie­sen. Der Arbeit­ge­ber war nach Ansicht des LAG nicht berech­tigt, die nach den Ver­sor­gungs­ord­nun­gen bzw. den abge­schlos­se­nen Pen­si­ons­ver­trä­gen geschul­de­ten Betriebs­ren­ten­zah­lun­gen ein­zu­stel­len.

Betriebs­ren­ten in der Unter­neh­mens­kri­se

Bei der Beklag­ten YMOS AG han­delt es sich um ein ehe­ma­li­ges Unter­neh­men der Auto­mo­bil­zu­lie­fer­indus­trie mit Sitz in Oberts­hau­sen. In den 90er Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts arbei­te­ten in den sechs Wer­ken der Beklag­ten ca. 5.200 Mit­ar­bei­ter. Ende 1998 wur­de, nach­dem zuvor ver­schie­de­ne Pro­duk­ti­ons­be­rei­che ver­äu­ßert wor­den waren, die pro­duk­ti­ve Geschäfts­tä­tig­keit ein­ge­stellt. Im Unter­neh­men ver­blieb ledig­lich das frü­he­re Betriebs­grund­stück in Oberts­hau­sen sowie hohe Ver­lust­vor­trä­ge. Ein­nah­men wur­den ab die­ser Zeit nur noch aus der Ver­mie­tung des Betriebs­grund­stücks erzielt. Seit 2004 gehö­ren zum Ver­mö­gen der Beklag­ten auch Betei­li­gun­gen an Gesell­schaf­ten, die Pfle­ge­im­mo­bi­li­en besit­zen. Nach­dem Ende 2006 über das Ver­mö­gen der Haupt­an­teils­eig­ne­rin der Beklag­ten das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wor­den war, über­nahm die nun­meh­ri­ge Haupt­ge­sell­schaf­te­rin die wesent­li­chen Unter­neh­mens­an­tei­le.

Die betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung im Unter­neh­men, die in den 50er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts ein­ge­führt wur­de, war durch so bezeich­ne­te „Ver­sor­gungs­ord­nun­gen“ gere­gelt. Die ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter der Beklag­ten bezie­hen Betriebs­ren­ten in höchst unter­schied­li­cher Höhe; die Gesamt­jahres­sum­me der gezahl­ten Betriebs­ren­ten beträgt mehr als € 1.3 Mio. Nach­dem der Arbeit­ge­ber zunächst die Aus­zah­lungs­ter­mi­ne der monat­li­chen Ren­ten­zah­lun­gen geän­dert, Ren­ten­an­pas­sun­gen aus­ge­setzt sowie Ren­ten­kür­zun­gen vor­ge­nom­men hat­te, teil­te er den Betriebs­rent­nern mit, dass er ab Febru­ar 2008 die Ren­ten­zah­lun­gen ein­stel­len wer­de. In der Fol­ge­zeit klag­ten über 1.200 der zuletzt ca. 1.800 ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­ter gegen ihren frü­he­ren Arbeit­ge­ber auf Zah­lung der Betriebs­ren­te vor dem Arbeits­ge­richt Offen­bach am Main. Die Kla­gen waren, soweit bereits über sie ent­schie­den wor­den ist, wei­test­ge­hend erfolg­reich.

Zur­zeit sind bei dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt 543 von der YMOS AG ein­ge­leg­te Beru­fungs­ver­fah­ren anhän­gig. Hier­von wur­den ca. 230 Ver­fah­ren ruhend gestellt. In dem heu­ti­gen ers­ten Ver­hand­lungs­ter­min wur­de über 6 Kla­gen von ehe­ma­li­gen lei­ten­den Ange­stell­ten – deren auf Pen­si­ons­ver­trä­gen beru­hen­de monat­li­che Betriebs­ren­ten zwi­schen € 1.000,00 und € 2.000,00 lie­gen – sowie 7 Kla­gen von Arbeit­neh­mern – deren monat­li­che Betriebs­ren­ten zwi­schen € 40,00 und € 160,00 betra­gen und auf Grund­la­ge von Ver­sor­gungs­ord­nun­gen gezahlt wur­den – ver­han­delt.

