Insol­venz­an­fech­tung – und die Frucht­ge­win­nungs­kos­ten

Der Anfech­tungs­geg­ner kann mit sei­nem Anspruch auf Erstat­tung von Frucht­ge­win­nungs­kos­ten nur gegen­über dem Anspruch der Mas­se auf Her­aus­ga­be der ver­ein­nahm­ten Mie­ten oder auf Wert­er­satz für die­se Früch­te auf­rech­nen, nicht aber gegen­über dem Wert­er­satz­an­spruch der Mas­se wegen einer unmög­lich gewor­de­nen Her­aus­ga­be der Immo­bi­lie.

Insol­venz­an­fech­tung – und die Frucht­ge­win­nungs­kos­ten

Hin­sicht­lich der Tätig­kei­ten und Auf­wen­dun­gen des Anfech­tungs­geg­ners sind daher Ver­wen­dun­gen auf die Immo­bi­lie im Sin­ne der §§ 994 ff BGB von den Kos­ten für die Gewin­nung von Früch­ten aus der Immo­bi­lie im Sin­ne des § 102 BGB abzu­gren­zen.

Soweit es die Auf­wen­dung der eige­nen geld­wer­ten Arbeits­leis­tung, die Anbah­nung, Betreu­ung und Abwick­lung von Miet­ver­hält­nis­sen sowie den auf die Immo­bi­lie bezo­ge­nen Kon­takt mit Behör­den und Ver­sor­gungs­be­trie­ben betrifft, dürf­te eine Ein­ord­nung als Frucht­ge­win­nungs­kos­ten in Betracht kom­men. Glei­ches gilt, soweit es um Tätig­kei­ten bei der Auf­nah­me und Abwick­lung von Schä­den oder Repa­ra­tu­ren oder die Prü­fung von Repa­ra­tur­rech­nun­gen geht, die zwar einen Bezug zum Objekt haben, im Schwer­punkt aber im Zusam­men­hang mit oder bei der Frucht­zie­hung selbst ange­fal­len sind.

Soweit die Auf­wen­dun­gen als Frucht­ge­win­nungs­kos­ten ein­zu­ord­nen sind, dürf­te ihre Berück­sich­ti­gung allein im Wege der Auf­rech­nung gegen den Anspruch der Mas­se auf Her­aus­ga­be der gezo­ge­nen Nut­zun­gen oder auf den an des­sen Stel­le getre­te­nen Wert­er­satz­an­spruch der Mas­se in Betracht kom­men.

Ersatz ihres Auf­wan­des dürf­te die Anfech­tungs­geg­ne­rin nur im Wege eines eigen­stän­di­gen Anspruchs gegen die Insol­venz­mas­se gel­tend machen kön­nen. Auch soweit § 143 Abs. 2 Satz 1 InsO für die Haf­tung des red­li­chen Emp­fän­gers einer unent­gelt­li­chen Leis­tung auf das Berei­che­rungs­recht ver­weist, schei­det ein unmit­tel­ba­rer Abzug des Wer­tes der eige­nen Arbeits­leis­tung bei der Bemes­sung des berei­che­rungs­recht­li­chen Wert­er­satz­an­spruchs der Mas­se gemäß § 818 Abs. 2 und 3 BGB aus. In Betracht kommt nur ein selb­stän­di­ger Gegen­an­spruch der Anfech­tungs­geg­ne­rin aus Ver­wen­dungs­kon­dik­ti­on gemäß § 812 Abs. 1 Satz 1 Fall 2 BGB 1.

Bei der Haf­tung nach Nor­mal­maß gemäß § 143 Abs. 1 InsO kann sich der Anspruch aus § 102 BGB erge­ben. Nach die­ser Vor­schrift kann der zur Her­aus­ga­be von Früch­ten Ver­pflich­te­te Ersatz der auf die Gewin­nung die­ser Früch­te ver­wen­de­ten Kos­ten inso­weit ver­lan­gen, als sie einer ord­nungs­ge­mä­ßen Wirt­schaft ent­spre­chen und den Wert der Früch­te nicht über­stei­gen. Einem hier­auf gestütz­ten Erstat­tungs­an­spruch der Anfech­tungs­geg­ne­rin stün­de es nicht ent­ge­gen, wenn sich der Anspruch der Mas­se nicht mehr auf Her­aus­ga­be der gezo­ge­nen Nut­zun­gen, son­dern nur noch auf Wert­er­satz hier­für rich­te­te. Die § 102 BGB zugrun­de­lie­gen­de Wer­tung, aus Grün­den der Bil­lig­keit stets dem­je­ni­gen die Gewin­nungs­kos­ten zuzu­wei­sen, dem auch der wirt­schaft­li­che Wert der gezo­ge­nen Früch­te zukommt 2, trifft in glei­cher Wei­se für den an die Stel­le des Fruch­t­her­aus­ga­be­an­spruchs tre­ten­den und die schuld­recht­li­che Zuwei­sung der Früch­te in §§ 99 ff BGB fort­schrei­ben­den Sekun­där­an­spruch zu 3. Mit ihm ver­folgt der Frucht­gläu­bi­ger jeden­falls wirt­schaft­lich sein Inter­es­se an der ihm zuge­wie­se­nen Frucht­zie­hungs­be­fug­nis als Teil sei­ner umfas­sen­den Ver­wer­tungs­be­fug­nis wei­ter, ver­langt also wei­ter­hin die Her­aus­ga­be von Früch­ten im Sin­ne des § 102 BGB.

