For­de­rungs­ein­zug auf ein debi­to­ri­sches Kon­to – und die Mas­se­schmä­le­rung

Der Ein­zug von For­de­run­gen auf ein debi­to­risch geführ­tes Kon­to führt nicht zu einer Mas­se­schmä­le­rung bei der insol­venz­rei­fen Gesell­schaft, wenn die­se For­de­run­gen von einer Glo­bal­ab­tre­tung erfasst wer­den.

For­de­rungs­ein­zug auf ein debi­to­ri­sches Kon­to – und die Mas­se­schmä­le­rung

Zwar kann für den Fall der Zah­lungs­un­fä­hig­keit oder der Über­schul­dung der Gesell­schaft die Ent­ge­gen­nah­me von Zah­lun­gen auf ein debi­to­risch geführ­tes Kon­to eine ver­bo­te­ne Zah­lung im Sin­ne des § 93 Abs. 3 Satz 1 [a.F.] AktG dar­stel­len. Dies recht­fer­tigt sich dar­aus, dass durch einen Zah­lungs­ein­gang auf einem debi­to­ri­schen Kon­to das Aktiv­ver­mö­gen der Gesell­schaft zu Las­ten ihrer Gläu­bi­ger­ge­samt­heit (und zum Vor­teil der Bank) in glei­cher Wei­se geschmä­lert wird wie bei einer Aus­zah­lung aus dem Bar­ver­mö­gen der Gesell­schaft1. In bei­den Fäl­len wird der Insol­venz­mas­se zuguns­ten der Befrie­di­gung eines Gläu­bi­gers ein Betrag ent­zo­gen, der ande­ren­falls zur (teil­wei­sen) Befrie­di­gung aller Insol­venz­gläu­bi­ger zur Ver­fü­gung stün­de2.

Dem­ge­gen­über ist im vor­lie­gend vom Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg ent­schie­de­nen Fall aber davon aus­zu­ge­hen, dass die Insol­venz­mas­se durch die kla­ge­ge­gen­ständ­li­chen Ein­zah­lun­gen auf die betref­fen­den Kon­ten der Schuld­ne­rin nicht geschmä­lert wor­den ist. Sämt­li­che For­de­run­gen gegen­über Dritt­schuld­nern der Schuld­ne­rin waren näm­lich bereits durch die Glo­bal­ab­tre­tungs­ver­ein­ba­rung vom 26.05.2005 an die V‑Bank abge­tre­ten, stan­den der Schuld­ne­rin hier­nach recht­lich und mit Rück­sicht auf deren gegen­über der V‑Bank bestehen­de Ver­bind­lich­kei­ten auch wirt­schaft­lich nicht mehr zu und konn­ten damit schon vor den jewei­li­gen Zah­lungs­vor­gän­gen nicht mehr Bestand­teil des der Ver­pflich­tung zum Mas­seer­halt unter­lie­gen­den Ver­mö­gens der Schuld­ne­rin sein.

Die Haf­tung gemäß §§ 93 Abs. 2 Nr. 6 AktG, 64 GmbHG, 130a Abs. 1 HGB setzt aber eine Mas­se­schmä­le­rung, einen Abfluss von Mit­teln aus der im Sta­di­um der Insol­venz­rei­fe der Gesell­schaft zuguns­ten der Gesamt­heit ihrer Gläu­bi­ger zu erhal­ten­den Ver­mö­gens­mas­se, vor­aus3. Da die gegen­über Dritt­schuld­nern bestehen­den For­de­run­gen nicht Teil des geschütz­ten Aktiv­ver­mö­gens der Schuld­ne­rin waren, waren die Beklag­ten zur Ver­mei­dung einer Inan­spruch­nah­me aus §§ 92 Abs. 3 Satz 1 [a.F.], 93 Abs. 3 Nr. 6 [a.F.], 116 Satz 1 [a.F.] AktG dem­entspre­chend auch nicht gehal­ten, die Glo­bal­ab­tre­tung zu Guns­ten der V‑Bank dadurch zu unter­lau­fen, dass sie die die­ser zuste­hen­den For­de­run­gen auf ein neu eröff­ne­tes, kre­di­to­risch geführ­tes Bank­kon­to der Schuld­ne­rin ein­zo­gen4. Hier­durch hät­te eine Mas­se­ver­kür­zung näm­lich nicht ver­hin­dert, son­dern allen­falls eine Mas­se­be­rei­che­rung her­bei­ge­führt wer­den kön­nen, der das "Zah­lungs­ver­bot" des § 92 Abs. 3 Satz 1 [a.F.] AktG indes nicht dient5.