Der Arbeit­ge­ber hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, zur Ein­stel­lung der Betriebs­ren­ten­zah­lun­gen berech­tigt zu sein, weil die als Rechts­grund­la­ge für die Zah­lun­gen die­nen­den Ver­sor­gungs­ord­nun­gen man­gels Beach­tung der Mit­be­stim­mungs­rech­te des Betriebs­rats unwirk­sam sei­en. Außer­dem kön­ne er die Ren­ten­zu­sa­gen auf­grund einer wirt­schaft­li­chen Not­la­ge wider­ru­fen.

Im heu­ti­gen Ter­min bean­trag­te die Beklag­te zusätz­lich die Aus­set­zung des Ver­fah­rens wegen noch schwe­ben­der Ver­hand­lun­gen mit dem Pen­si­ons­si­che­rungs­ver­eins über einen außer­ge­richt­li­chen Fort­füh­rungs­ver­gleich, der dazu füh­ren wür­de, dass der Pen­si­ons­si­che­rungs­ver­ein zeit­wei­lig die Zah­lung der Betriebs­ren­ten über­neh­men und die Beklag­te ent­spre­chend finan­zi­ell ent­las­tet wür­de.

Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die 13 heu­te ver­han­del­ten Beru­fun­gen und damit auch die Aus­set­zungs­an­trä­ge zurück­ge­wie­sen. Die Betriebs­rent­ner hät­ten einen Anspruch auf die Ren­ten nach den Ver­sor­gungs­ord­nun­gen der YMOS AG oder nach den abge­schlos­se­nen Pen­si­ons­ver­trä­gen.

Die Ver­sor­gungs­ord­nun­gen sei­en nicht des­halb unwirk­sam, weil der Betriebs­rat an ihrem Zustan­de­kom­men nicht mit­ge­wirkt habe. Feh­le eine not­wen­di­ge Mit­be­stim­mung des Betriebs­rats, sei­en nur für die Arbeit­neh­mer nach­tei­li­ge Maß­nah­men unwirk­sam. Ver­sor­gungs­zu­sa­gen hin­ge­gen begüns­ti­gen die Beschäf­tig­ten.

Uner­heb­lich sei auch, ob und von wem die Ver­sor­gungs­ord­nun­gen unter­schrie­ben wor­den sind. Es genü­ge, dass sie im Betrieb bekannt gemacht und Ren­ten nach ihnen in der Ver­gan­gen­heit gezahlt wor­den sind.

Der Wider­ruf wegen wirt­schaft­li­cher Not­la­ge, der in den Ver­sor­gungs­ord­nun­gen und den Pen­si­ons­ver­trä­gen zwar vor­be­hal­ten war, kön­ne die Ver­sor­gungs­zu­sa­gen nicht besei­ti­gen. Nach frü­he­rer Recht­spre­chung und Geset­zes­la­ge habe unter ganz engen Vor­aus­set­zun­gen die Zah­lung eines ver­spro­che­nen Ruhe­gel­des aus Grün­den einer wirt­schaft­li­chen Not­la­ge ver­wei­gert wer­den kön­nen, wenn und solan­ge bei unge­kürz­ter Wei­ter­zah­lung der Bestand des Unter­neh­mens gefähr­det war. Seit der Insol­venz­schutz für Betriebs­ren­ten für den Fall des Wider­rufs wegen wirt­schaft­li­cher Not­la­ge im Betriebs­ren­ten­ge­setz jedoch ersatz­los gestri­chen wor­den sei, sei auch das Wider­rufs­recht für den Arbeit­ge­ber ent­fal­len. Das habe sowohl das Bun­des­ar­beits­ge­richt als auch der Bun­des­ge­richts­hof in meh­re­ren Urtei­len bereits ent­schie­den. Im Betriebs­ren­ten­recht gel­te wie­der all­ge­mein der Grund­satz, wonach feh­len­de Leis­tungs­fä­hig­keit in aller Regel kein Grund sei, sich von über­nom­me­nen Zah­lungs­pflich­ten lösen zu kön­nen.

Im Übri­gen lagen nach Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts auch die frü­he­ren stren­gen Vor­aus­set­zun­gen für einen Wider­ruf wegen wirt­schaft­li­cher Not­la­ge nicht vor.

Das Beru­fungs­ge­richt hat die Revi­si­on gegen sei­ne Ent­schei­dun­gen nicht zuge­las­sen. Damit kann die Beklag­te nur noch Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein­le­gen.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hes­sen, Urteil vom 4. März 2009 – 8 Sa 968/​08