Die Sicher­heits­leis­tun­gen für Kon­zern­ober­ge­sell­schaft – und die Insol­venz­an­fech­tung

Erbringt der spä­te­re Insol­venz­schuld­ner als Drit­ter zur Abwen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung des Gläu­bi­gers gegen sei­nen For­de­rungs­schuld­ner (hier: sei­ne inzwi­schen eben­falls insol­ven­te Mut­ter­ge­sell­schaft) aus einem vor­läu­fig voll­streck­ba­ren Urteil die von jenem geschul­de­te Leis­tung, stellt der Ver­lust des Rechts, eine geleis­te­te Sicher­heit zurück­zu­ver­lan­gen, kein die Ent­gelt­lich­keit der emp­fan­ge­nen Leis­tung begrün­den­des Ver­mö­gens­op­fer des Gläu­bi­gers dar.

Die Sicher­heits­leis­tun­gen für Kon­zern­ober­ge­sell­schaft – und die Insol­venz­an­fech­tung

Zah­lun­gen auf­grund eines vor­läu­fig voll­streck­ba­ren Urteils bei dro­hen­der Zwangs­voll­stre­ckung sind in der Regel dahin zu ver­ste­hen, dass sie nur als vor­läu­fi­ge Leis­tung zur Abwen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung ohne Aner­ken­nung der Schuld und unter dem Vor­be­halt der Rück­for­de­rung erfol­gen 1. Man­gels ent­ge­gen­ste­hen­der Umstän­de ist daher auch im vor­lie­gen­den Fall von einer sol­chen Zweck­be­stim­mung aus­ge­hen.

Wird der spä­te­re Insol­venz­schuld­ner als drit­te Per­son in einen Zuwen­dungs­vor­gang ein­ge­schal­tet, kommt es für die Fra­ge der Unent­gelt­lich­keit sei­ner Leis­tung nicht dar­auf an, ob er selbst einen Aus­gleich für sei­ne Leis­tung erhal­ten hat. Ent­spre­chend der Wer­tung des § 134 Abs. 1 InsO, dass der Emp­fän­ger einer Leis­tung dann einen gerin­ge­ren Schutz ver­dient, wenn er kei­ne aus­glei­chen­de Gegen­leis­tung zu erbrin­gen hat, hängt die Unent­gelt­lich­keit von dem Aus­blei­ben eines Ver­mö­gens­op­fers des Zuwen­dungs­emp­fän­gers ab 2. Maß­geb­lich für die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob der Leis­tungs­emp­fän­ger eine Gegen­leis­tung erbringt, ist der Zeit­punkt der Voll­endung des Rechts­er­werbs. Hat er ver­trag­li­che Leis­tun­gen wie hier die Bera­tungs­leis­tun­gen bereits erbracht, kann eine aus­glei­chen­de Gegen­leis­tung nur nach dem Wert eines bestehen­den, aber noch nicht aus­ge­gli­che­nen Anspruchs bemes­sen wer­den. Ist die­ser im Zeit­punkt der Leis­tung nicht wert­hal­tig, liegt eine unent­gelt­li­che Zuwen­dung vor. Der Leis­tungs­emp­fän­ger, der ledig­lich eine nicht wert­hal­ti­ge For­de­rung gegen sei­nen Schuld­ner ver­liert, ist gegen­über den Gläu­bi­gern des Insol­venz­schuld­ners nicht schutz­wür­dig, denn er hät­te ohne des­sen Leis­tung, auf die er kei­nen Anspruch hat­te, sei­ne For­de­rung nicht durch­set­zen kön­nen 3.

Für die Beur­tei­lung, ob die Zah­lun­gen der Schuld­ne­rin unent­gelt­lich erfolg­ten, muss der Zeit­punkt in den Blick genom­men wer­den, zu dem die Zah­lun­gen bewirkt wur­den. Zu die­sem Zeit­punkt erlosch die For­de­rung der zah­len­den Toch­ter­ge­sell­schaft (der spä­te­ren Insol­venz­schuld­ne­rin) gegen die Mut­ter­ge­sell­schaft noch nicht. Leis­tun­gen, die der Schuld­ner einer For­de­rung oder ein Drit­ter zur Abwen­dung der vom Gläu­bi­ger ange­droh­ten oder bereits ein­ge­lei­te­ten Zwangs­voll­stre­ckung aus einem nur vor­läu­fig voll­streck­ba­ren Urteil erbringt, bewir­ken grund­sätz­lich zunächst kei­ne Erfül­lung der dem Urteil zugrun­de lie­gen­den For­de­rung. Sie ste­hen unter dem Vor­be­halt, dass das Bestehen der Schuld rechts­kräf­tig fest­ge­stellt wird. Die­ser Vor­be­halt lässt die Schuld­til­gung bis zur rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung in der Schwe­be 4. Für den Zeit­punkt der Zah­lun­gen lässt sich ein Ver­mö­gens­op­fer der Schuld­ne­rin und damit die Ent­gelt­lich­keit der Zah­lun­gen des­halb nicht mit dem Erlö­schen der titu­lier­ten For­de­rung der Titel­gläu­bi­ge­rin gegen die Mut­ter­ge­sell­schaft begrün­den.