Vor­lie­gend hät­te eine Ver­grö­ße­rung des Aktiv­ver­mö­gens der Schuld­ne­rin durch den Ein­zug von For­de­run­gen auf einem kre­di­to­risch geführ­ten Bank­kon­to aller­dings schon des­halb nicht her­bei­ge­führt wer­den kön­nen, weil es sich bei den hier­durch begrün­de­ten Aus­zah­lungs­an­sprü­chen der Schuld­ne­rin gegen­über der kon­to­füh­ren­den Bank eben­falls um Ansprü­che gehan­delt hät­te, die wie­der­um von der auf "sämt­li­che gegen­wär­ti­gen und zukünf­ti­gen Ansprü­che aus dem Geschäfts­ver­kehr, ins­be­son­de­re aus Lie­fe­run­gen und Leis­tun­gen" gerich­te­ten Glo­bal­ab­tre­tung zu Guns­ten der V‑Bank umfasst gewe­sen wären6.

Eine im Rah­men der §§ 92 Abs. 3 Satz 1 [a.F.], 93 Abs. 3 Nr. 6 [a.F.], 116 Satz 1 [a.F.] AktG haf­tungs­be­grün­dend vor­aus­zu­set­zen­de Mas­se­schmä­le­rung lässt sich schließ­lich auch nicht damit begrün­den, dass der Klä­ger im Fal­le des For­de­rungs­ein­zugs auf ein kre­di­to­ri­sches Bank­kon­to der Schuld­ne­rin gemäß §§ 170, 171 InsO Kos­ten­bei­trä­ge hät­te erhe­ben kön­nen. Die in § 171 InsO genann­ten Kos­ten­bei­trä­ge sol­len allein dazu die­nen, die Insol­venz­mas­se von den Kos­ten zu ent­las­ten, die, soweit ein Abson­de­rungs­recht gel­tend gemacht wird, für die Fest­stel­lung der Rechts­la­ge sowie für die Ver­wer­tung der Gegen­stän­de anfal­len7.

Anhalts­punk­te für eine Unwirk­sam­keit der zu Guns­ten der V‑Bank ver­ein­bar­ten Glo­bal­ab­tre­tung zeigt der Klä­ger nicht auf, die­se sind auch sonst nicht ersicht­lich. Nament­lich ist auch eine Über­si­che­rung der V‑Bank nicht zu erken­nen. Hier­ge­gen spricht schon, dass inner­halb des kla­ge­ge­gen­ständ­li­chen Zeit­raums nach dem eige­nen Vor­brin­gen des Klä­gers mit der Kla­ge­schrift unbe­scha­det der auf das Kon­to der Schuld­ne­rin bei der V‑Bank erfolg­ten Ein­zah­lun­gen des­sen Soll­sal­do den Betrag von zuletzt € 313.128, 99 zu Las­ten der Schuld­ne­rin zu kei­nem Zeit­punkt unter­schrit­ten hat.

