Hin­ter­le­gung zur Abwen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung – und die Mas­seun­zu­läng­lich­keit

Im Fall der Hin­ter­le­gung zur Abwen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung ist der Nach­weis der Emp­fangs­be­rech­ti­gung erbracht, wenn das Urteil rechts­kräf­tig gewor­den ist.

Hin­ter­le­gung zur Abwen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung – und die Mas­seun­zu­läng­lich­keit

Han­delt es sich bei der titu­lier­ten For­de­rung um eine Mas­se­ver­bind­lich­keit im Sin­ne des § 209 Abs. 1 Nr. 3 InsO, so steht die Anzei­ge der Mas­seun­zu­läng­lich­keit gegen­über dem Insol­venz­ge­richt durch den Insol­venz­ver­wal­ter (§ 210 InsO) der Her­aus­ga­be­an­ord­nung zuguns­ten des Titel­gläu­bi­gers nicht ent­ge­gen.

Die Fra­ge, ob ein am Hin­ter­le­gungs­ver­fah­ren Betei­lig­ter sei­ne Emp­fangs­be­rech­ti­gung nach­ge­wie­sen hat, beur­teilt sich nach dem Rechts­ver­hält­nis, das der Hin­ter­le­gung zugrun­de liegt [1]. Wird die Hin­ter­le­gung wie im Streit­fall zur Abwen­dung der Voll­stre­ckung aus einem vor­läu­fig voll­streck­ba­ren Urteil gemäß §§ 711, 108 ZPO bewirkt, ist die Emp­fangs­be­rech­ti­gung des Titel­gläu­bi­gers nach­ge­wie­sen, wenn die­ses Urteil rechts­kräf­tig gewor­den ist. Das hat der Bun­des­ge­richts­hof unter Gel­tung des zum 1.12 2010 auf­ge­ho­be­nen § 13 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 Hin­ter­lO für ein Wech­sel­vor­be­halts­ur­teil ent­schie­den, wel­ches gemäß §§ 600 Abs. 2, 302 Abs. 4 Satz 2 ZPO auch nach Ein­tritt der for­mel­len Rechts­kraft im Nach­ver­fah­ren auf­ge­ho­ben wer­den kann [2]. Es gilt erst recht für ein Urteil, bei dem die­se Mög­lich­keit nicht besteht.

Der Umstand, dass sich der Wort­laut des § 22 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 des Hes­si­schen Hin­ter­le­gungs­ge­set­zes [3] (HintG) gering­fü­gig von dem­je­ni­gen des § 13 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 Hin­ter­lO unter­schei­det, begrün­det kein ande­res Ergeb­nis. Wie das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main [4] sind die Unter­schie­de in den For­mu­lie­run­gen der genann­ten Bestim­mun­gen nur redak­tio­nel­ler Art.

Betei­lig­ter im Sin­ne des § 22 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 HintG ist jeder, zu des­sen Ver­mö­gen die Hin­ter­le­gungs­mas­se mög­li­cher­wei­se gehört bzw. der mög­li­cher­wei­se zum Emp­fang der Hin­ter­le­gungs­mas­se berech­tigt ist [5]. Bei einer Hin­ter­le­gung gemäß §§ 711, 108 ZPO sind das die Betei­lig­ten des Rechts­streits [6], hier also der wei­te­re Betei­lig­te und der Antrag­stel­ler.

Rechts­fol­ge der §§ 21 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, 22 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 HintG ist, dass die Her­aus­ga­be­an­ord­nung auf Antrag ergeht. Die Hin­ter­le­gungs­stel­le war danach ver­pflich­tet, die Her­aus­ga­be­an­ord­nung zuguns­ten des wei­te­ren Betei­lig­ten zu erlas­sen. Dar­an ändert nichts, dass der Antrag­stel­ler dem Insol­venz­ge­richt die Mas­seun­zu­läng­lich­keit ange­zeigt hat und damit die Voll­stre­ckung wegen einer Mas­se­ver­bind­lich­keit im Sin­ne des § 209 Abs. 1 Nr. 3 InsO gemäß § 210 InsO unzu­läs­sig ist.

§ 210 InsO ist sei­nem Wort­laut nach im Streit­fall nicht anwend­bar. Bei dem Erlass der streit­ge­gen­ständ­li­chen Her­aus­ga­be­an­ord­nung han­delt es sich nicht um eine Maß­nah­me der Zwangs­voll­stre­ckung. Die Her­aus­ga­be­an­ord­nung ist viel­mehr im Rah­men eines Hin­ter­le­gungs­ver­hält­nis­ses ergan­gen, das gera­de zur Abwen­dung der Zwangs­voll­stre­ckung begrün­det wor­den ist (vgl. §§ 775 Nr. 3, 776 Satz 1 ZPO).

