Rest­schuld­be­frei­ung – und die Aus­kunfts­pflicht des selb­stän­di­ge täti­gen Schuld­ners in der Wohl­ver­hal­tens­pe­ri­ode

Im Ver­fah­ren über einen Antrag auf Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung hat der Insol­venz­schuld­ner nach § 296 Abs. 2 Satz 2 Fall 1 InsO über die Erfül­lung sei­ner Oblie­gen­hei­ten Aus­kunft zu ertei­len. Gibt er die Aus­kunft ohne hin­rei­chen­de Ent­schul­di­gung nicht inner­halb der ihm gesetz­ten Frist ab, ist die Rest­schuld­be­frei­ung nach § 296 Abs. 2 Satz 3 InsO, ohne dass es auf eine Beein­träch­ti­gung der Befrie­di­gungs­aus­sich­ten der Gläu­bi­ger ankä­me, zu ver­sa­gen1.

Rest­schuld­be­frei­ung – und die Aus­kunfts­pflicht des selb­stän­di­ge täti­gen Schuld­ners in der Wohl­ver­hal­tens­pe­ri­ode

Soweit er eine selb­stän­di­ge Tätig­keit aus­übt, gehört es gemäß § 295 Abs. 2 InsO zu den Oblie­gen­hei­ten des Insol­venz­schuld­ners, die Insol­venz­gläu­bi­ger durch Zah­lun­gen an den Treu­hän­der so zu stel­len, wie wenn er ein ange­mes­se­nes Dienst­ver­hält­nis ein­ge­gan­gen wäre. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist für die Abfüh­rungs­ob­lie­gen­heit nach § 295 Abs. 2 InsO ein fik­ti­ves Net­to­ein­kom­men aus einem ange­mes­se­nen – also dem Schuld­ner mög­li­chen – Dienst­ver­hält­nis zu berech­nen2. Die Abfüh­rungs­ob­lie­gen­heit ist der Höhe nach auf den pfänd­ba­ren Betrag beschränkt, den der Insol­venz­schuld­ner bei unselb­stän­di­ger Tätig­keit erzie­len wür­de. Uner­heb­lich ist, ob der Schuld­ner als selb­stän­dig Täti­ger einen Gewinn erzielt hat. Denn § 295 Abs. 2 InsO löst die zu berück­sich­ti­gen­den Erträ­ge vom tat­säch­li­chen wirt­schaft­li­chen Erfolg der selb­stän­di­gen Tätig­keit des Schuld­ners3.

Der selb­stän­dig täti­ge Insol­venz­schuld­ner ist des­halb umfas­send aus­kunfts­pflich­tig hin­sicht­lich der­je­ni­gen Umstän­de, die für die Ermitt­lung des fik­ti­ven Maß­stabs erfor­der­lich sind4.

Nach § 295 Abs. 1 Nr. 3 InsO hat der Insol­venz­schuld­ner auf Ver­lan­gen dem Treu­hän­der oder dem Gericht Mit­tei­lung zu machen, ob er einer selb­stän­di­gen Tätig­keit nach­geht, wie sei­ne Aus­bil­dung und sein beruf­li­cher Wer­de­gang aus­se­hen und wel­che Tätig­keit (Bran­che, Grö­ße sei­nes Unter­neh­mens, Zahl der Ange­stell­ten, Umsatz) er aus­übt. Dabei müs­sen sei­ne Aus­künf­te so kon­kret sein, dass ein Gläu­bi­ger die dem Schuld­ner mög­li­che abhän­gi­ge Tätig­keit bestim­men und das anzu­neh­men­de fik­ti­ve Net­to­ein­kom­men ermit­teln kann. Über sei­nen aus der selb­stän­di­gen Tätig­keit erziel­ten Gewinn braucht der Schuld­ner dage­gen grund­sätz­lich kei­ne Aus­kunft zu ertei­len, weil die­ser für die Fest­stel­lung des fik­ti­ven Net­to­ein­kom­mens uner­heb­lich ist.