Die im vor­lie­gen­den Fall erfolg­te Erklä­rung der Anfech­tungs­geg­ne­rin, der Wert ihrer Immo­bi­li­en­ver­wal­tungs­tä­tig­keit müs­se min­dernd berück­sich­tigt wer­den, ist zumin­dest als kon­klu­den­te Auf­rech­nungs­er­klä­rung aus­zu­le­gen, die sich auch auf den mit der Stu­fen­kla­ge ver­folg­ten Her­aus­ga­be­an­spruch der Mas­se hin­sicht­lich der gezo­ge­nen Nut­zun­gen bezieht. Inso­weit stün­de einer Auf­rech­nung § 96 Abs. 1 Nr. 1 InsO nicht ent­ge­gen. Der Anspruch auf Erstat­tung von Frucht­ge­win­nungs­kos­ten kann eine Mas­se­ver­bind­lich­keit im Sin­ne von § 55 Abs. 1 Nr. 3 InsO begrün­den. Er soll sowohl auf der Grund­la­ge des § 102 BGB als auch im Rah­men der Ver­wen­dungs­kon­dik­ti­on eine unge­recht­fer­tig­te Berei­che­rung des Frucht­gläu­bi­gers in Gestalt der­je­ni­gen Kos­ten abschöp­fen, deren Auf­wen­dung die Gewin­nung der dem Frucht­gläu­bi­ger schuld­recht­lich zuge­wie­se­nen Früch­te erst ermög­licht hat. Die Vor­schrift des § 55 Abs. 1 Nr. 3 InsO trägt einem sol­chen Berei­che­rungs­ver­bot Rech­nung 4 und erfasst die Fäl­le einer Mas­se­be­rei­che­rung, die nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ein­tritt 5. Der Berei­che­rungs­gläu­bi­ger darf die­se wie­der aus der Mas­se abzie­hen 6. Die Mas­se erlangt den Wert der erspar­ten Frucht­ge­win­nungs­kos­ten aller­dings nicht bereits mit der Rück­ge­währ der Immo­bi­lie oder dem an deren Stel­le getre­te­nen Wert­er­satz­an­spruch, son­dern erst mit der Her­aus­ga­be der gezo­ge­nen Nut­zun­gen oder mit der Zah­lung eines an deren Stel­le tre­ten­den Wert­er­sat­zes 7, gleich ob es um Zeit­räu­me vor oder nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens geht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Janu­ar 2019 – IX ZR 121/​16

  1. vgl. BGH, Urteil vom 19.01.1999 – X ZR 42/​97, BGHZ 140, 275, 283[]
  2. Mug­dan, Die gesamm­ten Mate­ria­li­en zum Bür­ger­li­chen Gesetz­buch, 1899, Band III, S. 499; Staudinger/​Stiepel, BGB, 2017, § 102 Rn. 1 f und 7; Münch­Komm-BGB/St­re­se­mann, 7. Aufl., § 102 Rn. 1[]
  3. vgl. auch RG, JW 1938, 3040, 3042[]
  4. vgl. Schmidt/​Thole, InsO, 19. Aufl., § 55 Rn. 37[]
  5. BGH, Urteil vom 24.06.2003 – IX ZR 228/​02, BGHZ 155, 199, 205 mwN; Pape/​Schaltke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2010, § 55 Rn.198[]
  6. Schmidt/​Thole, aaO[]
  7. vgl. im Fal­le von Ver­wen­dun­gen auf die anfecht­ba­re Sache Jaeger/​Henckel, InsO, § 143 Rn. 149; Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, 3. Aufl., § 143 Rn. 66[]