Vor­satz­an­fech­tung – und der Sanie­rungs­plan

Ers­te Vor­aus­set­zung einer Anfech­tung nach § 133 Abs. 1 Satz 1 InsO in der Fas­sung vom 05.10.1994 (fort­an nur: § 133 InsO) ist eine Rechts­hand­lung, wel­che der Schuld­ner in den letz­ten zehn Jah­ren vor dem Antrag auf Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens oder nach die­sem Antrag mit dem Vor­satz vor­ge­nom­men hat, sei­ne Gläu­bi­ger zu benach­tei­li­gen.

Vor­satz­an­fech­tung – und der Sanie­rungs­plan

Befrie­digt ein Schuld­ner einen Gläu­bi­ger, obwohl er zah­lungs­un­fä­hig ist und sei­ne dro­hen­de oder bereits ein­ge­tre­te­ne Zah­lungs­un­fä­hig­keit kennt, han­delt er in der Regel mit dem Vor­satz, die übri­gen Gläu­bi­ger zu benach­tei­li­gen; denn er weiß, dass sein Ver­mö­gen nicht aus­reicht, um sämt­li­che Gläu­bi­ger zu befrie­di­gen 1.

Die Kennt­nis von der Zah­lungs­un­fä­hig­keit kann aber ihre Bedeu­tung als Beweis­an­zei­chen für den Benach­tei­li­gungs­vor­satz ver­lie­ren, wenn die ange­foch­te­ne Rechts­hand­lung Bestand­teil eines ernst­haf­ten, wenn auch letzt­lich fehl­ge­schla­ge­nen Sanie­rungs­ver­suchs war. In einem sol­chen Fall ist die Rechts­hand­lung von einem anfech­tungs­recht­lich unbe­denk­li­chen Wil­len gelei­tet. Das Wis­sen um die Benach­tei­li­gung ande­rer Gläu­bi­ger tritt in den Hin­ter­grund 2.

Wel­che Vor­aus­set­zun­gen der Sanie­rungs­plan erfül­len muss, um einen Benach­tei­li­gungs­vor­satz des Schuld­ners aus­zu­schlie­ßen, hat der Bun­des­ge­richts­hof im Grund­satz­ur­teil vom 12.05.2016 3 und im Urteil vom 14.06.2018 4 näher aus­ge­führt. Es muss sich um ein schlüs­si­ges, von den tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten aus­ge­hen­des Kon­zept han­deln, wel­ches min­des­tens ansatz­wei­se schon umge­setzt wor­den war und Aus­sicht auf Erfolg hat­te.

Wei­te­re Vor­aus­set­zung der Anfech­tung nach § 133 Abs. 1 Satz 1 InsO ist, dass der ande­re Teil zur Zeit der Hand­lung den Benach­tei­li­gungs­vor­satz des Schuld­ners kann­te. Gemäß § 133 Abs. 1 Satz 2 InsO wird die­se Kennt­nis ver­mu­tet, wenn der ande­re Teil wuss­te, dass die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners droh­te und dass die Hand­lung die Gläu­bi­ger benach­tei­lig­te. Kennt der ande­re Teil die Zah­lungs­un­fä­hig­keit eines unter­neh­me­risch täti­gen Schuld­ners, weiß er regel­mä­ßig auch, dass Leis­tun­gen aus dem Ver­mö­gen des Schuld­ners an ihn die Befrie­di­gungs­mög­lich­kei­ten ande­rer Gläu­bi­ger ver­ei­teln oder zumin­dest erschwe­ren oder ver­zö­gern. Dann kennt er auch den Benach­tei­li­gungs­vor­satz des Schuld­ners 5. Auch auf Sei­ten des Anfech­tungs­geg­ners kann die Kennt­nis der dro­hen­den oder ein­ge­tre­te­nen Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners im Fall eines ernst­haf­ten, wenn auch letzt­lich geschei­ter­ten Sanie­rungs­ver­suchs an Bedeu­tung ver­lie­ren 6. Zur Wider­le­gung der Ver­mu­tung des § 133 Abs. 1 Satz 2 InsO muss der Anfech­tungs­geg­ner dar­le­gen und bewei­sen, dass er spä­te­re Zah­lun­gen auf der Grund­la­ge eines schlüs­si­gen Sanie­rungs­kon­zepts erlangt hat. An die auf die Schlüs­sig­keit des Sanie­rungs­kon­zepts bezo­ge­ne Kennt­nis des Anfech­tungs­geg­ners kön­nen dabei nicht die glei­chen Anfor­de­run­gen gestellt wer­den wie an die­je­ni­ge des Schuld­ners. Der Anfech­tungs­geg­ner muss ledig­lich kon­kre­te Umstän­de dar­le­gen, die es nahe­lie­gend erschei­nen las­sen, dass ihm der Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gungs­vor­satz des Schuld­ners nicht bekannt war 7.

Zah­lun­gen in den letz­ten drei Mona­ten vor dem Eröff­nungs­an­trag könn­ten auch nach § 130 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 InsO anfecht­bar sein, wenn zur Zeit der Hand­lung der Schuld­ner zah­lungs­un­fä­hig war und wenn der Gläu­bi­ger zu die­ser Zeit die Zah­lungs­un­fä­hig­keit kann­te.

Die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen der Vor­satz­an­fech­tung hat der Tatrich­ter gemäß § 286 ZPO unter Wür­di­gung aller maß­geb­li­chen Umstän­de des Ein­zel­falls auf der Grund­la­ge des Gesamt­ergeb­nis­ses der Ver­hand­lung und einer etwai­gen Beweis­auf­nah­me zu prü­fen 8.

Die revi­si­ons­recht­li­che Kon­trol­le der dem Tatrich­ter oblie­gen­den Gesamt­wür­di­gung beschränkt sich dar­auf, ob die­ser sich ent­spre­chend dem Gebot des § 286 ZPO mit dem Pro­zess­stoff umfas­send und wider­spruchs­frei aus­ein­an­der­ge­setzt hat, die Beweis­wür­di­gung also voll­stän­dig und recht­lich mög­lich ist und nicht gegen Denk­ge­set­ze und Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. März 2019 – IX ZR 7/​18

  1. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 27.09.2018 – IX ZR 313/​16, WM 2018, 2097 Rn. 3[]
  2. BGH, Urteil vom 12.05.2016 – IX ZR 65/​14, BGHZ 210, 249 Rn. 14 mwN; vom 14.06.2018 – IX ZR 22/​15, WM 2018, 1703 Rn. 9[]
  3. BGH, Urteil vom 12.05.2016, aaO, Rn. 16 ff[]
  4. BGH, Urteil vom 14.06.2018, aaO, Rn. 10[]
  5. BGH, Urteil vom 12.05.2016 – IX ZR 65/​14, BGHZ 210, 249 Rn. 22 mwN[]
  6. BGH, Urteil vom 12.05.2016, aaO Rn. 14; vom 14.06.2018 – IX ZR 22/​15, WM 2018, 1703 Rn. 9[]
  7. BGH, Urteil vom 12.05.2016, aaO Rn. 24 mwN; vom 14.06.2018, aaO Rn. 13[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 13.08.2009 – IX ZR 159/​06, WM 2009, 1943 Rn. 8 mwN[]
  9. BGH, Urteil vom 14.09.2017 – IX ZR 3/​16, NZI 2018, 114 Rn. 9; vom 18.01.2018 – IX ZR 144/​16, WM 2018, 433 Rn. 12; vom 12.04.2018 – IX ZR 88/​17, WM 2018, 958 Rn. 15; st. Rspr.[]