In glei­chem Umfang besteht eine Aus­kunfts­pflicht nach § 296 Abs. 2 Satz 2 Fall 1 InsO im Ver­fah­ren über einen Antrag auf Rest­schuld­ver­sa­gung, deren Ver­let­zung einen eige­nen – von Amts wegen – zu berück­sich­ti­gen­den Ver­sa­gungs­grund dar­stellt (§ 296 Abs. 2 Satz 3 Fall 1 InsO), wenn der Insol­venz­schuld­ner die vom Gericht gefor­der­te Aus­kunft schuld­haft inner­halb der gesetz­ten Frist nicht erteilt5.

Ver­lan­gen dage­gen Treu­hän­der oder Gericht eine über den Rah­men der Oblie­gen­hei­ten hin­aus­ge­hen­de – nicht durch § 295 Abs. 1 Nr. 3 oder § 296 Abs. 2 Satz 2 InsO gedeck­te – Aus­kunft, stellt die Nicht­be­ant­wor­tung der Fra­gen (Nicht­er­tei­lung der Aus­kunft oder eine unvoll­stän­di­ge oder ver­spä­te­te Ant­wort) kei­ne Ver­let­zung der Aus­kunfts­ob­lie­gen­hei­ten nach § 295 Abs. 1 Nr. 3 InsO oder § 296 Abs. 2 Satz 2 InsO dar6.

Danach war es sach­fremd, dem Schuld­ner die Rest­schuld­be­frei­ung im Streit­fall allein des­halb zu ver­sa­gen, weil er "kei­ner­lei Aus­künf­te über sein tat­säch­lich erziel­tes Ein­kom­men erteilt" hat und damit "die Mit­wir­kungs­pflich­ten, die ihm nach dem Gesetz oblie­gen, in keins­ter Wei­se erfüllt" habe7. Das Land­ge­richt8 stützt hier die Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung nur dar­auf, dass der Schuld­ner kei­ne Aus­kunft zu etwai­gen Gewin­nen aus der wäh­rend der Wohl­ver­hal­tens­pe­ri­ode aus­ge­üb­ten selb­stän­di­gen Tätig­keit gege­ben hat. Zur Bestim­mung eines fik­ti­ven Net­to­ein­kom­mens des Schuld­ners bedarf es die­ser Anga­be indes nicht. Die Nicht­be­ant­wor­tung eines ent­spre­chen­den Aus­kunfts­ver­lan­gens stellt des­halb unter kei­nem denk­ba­ren Gesichts­punkt eine Oblie­gen­heits­ver­let­zung dar, so dass offen­blei­ben kann, ob das Insol­venz­ge­richt mit sei­nen Ver­fü­gun­gen über­haupt ein sol­ches an den Schuld­ner gerich­tet hat.

Da das Land­ge­richt in sei­nem Beschluss auf die­se Rechts­la­ge und auf das dies­be­züg­li­che Vor­brin­gen des Schuld­ners nicht ein­geht und damit auch nicht zu erken­nen gibt, ob es die Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung mög­li­cher­wei­se zugleich auf ande­re Erwä­gun­gen gestützt hat, ist die Rechts­an­wen­dung im Streit­fall – nach objek­ti­ven Kri­te­ri­en – unter kei­nem denk­ba­ren Gesichts­punkt mehr recht­lich ver­tret­bar.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Dezem­ber 2016 – 2 BvR 1602/​16

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 26.02.2013 – IX ZB 165/​11, WM 2013, S. 579, 580, Rn. 9 []
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 05.04.2006 – IX ZB 50/​05 13; Beschluss vom 13.06.2013 – IX ZB 38/​10 17, m.w.N. []
  3. BGH, Beschluss vom 26.02.2013 – IX ZB 165/​11 6 f., m.w.N. []
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 14.05.2009 – IX ZB 116/​08, WM 2009, S. 1292 f., Rn. 9 []
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 26.02.2013 – IX ZB 165/​11, WM 2013, S. 579, 580, Rn. 8 f. []
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 26.02.2013 – IX ZB 165/​11, WM 2013, S. 579, 580, Rn. 8 f. []
  7. so aber AG Schwe­rin, Beschlüs­se vom 25.11.2014, 02.12.2014 und 12.01.2015 – 583 IN 34/​08; und LG Schwe­rin, Beschluss vom 26.04.2016 – 5 T 20/​15 []
  8. LG Schwe­rin, Beschluss vom 26.04.2016 – 5 T 20/​15 []