Der Insol­venz­an­trag der Kran­ken­kas­se – und die For­de­rungs­auf­schlüs­se­lung

Eine Auf­schlüs­se­lung der For­de­rung nach Arbeit­neh­mern ist bei einem Eröff­nungs­an­trag eines Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers zur Dar­le­gung und Glaub­haft­ma­chung der For­de­rung ent­behr­lich, wenn von dem Schuld­ner gefer­tig­te Daten­sät­ze (soge­nann­te soft­co­pys) vor­ge­legt wer­den [1].

Der Insol­venz­an­trag der Kran­ken­kas­se – und die For­de­rungs­auf­schlüs­se­lung

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall stell­te die Gläu­bi­ge­rin, eine gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung, einen Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen des Schuld­ners, der ein Umzugs­un­ter­neh­men betreibt. Grund­la­ge des Antrags waren rück­stän­di­ge Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge – ein­schließ­lich Säum­nis­zu­schlä­gen und Voll­stre­ckungs­ge­büh­ren. Hier­bei schlüs­sel­te die Gläu­bi­ge­rin die Bei­trags­for­de­run­gen nicht nach Arbeit­neh­mern, son­dern ledig­lich nach Mona­ten auf. Zur Glaub­haft­ma­chung der For­de­rung leg­te sie Com­pu­ter­aus­dru­cke aus ihrem Daten­be­stand (soge­nann­te soft­co­pys) bei. Die­se geben nach dem Vor­brin­gen der Gläu­bi­ge­rin die mit­tels Daten­fern­über­tra­gung gemäß § 28f Abs. 3 Satz 3 SGB IV durch den Schuld­ner im maß­geb­li­chen Zeit­raum über­mit­tel­ten Bei­trags­nach­wei­se wie­der.

Das Insol­venz­ge­richt hat den Antrag der Gläu­bi­ge­rin auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens nach Anhö­rung des Schuld­ners, der sich nicht geäu­ßert hat, als unzu­läs­sig abge­wie­sen [2]. Die dage­gen gerich­te­te Beschwer­de ist vor dem Land­ge­richt Koblenz erfolg­los geblie­ben [3]. Der Bun­des­ge­richts­hof hob die­se Ent­schei­dun­gen jedoch wie­der auf und ver­wies die Sache zurück an das Insol­venz­ge­richt:

Nach § 14 Abs. 1 Satz 1 InsO ist der Antrag eines Gläu­bi­gers zuläs­sig, wenn der Gläu­bi­ger ein recht­li­ches Inter­es­se an der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens hat und sei­ne For­de­rung und den Eröff­nungs­grund glaub­haft macht. Das Beschwer­de­ge­richt hat sich bis­lang ledig­lich mit der Fra­ge befasst, ob der Antrag, was die Dar­le­gung und Glaub­haft­ma­chung der gel­tend gemach­ten For­de­rung angeht, den Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen die­ser Bestim­mung genügt. Dies kann anhand der bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts ent­ge­gen des­sen Ansicht nicht ver­neint wer­den.

Nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist regel­mä­ßig beim Eröff­nungs­an­trag eines Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers für die schlüs­si­ge Dar­le­gung der For­de­run­gen der Ein­zugs­stel­le eine Auf­schlüs­se­lung nicht nur nach Monat, son­dern auch nach Arbeit­neh­mern erfor­der­lich [4]. An dem letzt­ge­nann­ten Erfor­der­nis hält der Bun­des­ge­richts­hof im Hin­blick auf die Neu­fas­sung von § 28f Abs. 3 Satz 3 SGB IV durch Art. 2 Nr. 2 des Geset­zes über den Aus­gleich von Arbeit­ge­ber­for­de­run­gen vom 22.12 2005 [5] nicht mehr fest. Nach die­ser Bestim­mung gilt der durch den Arbeit­ge­ber der Ein­zugs­stel­le durch Daten­über­tra­gung zu über­mit­teln­de Bei­trags­nach­weis nicht nur für die Voll­stre­ckung als Leis­tungs­be­scheid, son­dern auch im Insol­venz­ver­fah­ren als Doku­ment zur Glaub­haft­ma­chung der For­de­rung der Ein­zugs­stel­le, obwohl die­ser die fäl­li­ge Bei­trags­schuld in einer Sum­me und ohne Bezug zum ein­zel­nen Arbeit­neh­mer aus­weist [6]. Nach der Geset­zes­be­grün­dung soll hier­durch eine nach ein­zel­nen Arbeit­neh­mern auf­ge­schlüs­sel­te Auf­stel­lung der For­de­run­gen ent­behr­lich sein, weil die­se in dem gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Mel­de- und Bei­trags­nach­weis­ver­fah­ren nicht dar­stell­bar und nicht not­wen­dig sei [7]. Die Umge­stal­tung des Mel­de- und Bei­trags­nach­weis­ver­fah­rens führt dazu, dass eine Auf­schlüs­se­lung nach Arbeit­neh­mern im Rah­men der Antrag­stel­lung nach § 13 InsO nicht mehr gebo­ten ist [8].

