Ent­schei­dung über die PKH-Bewil­li­gung trotz Insol­venz­eröff­nung

Die durch die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ein­tre­ten­de Ver­fah­rens­un­ter­bre­chung hin­dert die Ent­schei­dung in einem lau­fen­den Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­wil­li­gungs­ver­fah­ren nicht.

Ent­schei­dung über die PKH-Bewil­li­gung trotz Insol­venz­eröff­nung

Denn die durch die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ein­ge­tre­te­ne Ver­fah­rens­un­ter­bre­chung nach § 240 ZPO bezieht sich nach über­wie­gen­der Auf­fas­sung, der sich der Bun­des­ge­richts­hof anschließt, nicht auf ein lau­fen­des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­wil­li­gungs­ver­fah­ren 1.

§ 240 ZPO trägt dem Umstand Rech­nung, dass der Schuld­ner mit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens die Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­be­fug­nis über sein zur Insol­venz­mas­se gehö­ren­des Ver­mö­gen an den Insol­venz­ver­wal­ter ver­liert (§ 80 Abs. 1 InsO) und damit ein Wech­sel in der Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis ein­tritt. Dem Insol­venz­ver­wal­ter soll mit der Unter­bre­chung aus­rei­chend Bedenk­zeit gege­ben wer­den, über die Fort­füh­rung des Pro­zes­ses zu ent­schei­den, außer­dem wan­delt sich u.U. das Rechts­schutz­ziel in die Fest­stel­lung zur Tabel­le 2. Dage­gen hat das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren kei­nen kon­tra­dik­to­ri­schen Cha­rak­ter, betei­ligt sind ledig­lich der Antrag­stel­ler und ggfs. die Staats­kas­se, nicht dage­gen der – ledig­lich anzu­hö­ren­de – Pro­zess­geg­ner des Antrag­stel­lers 3. Zudem ist Gegen­stand die­ses Ver­fah­rens die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe für den Antrag­stel­ler, hier also den Schuld­ner, und nicht etwa für den Insol­venz­ver­wal­ter – der aller­dings einen geson­der­ten Antrag aus eige­nem Recht stel­len kann. Das gilt auch, soweit – wie hier – kein Insol­venz­ver­wal­ter, son­dern ein Treu­hän­der bestellt wor­den ist. Die­ser nimmt nach § 313 Abs. 1 Satz 1 InsO in der – vor­lie­gend anzu­wen­den­den, Art. 103h Satz 1 EGIn­sO – bis zum 30.06.2014 gel­ten­den Fas­sung (a.F.) die Auf­ga­ben des Insol­venz­ver­wal­ters wahr, sei­ne Rechts­stel­lung bestimmt sich daher grund­sätz­lich nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten der §§ 80 ff. InsO 4.

Damit wird der Schutz­zweck des § 240 ZPO durch die Wei­ter­füh­rung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­rens jeden­falls dann nicht beein­träch­tigt, wenn die Ent­schei­dung über die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe nur für den Zeit­raum bis zur Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens gilt und des­halb auch für die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sich­ten der Rechts­ver­fol­gung bzw. ver­tei­di­gung auf die­sen Zeit­punkt abge­stellt wird 5.

Hin­zu kommt, dass der Antrag­stel­ler ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an der Beschei­dung sei­nes Antra­ges hat, sofern die­ser vor der Unter­bre­chung des Rechts­streits ent­schei­dungs­reif vor­lag und bis zu die­sem Zeit­punkt bereits Pro­zess­kos­ten – ins­be­son­de­re die Hono­rar­for­de­rung der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Antrag­stel­lers – ent­stan­den sind 6.

So ver­hält es sich hier: Dem Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag des Beklag­ten vom 01.09.2014 lagen alle erfor­der­li­chen Unter­la­gen, ins­be­son­de­re zur wirt­schaft­li­chen Bedürf­tig­keit, bei. Das Land­ge­richt hat ihn dem­zu­fol­ge auch in der Sache beschie­den, wobei es aus sei­ner Sicht auf den Zeit­punkt der Insol­venz­eröff­nung nicht ankam. Die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten war auch bereits tätig gewor­den, so dass jeden­falls eine Ver­fah­rens­ge­bühr (Nr. 3100 RVG-VV) ent­stan­den ist. Die­se hat der Beklag­te – unab­hän­gig von der spä­te­ren Insol­venz­eröff­nung – grund­sätz­lich selbst zu tra­gen, wenn ihm nicht – rück­wir­kend auf den Zeit­punkt der Antrag­stel­lung 7 – antrags­ge­mäß Pro­zess­kos­ten­hil­fe gewährt und sei­ne Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te bei­geord­net (§ 121 Abs. 1 ZPO) wird.

Der Beklag­te ist damit für das vor­lie­gen­de Beschwer­de­ver­fah­ren nach wie vor pro­zess­füh­rungs- und beschwer­de­be­fugt, einer Unter­bre­chung die­ses Ver­fah­rens fin­det nicht statt.

Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock, Beschluss vom 28. Novem­ber 2014 – 1 W 82/​14

  1. BGH, Beschluss vom 04.05.2006 – IX ZA 26/​04, NJW-RR 2006, 1208, Tz. 1; OLG Frank­furt, Beschluss vom 06.11.2012 – 4 W 15/​12, ZIP 2013, 1838, Tz.19; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 27.07.2009 – 10 W 37/​09, MDR 2010, 285, Tz. 10 f.; OLG Saar­brü­cken, Beschluss vom 26.03.2008 – 8 W 25/​08, OLGR Saar­brü­cken 2008, 567, Tz. 1; OLG Ros­tock – 3. Zivil­se­nat , Beschlüs­se vom 03.11.2010 – 3 W 156/​10, Tz. 7; und vom 08.08.2003 – 3 W 68/​03, OLGR Ros­tock 2004, 151, Tz. 6 f.; Zöller/​Geimer, ZPO, 30. Aufl., § 118 Rn. 15 und ders./Greger, vor § 239 Rn. 8; Jasper­sen in Beck­OK-ZPO, Stand 15.09.2014, § 240 Rn.02.12, jeweils m.w.N.; a.A. OLG Hamm, Beschluss vom 16.03.2006 – 27 W 11/​06, MDR 2006, 1309[]
  2. Zöller/​Greger, a.a.O., § 240 Rn. 1 m.w.N.[]
  3. Zöller/​Geimer, a.a.O., § 118 Rn. 1[]
  4. BGH, Urteil vom 24.07.2003 – IX ZR 333/​00, ZIP 2003, 1972, Tz. 16 f., zitiert nach juris; Münch­Komm-InsO/Ot­t/Vuia, 3. Aufl., § 313 Rn. 9; Kreft/​Waltenberger, InsO, 7. Aufl., § 313 a.F. Rn. 3, 4[]
  5. OLG Frank­furt, a.a.O., Tz.20; OLG Saar­brü­cken, a.a.O., Tz. 8; OLG Ros­tock, Beschluss vom 08.08.2003, a.a.O., Tz. 7[]
  6. OLG Ros­tock, a.a.O., Tz. 6; OLG Saar­brü­cken, a.a.O., Tz. 7; OLG Stutt­gart, a.a.O., Tz. 11[]
  7. vgl. Zöller/​Geimer, a.a.O., § 119 Rn. 39[]