Der unter Voll­stre­ckungs­druck gezahl­te Arbeits­lohn – und die Insol­venz­an­fech­tung

Um eine inkon­gru­en­te Deckung im Sinn des Anfech­tungs­rechts han­delt es sich bereits dann, wenn der Schuld­ner wäh­rend der "kri­ti­schen Zeit" der letz­ten drei Mona­te vor dem Eröff­nungs­an­trag oder in der Zeit nach Stel­lung des Insol­venz­an­trags unter dem Druck unmit­tel­bar dro­hen­der Zwangs­vollstreckungs­maßnahmen leis­tet, um sie zu ver­mei­den 1. Der Schuld­ner gewährt damit eine Befrie­di­gung, die der Gläu­bi­ger "nicht in der Art" zu bean­spru­chen hat. Uner­heb­lich ist, ob die Zwangs­voll­stre­ckung im ver­fah­rens­recht­li­chen Sinn schon begon­nen hat­te, als die Leis­tung des Schuld­ners erfolg­te. Die Inkon­gru­enz wird durch den zumin­dest unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den hoheit­li­chen Zwang begrün­det 2.

Der unter Voll­stre­ckungs­druck gezahl­te Arbeits­lohn – und die Insol­venz­an­fech­tung

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall erbrach­te die Arbeit­ge­be­rin eine Zah­lung des Arbeits­lohns auf­grund der ihr zuge­stell­ten Vor­pfän­dung und damit unter dem Druck der Zwangs­voll­stre­ckung 3. Zwei wei­te­re Zah­lun­gen erfolg­ten auf­grund des zwi­schen­zeit­lich zuge­stell­ten Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schlus­ses und damit auf­grund schon aus­ge­brach­ter Voll­stre­ckungs­maß­nah­men. Bei den Zah­lun­gen han­del­te es sich jeweils nicht um frei­wil­li­ge Hand­lun­gen.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt sah die vom Insol­venz­ver­wal­ter der Arbeit­ge­be­rin erklär­ten Anfech­tung die­ser Zah­lun­gen als begrün­det an:

Das Bar­ge­schäfts­pri­vi­leg des § 142 InsO schei­det bereits des­halb aus, weil die Zah­lun­gen nicht auf­grund einer Ver­ein­ba­rung zwi­schen der Schuld­ne­rin und dem Beklag­ten, son­dern unter dem Druck der Zwangs­voll­stre­ckung mit der Fol­ge inkon­gru­en­ter Befrie­di­gung geleis­tet wur­den 4. Muss der Gläu­bi­ger den Schuld­ner durch die Zwangs­voll­stre­ckung oder die Dro­hung mit ihr zur Leis­tung zwin­gen, liegt der Ver­dacht nahe, dass der Schuld­ner nicht zah­lungs­fä­hig ist. Eine sol­che Leis­tung ist nicht insol­venz­fest 5.

Die zeit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO sind im vor­lie­gen­den Fall eben­falls erfüllt. Der Insol­venz­an­trag der DAK ging vor den erfolg­ten Zah­lun­gen beim Insol­venz­ge­richt ein. Leis­tungs­hand­lun­gen und Leis­tungs­er­folg tra­ten nach dem auf­grund von § 139 Abs. 1 Satz 1 InsO maß­geb­li­chen Ein­gang des Eröff­nungs­an­trags beim Insol­venz­ge­richt ein. Wei­te­re tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zun­gen ent­hält § 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO nicht. Es ist des­we­gen uner­heb­lich, ob die Arbeit­ge­be­rin im Zeit­punkt des Ein­tritts des Leis­tungs­er­folgs Kennt­nis von dem Insol­venz­an­trag der DAK hat­te.