Der Begriff der Glaub­haft­ma­chung in § 14 Abs. 1 InsO ent­spricht dem des § 294 ZPO [9]. Danach ist hin­sicht­lich der den Antrag stüt­zen­den For­de­rung deren schlüs­si­ge Dar­le­gung und die über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit ihres Bestehens erfor­der­lich [10]. Daher muss der Gläu­bi­ger wie auch sonst bei § 294 ZPO die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen nicht glaub­haft machen, wenn sie unstrei­tig sind [11].

Hier­nach konn­te das Insol­venz­ge­richt, das die Dar­le­gun­gen der Gläu­bi­ge­rin zu deren For­de­run­gen gegen den Schuld­ner als schlüs­sig ange­se­hen hat, die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens nicht mit der Begrün­dung ableh­nen, die von der Gläu­bi­ge­rin vor­ge­leg­ten Aus­dru­cke sei­en zur Glaub­haft­ma­chung der auf Grund­la­ge der Bei­trags­nach­wei­se des Schuld­ners errech­ne­ten Gesamt­for­de­rung nicht geeig­net.

Bei den von der Gläu­bi­ge­rin ein­ge­for­der­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen han­delt es sich um For­de­run­gen öffent­lich­recht­li­cher Hoheits­trä­ger. Die­se sind bei Aus­übung ihrer Tätig­keit an Gesetz und Recht gebun­den (Art.20 Abs. 3 GG). An die Dar­le­gung ihrer For­de­run­gen sind daher kei­ne nach dem Zweck des Geset­zes nicht ver­an­lass­ten for­ma­len Anfor­de­run­gen zu stel­len [10]. Maß­geb­lich sind viel­mehr die Umstän­de des Ein­zel­falls [12].

Ob die von der Gläu­bi­ge­rin ein­ge­reich­ten Daten­aus­zü­ge (soge­nann­te soft­co­pys) nahe legen, dass die abge­bil­de­ten Daten vom Arbeit­ge­ber stam­men und des­halb den Bei­trags­nach­weis-Daten­satz zutref­fend abbil­den, bedarf der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung. Hier­bei ist bedeut­sam, ob die vor­ge­leg­ten Abbil­dun­gen über einen blo­ßen Kon­to­aus­zug als ver­wal­tungs­in­ter­ne Arbeits­hil­fe hin­aus­ge­hen. Die Erleich­te­run­gen bei der Dar­le­gung der For­de­rung grei­fen nur ein, wenn die Daten ent­spre­chend den nach § 28b Abs. 2 Satz 1 SGB IV bun­des­ein­heit­lich fest­ge­leg­ten "Gemein­sa­men Grund­sät­ze zum Auf­bau der Daten­sät­ze für die Über­mitt­lung von Bei­trags­nach­wei­sen durch Daten­über­tra­gung nach § 28b Abs. 2 SGB IV" aus­ge­rich­tet sind. Hier­zu soll­te ihnen ins­be­son­de­re die erfor­der­li­che Unter­schei­dung der in den vor­ge­nann­ten Grund­sät­zen genann­ten Bei­trags­grup­pen nebst den ent­spre­chen­den Schlüs­sel­zah­len zu ent­neh­men sein. Auch soll­te der Daten­satz den Arbeit­ge­ber oder eine von die­sem bevoll­mäch­tig­te Per­son als Mel­den­den benen­nen. Bei der dahin­ge­hen­den tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung ist zu berück­sich­ti­gen, dass die zur Daten­über­tra­gung nach § 28f Abs. 3 Satz 1 SGB IV genutz­ten Sys­te­me eine gesi­cher­te und ver­schlüs­sel­te Daten­über­tra­gung der Mel­dun­gen sicher­stel­len müs­sen (vgl. § 28c Nr. 4 SGB IV, § 1, § 16 Daten­er­fas­sungs- und über­mitt­lungs­ver­ord­nung vom 10.02.1998 ((DEÜV). Damit kann regel­mä­ßig aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die im Daten­be­stand ange­zeig­ten Daten von Drit­ten stam­men. Da auch die Ein­zugs­stel­le bei der Aus­übung ihrer Tätig­keit an Gesetz und Recht gebun­den ist (Art.20 Abs. 3 GG), wird im Regel­fall kein Anhalt dafür bestehen, dass die ange­zeig­ten Daten in Abwei­chung von einer Arbeit­ge­ber­mel­dung von Mit­ar­bei­tern der Ein­zugs­stel­le ein­ge­ge­ben wur­den.