Es wider­sprä­che auch dem Wil­len des Gesetz­ge­bers, der bun­des­recht­li­chen Bestim­mung des § 210 InsO das Ver­bot zu ent­neh­men, den gemäß §§ 21 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, 22 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 HintG bestehen­den Anspruch des wei­te­ren Betei­lig­ten auf Erlass der Her­aus­ga­be­an­ord­nung zu erfül­len. Bei der Auf­he­bung der Hin­ter­le­gungs­ord­nung durch Art. 17 Abs. 2 des Zwei­ten Geset­zes über die Berei­ni­gung von Bun­des­recht im Zustän­dig­keits­be­reich des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Jus­tiz vom 23.11.2007 [7] hat der Bun­des­ge­setz­ge­ber erklärt, das for­mel­le Hin­ter­le­gungs­recht der Dis­po­si­ti­on der Län­der über­ant­wor­ten zu wol­len [8]. § 210 InsO ist von der Hin­ter­le­gungs­stel­le daher nur zu prü­fen, wenn das Lan­des­recht dies bestimmt. Das ist in Hes­sen nicht der Fall. Dort ist sogar in der Begrün­dung des Geset­zes­ent­wurfs zu § 22 HintG aus­drück­lich betont, dass es einer Prü­fung des mate­ri­el­len Rechts durch die Hin­ter­le­gungs­stel­le nicht bedarf, wenn die in Absatz 2 genann­ten for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen [5]. Etwas ande­res ergibt sich ent­ge­gen der Rechts­be­schwer­de ins­be­son­de­re nicht aus § 22 Abs. 4 HintG. Dort ist ledig­lich bestimmt, dass die Hin­ter­le­gungs­stel­le die Her­aus­ga­be­an­ord­nung aus­set­zen oder zurück­neh­men kann, wenn nach ihrem Erlass Umstän­de bekannt wer­den, die ihrer Aus­füh­rung ent­ge­gen­ste­hen. Es geht also nicht dar­um, wel­che Umstän­de für den Erlass der Her­aus­ga­be­an­ord­nung zu prü­fen sind.

Wie das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main zutref­fend aus­ge­führt hat [4], stün­de eine auf § 210 InsO gestütz­te Ver­wei­ge­rung des Erlas­ses der Her­aus­ga­be­an­ord­nung dar­über hin­aus in Wider­spruch zu dem Zweck einer zur Abwen­dung der Voll­stre­ckung aus einem vor­läu­fig voll­streck­ba­ren Urteil bewirk­ten Hin­ter­le­gung. Die Hin­ter­le­gung des Schuld­ners gemäß §§ 711, 108 ZPO soll die Voll­stre­ckungs­be­fug­nis des Gläu­bi­gers, die er durch das Urteil erlangt hat, d.h. die Rea­li­sier­bar­keit der titu­lier­ten Ansprü­che sichern [9]. Sie soll damit vor Nach­tei­len schüt­zen, die aus dem Ver­zicht des Gläu­bi­gers auf die ihm eigent­lich gestat­te­te vor­läu­fi­ge Voll­stre­ckung resul­tie­ren kön­nen. Zu die­sen Nach­tei­len gehört ein spä­te­rer Weg­fall der Voll­stre­ckungs­mög­lich­keit gemäß § 210 InsO. Anders als die Rechts­be­schwer­de meint, folgt aus dem Umstand, dass der Gläu­bi­ger im Fall des § 711 ZPO sei­ner­seits Sicher­heit leis­ten und damit sei­ne Voll­stre­ckungs­be­fug­nis wie­der­her­stel­len kann, nicht etwas ande­res. Der Gläu­bi­ger darf dar­auf ver­trau­en, dass sei­ne Inter­es­sen durch die Sicher­heits­leis­tung des Schuld­ners gewahrt sind.

All­dem steht nicht ent­ge­gen, dass § 210 InsO nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht nur für das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren von Bedeu­tung ist, son­dern auch das Rechts­schutz­in­ter­es­se eines Mas­segläu­bi­gers an der Durch­füh­rung von Ver­fah­ren ent­fal­len lässt, die wie das Kla­ge­ver­fah­ren und das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren das Ziel haben, einen zur Voll­stre­ckung geeig­ne­ten Titel zu schaf­fen [10]. Das Hin­ter­le­gungs­ver­fah­ren zielt nicht dar­auf ab, einen Voll­stre­ckungs­ti­tel zu schaf­fen, son­dern dient dazu, die Voll­stre­ckung aus einem bereits bestehen­den Titel ent­behr­lich zu machen.

Auf­grund des ori­gi­nä­ren Anspruchs aus § 21 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1, § 22 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 HintG kommt es auf die Fra­ge, ob der wei­te­re Betei­lig­te ein Pfand­recht an dem Rück­erstat­tungs­an­spruch des Antrag­stel­lers gegen die Hin­ter­le­gungs­stel­le erwor­ben hat und beja­hen­den­falls, ob die­ses Recht von § 210 InsO betrof­fen ist, nicht an.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Febru­ar 2018 – IV AR(VZ) 2/​17

  1. vgl. KG NJW-RR 2008, 1540 9]; Bülow/​Schmidt, Hin­ter­lO 4. Aufl. § 13 Rn. 15; jeweils zu § 13 Hin­ter­lO; sie­he auch LT-Drs. Hes­sen 18/​2526 S. 14 (?mate­ri­el­les Recht?) []
  2. BGH, Urteil vom 28.09.1977 – VIII ZR 51/​77, BGHZ 69, 270 unter – II 2 13][]
  3. GVBl. I 2010 S. 306[]
  4. OLG Frank­furt, Beschluss vom 03.01.2017 – 20 VA 3/​16, NZI 2017, 733[][]
  5. LT-Drs. Hes­sen 18/​2526 S. 14[][]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 28.09.1977 aaO[]
  7. BGBl. I S. 2614[]
  8. BT-Drs. 16/​5051 S. 35; 16/​6626 S. 6[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.11.2014 – XI ZR 265/​13, BGHZ 203, 162 Rn. 25; vom 03.05.2005 – XI ZR 287/​04, BGHZ 163, 59 unter – II 2 b aa; jeweils zur Pro­zess­bürg­schaft[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 17.03.2005 – IX ZB 247/​03, NZI 2005, 328 unter III 1 a; Urteil vom 03.04.2003 – IX ZR 101/​02, BGHZ 154, 358 unter II 1; BAG NZI 2003, 273, 274 f.[]