Insol­venz­an­trag – und der (Schein-)Wohnsitz in Lon­don

Nach Art. 3 Abs. 1 Satz 1 EuIns­VO sind für die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens die Gerich­te des Mit­glieds­staats zustän­dig, in des­sen Gebiet der Schuld­ner den Mit­tel­punkt sei­ner haupt­säch­li­chen Inter­es­sen hat.

Insol­venz­an­trag – und der (Schein-)Wohnsitz in Lon­don

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall fand dabei gemäß Art. 84 der am 26.06.2005 in Kraft getre­te­nen revi­dier­ten Fas­sung der EuIns­VO (VO (EU) 2015/​848) für die Ent­schei­dung über den am 17.06.2015 ein­ge­gan­ge­nen Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens noch die EuIns­VO in der vor dem 26.06.2017 gel­ten­den Fas­sung (VO (EG) Nr. 1346/​2000) Anwen­dung.

Der dabei ver­wen­de­te Rechts­be­griff des Mit­tel­punkts der haupt­säch­li­chen Inter­es­sen ("Cen­ter of main Inte­rests", "COMI") ist ver­ord­nungs­au­to­nom aus­zu­le­gen. Die Bestim­mung erfolgt nach objek­ti­ven und zugleich für Drit­te fest­stell­ba­ren Kri­te­ri­en, um Rechts­si­cher­heit und Vor­her­seh­bar­keit bei der Bestim­mung des für die Eröff­nung des Haupt­in­sol­venz­ver­fah­rens zustän­di­gen Gerichts zu garan­tie­ren 1. Bei Kauf­leu­ten, Gewer­be­trei­ben­den oder Selb­stän­di­gen ist an die wirt­schaft­li­che oder gewerb­li­che Tätig­keit des Schuld­ners anzu­knüp­fen 2. Bei abhän­gig beschäf­tig­ten Per­so­nen, kann für den Mit­tel­punkt der haupt­säch­li­chen Inter­es­sen regel­mä­ßig auf den gewöhn­li­chen Auf­ent­halt als tat­säch­li­chen Lebens­mit­tel­punkt abge­stellt wer­den, wo der Schwer­punkt der wirt­schaft­li­chen, sozia­len und kul­tu­rel­len Bezie­hun­gen liegt 3.

Der Mit­tel­punkt der haupt­säch­li­chen Inter­es­sen des Schuld­ners, für den weder eine selb­stän­di­ge noch eine abhän­gi­ge Beschäf­ti­gung fest­ge­stellt wer­den konn­te, ver­wies im vor­lie­gen­den Fall auf das Inland. Dort hat­te der Schuld­ner nach eige­nem Vor­trag bis zum Jahr 2010 sei­nen Lebens­mit­tel­punkt. Sei­ne selb­stän­di­ge Tätig­keit als Steu­er­be­ra­ter und Wirt­schafts­prü­fer übte er eben­falls im Inland aus. Die unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls vom Tatrich­ter vor­ge­nom­me­ne Gesamt­be­wer­tung, der Schuld­ner habe auch spä­ter den maß­geb­li­chen Inter­es­sen­mit­tel­punkt nicht wie von ihm ange­ge­ben ins Ver­ei­nig­te König­reich ver­legt, lässt Rechts­feh­ler nicht erken­nen. Die Wür­di­gung des Beschwer­de­ge­richts ist mög­lich. Zwin­gend muss sie nicht sein 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2018 – IX ZB 77/​17

  1. BGH, Beschluss vom 02.03.2017 – IX ZB 70/​16, NZI 2017, 320 Rn. 9[]
  2. BGH, Beschluss vom 17.09.2009 – IX ZB 51/​09, ZIn­sO 2009, 1955 Rn. 3[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 02.03.2017, aaO Rn. 10 mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.09.2009, aaO Rn. 5[]