Die Dar­le­gun­gen der Gläu­bi­ge­rin zur Bei­trags­for­de­rung hat der hier­zu ange­hör­te Schuld­ner im vor­lie­gen­den Fall im Übri­gen nicht bestrit­ten, so dass es kei­ner Glaub­haft­ma­chung mit den Mit­teln des § 294 ZPO bedurf­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Juni 2015 – IX ZB 76/​13

  1. Auf­ga­be von BGH, Beschluss vom 05.02.2004 – IX ZB 29/​03, WM 2004, 1686[]
  2. AG Mon­ta­baur, Beschluss vom 04.07.2013 – 14 IN 218/​13[]
  3. LG Koblenz, Ent­schei­dung vom 14.10.2013 – 2 T 511/​13[]
  4. BGH, Beschluss vom 05.02.2004 – IX ZB 29/​03, WM 2004, 1686, 1687; vom 13.06.2006 – IX ZB 214/​05, WM 2006, 1629 Rn. 8; fer­ner LG Ham­burg, ZIn­sO 2010, 1842, 1843; Vallender/​Undritz/​Laroche, Pra­xis des Insol­venz­rechts, S. 57; Mit­ter in Haarmeyer/​Wutzke/​Förster, InsO, 2012, § 14 Rn. 31[]
  5. BGBl. I, 3686[]
  6. vgl. Roß­bach in Kreikebohm/​Spellenbrink/​Waltermann, Kom­men­tar zum Sozi­al­recht, 3. Aufl., § 28f SGB IV Rn. 16[]
  7. BT-Drs., 16/​39, S. 15[]
  8. vgl. LG Fran­ken­thal, NZI 2010, 960; HK-InsO/­Kirch­hof, 7. Aufl., § 14 Rn. 9; Schmahl, NZI 2007, 20, 21 Fn. 2[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 11.09.2003 – IX ZB 37/​03, BGHZ 156, 139, 142; vom 13.06.2006 – IX ZB 238/​05, WM 2006, 1631 Rn. 5; vom 23.10.2008 – IX ZB 7/​08, WuM 2009, 144 Rn. 3; Kaden­bach in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., § 14 Rn. 4; HK-InsO/­Kirch­hof, aaO Rn. 12[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 05.02.2004 – IX ZB 29/​03, WM 2004, 1686, 1687[][]
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 09.07.2009 – IX ZB 86/​09, ZIn­sO 2009, 1533 Rn. 3; vom 21.07.2011 – IX ZB 256/​10, ZIn­sO 2011, 1614 Rn. 4; vom 12.07.2012 – IX ZB 264/​11, ZIn­sO 2012, 1418 Rn. 7; HK-InsO/­Kirch­hof, aaO; vgl. auch BGH, Beschluss vom 05.02.2009 – IX ZB 185/​08, WM 2009, 619 Rn. 7[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 22.09.2005 – IX ZB 205/​04, NZI 2006, 34[]