§ 131 Abs. 1 Nr. 1 InsO begeg­net kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Er ver­letzt ins­be­son­de­re nicht die Eigen­tums­ga­ran­tie des Art. 14 Abs. 1 GG oder den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG iVm. dem durch Art.20 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­ten Sozi­al­staats­prin­zip. Das hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt mit meh­re­ren Ent­schei­dun­gen ein­ge­hend begrün­det 6. Dar­auf nimmt das Bun­des­ar­beits­ge­richt Bezug, um Wie­der­ho­lun­gen zu ver­mei­den. Her­vor­zu­he­ben ist, dass eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung der §§ 129 ff. InsO zum Schutz des Exis­tenz­mi­ni­mums in Fäl­len der hier gege­be­nen inkon­gru­en­ten Deckung durch Erfül­lung von Ent­geltrück­stän­den unter dem Druck der Zwangs­voll­stre­ckung aus­schei­det. Bei sol­chen Ver­gü­tungs­rück­stän­den kön­nen Arbeit­neh­mer die zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums vor­ge­se­he­nen und geeig­ne­ten staat­li­chen Hil­fen in Anspruch neh­men 7.

Die gel­tend gemach­ten Ansprü­che bestehen fort. Der insol­venz­recht­li­che Rück­ge­währ­an­spruch aus § 143 Abs. 1 Satz 1 InsO ist als gesetz­li­ches Schuld­ver­hält­nis der Rege­lungs­macht der Tarif­ver­trags­par­tei­en ent­zo­gen. Er unter­fällt tarif­li­chen Aus­schluss­fris­ten nicht. Das hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­ner jün­ge­ren Recht­spre­chung aus­führ­lich begrün­det 8. Dar­auf ver­weist das Bun­des­ar­beits­ge­richt. Der Beklag­te führt kei­ne Argu­men­te an, die Anlass zu einer abwei­chen­den Wür­di­gung geben.

Der Arbeit­ge­be­rin hat die Rück­ge­währ­an­sprü­che des Insol­venz­ver­wal­ters seit dem Fol­ge­tag der Insol­venz­eröff­nung mit fünf Pro­zent­punk­ten über dem Basis­zins­satz zu ver­zin­sen (§ 143 Abs. 1 Satz 2 InsO, § 819 Abs. 1, § 291 Satz 1 Halbs. 2, § 288 Abs. 1 Satz 2 BGB). Die Ver­zin­sungs­pflicht beginnt nach § 187 Abs. 1 BGB erst mit dem Fol­ge­tag der Fäl­lig­keit 9.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 3. Juli 2014 – 6 AZR 296/​13

  1. vgl. BAG 8.05.2014 – 6 AZR 465/​12, Rn. 21; 8.05.2014 – 6 AZR 722/​12, Rn. 13; 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn. 14[]
  2. vgl. BAG 24.10.2013 – 6 AZR 466/​12, Rn. 24 f.; 19.05.2011 – 6 AZR 736/​09, Rn. 12; BGH 18.12 2003 – IX ZR 199/​02, zu I 2 a aa der Grün­de, BGHZ 157, 242[]
  3. BAG 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn. 16[]
  4. vgl. BAG 8.05.2014 – 6 AZR 722/​12, Rn. 16; 24.10.2013 – 6 AZR 466/​12, Rn. 38 f. mwN[]
  5. vgl. BAG 19.05.2011 – 6 AZR 736/​09, Rn. 16[]
  6. vgl. BAG 8.05.2014 – 6 AZR 722/​12, Rn. 23 ff.; 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn.19 ff., 27 ff. mit zustim­men­der Anm. Fro­eh­ner NZI 2014, 562; s. auch 8.05.2014 – 6 AZR 465/​12, Rn. 24; 29.01.2014 – 6 AZR 345/​12, Rn. 17 ff.[]
  7. vgl. BAG 27.03.2014 – 6 AZR 989/​12, Rn. 43; 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn. 34; 29.01.2014 – 6 AZR 345/​12, Rn. 43[]
  8. vgl. BAG 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn. 35 ff.; 24.10.2013 – 6 AZR 466/​12, Rn. 18 ff.; zustim­mend Fro­eh­ner Anm. NZI 2014, 133, 134; Hamann/​Böing juris­PR-ArbR 7/​2014 Anm. 1; Knof/​Stütze EWiR 2014, 359[]
  9. vgl. BAG 8.05.2014 – 6 AZR 465/​12, Rn. 26; 27.02.2014 – 6 AZR 367/​13, Rn. 39 f.[]