Ein die Ent­gelt­lich­keit der emp­fan­ge­nen Leis­tun­gen begrün­den­des Ver­mö­gens­op­fer der Schuld­ne­rin aber auch nicht dar­in gese­hen wer­den, dass die­se ihr Recht ver­lor, die geleis­te­te Sicher­heit zurück­zu­for­dern. Die­se Rechts­fol­ge stellt kein die Leis­tung der Schuld­ne­rin aus­glei­chen­des Ver­mö­gens­op­fer dar.

Erbringt ein Gläu­bi­ger eine Sicher­heits­leis­tung, von der das Gericht die vor­läu­fi­ge Voll­streck­bar­keit eines nicht rechts­kräf­ti­gen Urteils abhän­gig gemacht hat, erfüllt er damit ledig­lich eine Bedin­gung für den Beginn der Zwangs­voll­stre­ckung (vgl. §§ 709, 751 Abs. 2 ZPO). Nach der zum Zeit­punkt der hier erfolg­ten Hin­ter­le­gung gel­ten­den Rechts­la­ge ging das bei der zustän­di­gen Hin­ter­le­gungs­stel­le als Sicher­heit hin­ter­leg­te Geld in das Eigen­tum des Bun­des oder Lan­des über (§ 7 Hin­ter­lO); der Siche­rungs­be­rech­tig­te erlang­te ein gesetz­li­ches Pfand­recht am Anspruch des Siche­rungs­ge­bers auf Rück­erstat­tung (§ 233 BGB; Zöller/​Herget, ZPO, 30. Aufl., § 108 Rn. 15a). Zweck einer sol­chen pro­zes­sua­len Sicher­heits­leis­tung ist es, einen bei Auf­he­bung oder Abän­de­rung des vor­läu­fig voll­streck­ba­ren Urteils bestehen­den Anspruch des For­de­rungs­schuld­ners auf Ersatz des Scha­dens abzu­si­chern, der ihm durch die Voll­stre­ckung des Urteils oder durch eine zur Abwen­dung der Voll­stre­ckung gemach­te Leis­tung ent­stan­den ist (vgl. § 717 Abs. 2 ZPO). Wird die Ver­ur­tei­lung hin­ge­gen rechts­kräf­tig, kann der Gläu­bi­ger die geleis­te­te Sicher­heit zurück­ver­lan­gen (§§ 109, 715 ZPO). Mit­hin bil­det die Sicher­heits­leis­tung kei­nen Aus­gleich für den Erhalt einer Zah­lung, son­dern sichert ledig­lich deren Rück­for­de­rung. Wirt­schaft­lich betrach­tet bleibt der in der Sicher­heits­leis­tung ver­kör­per­te Wert zunächst im Ver­mö­gen des Siche­rungs­ge­bers.

Dar­an ändert sich nichts, wenn der For­de­rungs­schuld­ner oder ein Drit­ter nach der Hin­ter­le­gung der Sicher­heit eine Leis­tung zur Abwen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung erbringt. Zwar wird dadurch der Zugriff des Gläu­bi­gers auf die geleis­te­te Sicher­heit beschränkt. Vor einer zur Abwen­dung der Voll­stre­ckung erfolg­ten Zah­lung kann der Gläu­bi­ger etwa durch eine Rück­nah­me des Voll­stre­ckungs­auf­trags und einen Ver­zicht auf die vor­läu­fi­ge Voll­streck­bar­keit ein­sei­tig die Vor­aus­set­zun­gen für eine Rück­ga­be der Sicher­heit nach § 109 ZPO schaf­fen. Nach Ent­ge­gen­nah­me der Zah­lung ist eine Rück­nah­me der Sicher­heit vor der Rechts­kraft des Urteils nur mit Bewil­li­gung des Siche­rungs­be­rech­tig­ten mög­lich. Die dar­in lie­gen­de Beschrän­kung des Zugriffs auf die Sicher­heit ist aber wie schon die Hin­ter­le­gung selbst kein Aus­gleich für die emp­fan­ge­ne Leis­tung und ändert nichts an der Zuord­nung der Hin­ter­le­gungs­mas­se zum Ver­mö­gen des Gläu­bi­gers.