Auch für eine Anfecht­bar­keit der zu Guns­ten der V‑Bank erfolg­ten Glo­bal­ab­tre­tung ist nichts ersicht­lich. Soweit der Klä­ger in die­sem Zusam­men­hang mit der Beru­fung gel­tend macht, jeden­falls die ab dem 10.05.2007 ein­ge­zo­ge­nen Beträ­ge sei­en als For­de­run­gen anzu­se­hen, die erst inner­halb des Drei-Monats­zeit­raums vor dem Insol­venz­an­trag wert­hal­tig gewor­den sei­en und des­halb gemäß § 130 Abs. 1 InsO einer Anfech­tung als kon­gru­en­te Deckung unter­le­gen hät­ten8, fehlt es an jeg­li­chem Vor­brin­gen des Klä­gers zu den den kla­ge­ge­gen­ständ­li­chen Ein­zah­lun­gen zu Grun­de lie­gen­den Ein­zel­for­de­run­gen, anhand des­sen die­se Behaup­tung nach­zu­voll­zie­hen sein könn­te.

zugleich auf §§ 32a [a.F.], 32b [a.F.] GmbHG, 135 InsO stützt und hier­zu gel­tend macht, durch den For­de­rungs­ein­zug auf das Kon­to der Schuld­ne­rin bei der V‑Bank sei­en deren Ehe­frau­en und sie selbst von den die­ser gegen­über ein­ge­gan­ge­nen Bürg­schafts­ver­pflich­tun­gen ent­las­tet wor­den, recht­fer­tigt dies eine auch nur teil­wei­se Abän­de­rung des ange­foch­te­nen Urteils zu Guns­ten des Klä­gers nicht. Der Klä­ger ver­kennt in die­sem Zusam­men­hang, dass die Beklag­ten zu 1. und 2. unstrei­tig nicht Aktio­nä­re der Schuld­ne­rin waren und die­ser gegen­über inso­fern auch kei­ner Finan­zie­rungs­fol­gen­ver­ant­wor­tung unter­la­gen9.

Auch soweit der Insol­venz­ver­wal­ter sich hin­sicht­lich der Inan­spruch­nah­me der Vor­stän­de der Schuld­ne­rin

Han­sea­ti­sches Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg, Urteil vom 6. März 2015 – 11 U 222/​13

  1. BGH Urteil vom 26.03.2007 – II ZR 310/​05, ZIP 2007, 1006 ff. 12 []
  2. BGH, Urteil vom 29.11.1999 – II ZR 273/​98, BGHZ 143, 184 ff. 9 []
  3. BGH, Urteil vom 18.11.2014 – II ZR 231/​13, ZIP 2015, 71 ff. 9, 10 []
  4. Strohn, NZG 2011, 1161 ff., 1166; Rowed­der/­Schmidt-Leit­hof­f/Baum­ert, GmbHG, 5. Aufl.2013, § 64 Rn. 33 []
  5. BGH, a.a.O. Rn. 11 a.E. []
  6. OLG Frank­furt, Urteil vom 15.07.2009 – 4 U 298/​08, ZIP 2009, 2293 ff. 18 f., und nach­fol­gend BGH, Urteil vom 25.01.2011 – II ZR 196/​09, ZIP 2011, 422 ff. 3, 21 []
  7. BGH, Urteil vom 25.09.2014 – IX ZR 156/​12, ZIP 2014, 2305 ff. 11; Urteil vom 20.11.2003 – IX ZR 259/​02, ZIP 2004, 42 ff. 14; Urteil vom 9.10.2003 – IX ZR 28/​03, ZIP 2003, 2370 ff. 16 []
  8. vgl. BGH, Urteil vom 26.06.2008 – IX ZR 144/​05, ZIP 2008, 1435 ff. 17; Urteil vom 29.11.2007 – IX ZR 30/​07, BGHZ 174, 297 ff. 35, 38; Urteil vom 29.11.2007 – IX ZR 165/​05, ZIP 2008, 372 ff. 12, 14 f. []
  9. BGH, Urteil vom 9.05.2005 – II ZR 66/​03, ZIP 2005, 1316 ff. []