Als bereits im Zeit­punkt des Erhalts der Zah­lun­gen der Schuld­ne­rin erbrach­tes, die Ent­gelt­lich­keit die­ser Zah­lun­gen begrün­den­des aus­glei­chen­des Ver­mö­gens­op­fer der Toch­ter­ge­sell­schaft kommt in Betracht, dass die die Titel­gläu­bi­ge­rin im Umfang der von der Schuld­ne­rin erbrach­ten Leis­tung das Recht ver­lor, die Voll­stre­ckung gegen die Mut­ter­ge­sell­schaft als ihrer For­de­rungs­schuld­ne­rin fort­zu­set­zen. Einer wei­te­ren Voll­stre­ckung stand nun­mehr das Ver­bot der Über­pfän­dung (§ 803 Abs. 1 Satz 2 ZPO) ent­ge­gen. Der Ver­lust des Voll­stre­ckungs­rechts stellt aller­dings dann kein aus­glei­chen­des Ver­mö­gens­op­fer der Titel­gläu­bi­ge­rin dar, wenn die­ses Recht nicht wert­hal­tig war, weil eine Voll­stre­ckung gegen die Mut­ter­ge­sell­schaft kei­ne Aus­sicht auf Erfolg bot.

Ein Ver­mö­gens­op­fer der Titel­gläu­bi­ge­rin, das die erlang­ten Zah­lun­gen als ent­gelt­lich qua­li­fi­ziert, kann auch dar­in lie­gen, dass die Zah­lun­gen der Schuld­ne­rin spä­ter die titu­lier­te For­de­rung doch noch zum Erlö­schen brach­ten, als näm­lich die Mut­ter­ge­sell­schaft ihre Beru­fung zurück­nahm und das erst­in­stanz­li­che Urteil damit rechts­kräf­tig wur­de. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs blei­ben bei der Beur­tei­lung der Ent­gelt­lich­keit von Dritt­zah­lun­gen Leis­tun­gen, die der Gläu­bi­ger bereits zuvor erbracht hat, außer Betracht 5. Leis­tun­gen, die der Gläu­bi­ger nach dem Emp­fang einer Zah­lung erbringt, kön­nen hin­ge­gen als aus­glei­chen­des Ver­mö­gens­op­fer zu wer­ten sein 6. Das Erlö­schen der For­de­rung der Titel­gläu­bi­ge­rin gegen die Mut­ter­ge­sell­schaft, das erst mit Rechts­kraft des Urteils ein­trat, aber ursäch­lich auf die Zah­lun­gen der Insol­venz­schuld­ne­rin zurück­zu­füh­ren ist, kann des­halb die Ent­gelt­lich­keit die­ser Zah­lun­gen begrün­den, vor­aus­ge­setzt die For­de­rung der Titel­gläu­bi­ge­rin war im Zeit­punkt ihres Erlö­schens wert­hal­tig. Wegen des im Streit­fall gerin­gen zeit­li­chen Abstands wird die ent­spre­chen­de Bewer­tung kaum anders aus­fal­len kön­nen als die Beur­tei­lung der nach den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen zu prü­fen­den Fra­ge, ob eine erfolg­ver­spre­chen­de Voll­stre­ckung gegen die Mut­ter­ge­sell­schaft noch mög­lich war, als die Titel­gläu­bi­ge­rin die Zah­lun­gen der Toch­ter­ge­sell­schaft erhielt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Sep­tem­ber 2015 – IX ZR 220/​14

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 25.05.1976 – III ZB 4/​76, WM 1976, 1069; Urteil vom 19.01.1983 – VIII ZR 315/​81, BGHZ 86, 267, 269; vom 15.03.2012 – IX ZR 35/​11, WM 2012, 754 Rn. 7[]
  2. BGH, Urteil vom 07.05.2009 – IX ZR 71/​08, WM 2009, 1099 Rn. 6 mwN; vom 13.02.2014 – IX ZR 133/​13, WM 2014, 516 Rn. 14; Beschluss vom 03.04.2014 – IX ZR 236/​13, WM 2014, 955 Rn. 4[]
  3. BGH, Urteil vom 07.05.2009, aaO; Beschluss vom 03.04.2014, aaO Rn. 5[]
  4. BGH, Urteil vom 22.05.1990 – IX ZR 229/​89, NJW 1990, 2756; vom 03.07.1997 – IX ZR 122/​96, NJW 1997, 2601, 2602; jeweils mwN[]
  5. BGH, Urteil vom 03.03.2005 – IX ZR 441/​00, BGHZ 162, 276, 281; st. Rspr.[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 05.06.2008 – IX ZR 163/​07, WM 2008, 1459 Rn. 15; vom 17.10.2013 – IX ZR 10/​13, WM 2013, 2182 Rn. 12[]