Voll­stre­ckung ver­fas­sungs­wid­ri­ger Urtei­le

Die Voll­stre­ckung gegen einen rechts­kräf­tig zur Zah­lung ver­ur­teil­ten Schuld­ner ist nach einer jetzt ver­kün­de­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­fas­sungs­wid­rig, wenn das zu Grun­de lie­gen­de Urteil auf der Aus­le­gung und Anwen­dung unbe­stimm­ter Rechts­be­grif­fe beruht, die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für unver­ein­bar mit dem Grund­ge­setz erklärt wor­den ist. Damit hat­te die Ver­fas­sungs­be­schwer­de einer ver­mö­gens­lo­sen Bür­gin, die sich gegen die Zwangs­voll­stre­ckung in ihr
Ver­mö­gen wand­te, Erfolg.

Voll­stre­ckung ver­fas­sungs­wid­ri­ger Urtei­le

Der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts lag fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de:
Am 19. Okto­ber 1993 ent­schied das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, dass die Zivil­ge­rich­te ver­pflich­tet sind, bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des unbe­stimm­ten Rechts­be­grif­fes der Sit­ten­wid­rig­keit im Sin­ne des § 138 BGB die grund­recht­li­che Gewähr­leis­tung der Pri­vat­au­to­no­mie zu beach­ten. Der dama­li­ge Fall betraf eine 21-jäh­ri­ge, ver­mö­gens­lo­se Bür­gin, die gegen­über einer Spar­kas­se für die Schul­den ihres Vaters eine Bürg­schaft
über­nom­men hat­te. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kam zu dem Ergeb­nis, dass Bürg­schafts­ver­trä­ge, die das Ergeb­nis struk­tu­rell unglei­cher Ver­hand­lungs­stär­ke sind, sit­ten­wid­rig sind. Für die Beur­tei­lung, wann ein sol­cher Ver­trag vor­liegt, setz­te es nähe­re Maß­stä­be.

Die Beschwer­de­füh­re­rin des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens, Haus­frau und Mut­ter zwei­er Kin­der, hat­te eine Bürg­schaft für ihren Ehe­mann in Höhe von 200.000 DM über­nom­men. Sie wur­de 1992 rechts­kräf­tig zur Zah­lung von 70.000 DM ver­ur­teilt. Als die Bank bei der inzwi­schen geschie­de­nen Frau voll­stre­cken woll­te, berief sich die­se auf die inzwi­schen auf­grund der Bürg­schafts­ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­ge­tre­te­ne Ände­rung der Recht­spre­chung. Danach wäre der Bürg­schafts­ver­trag nach § 138 Abs. 1 BGB nich­tig gewe­sen. Ihre Kla­ge wur­de trotz­dem in letz­ter Instanz vom Bun­des­ge­richts­hof abge­wie­sen. Die hier­ge­gen gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat­te Erfolg. Der Ers­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hob das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs auf und ver­wies die Sache an ihn zur erneu­ten Ent­schei­dung zurück.

Der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zu Grun­de:
§ 79 Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ge­setz (BVerfGG) regelt die Fol­gen von Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, durch die eine Rechts­norm für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wird, auf deren Grund­la­ge nicht mehr anfecht­ba­re Ent­schei­dun­gen ergan­gen sind. Es gilt gemäß § 79 Abs. 2 BVerfGG der Grund­satz, dass nicht mehr anfecht­ba­re Ent­schei­dun­gen, die auf einer für nich­tig erklär­ten Norm beru­hen, in ihrer Exis­tenz nicht mehr in Fra­ge gestellt wer­den. Doch gilt für sie, soweit aus ihnen noch nicht voll­streckt wor­den ist, das Ver­bot der Voll­stre­ckung. Die­se Rege­lung fin­det ent­spre­chen­de Anwen­dung, wenn das
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht auf Nich­tig­keit einer Norm erkannt, son­dern sich dar­auf beschränkt hat, deren Unver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz fest­zu­stel­len.

§ 79 Abs. 2 BVerfGG ist aber auch dann ent­spre­chend anzu­wen­den, wenn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht die Norm selbst, son­dern eine bestimm­te Aus­le­gungs­va­ri­an­te der Norm für unver­ein­bar mit dem Grund­ge­setz erklärt hat. Auf die­se Wei­se kann ein inhalt­li­cher Wider­spruch zu § 79 Abs. 1 BVerfGG ver­mie­den wer­den. Die­se Norm, die für das Straf­recht einen zusätz­li­chen Wie­der­auf­nah­me­grund ent­hält, bezieht auch den Fall der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Aus­le­gung neben der Nich­tig- und der Unver­ein­bar­er­klä­rung in ihren Anwen­dungs­be­reich ein.

Ent­spre­chen­de Anwen­dung fin­det § 79 Abs. 2 BVerfGG aber auch auf nicht mehr anfecht­ba­re Ent­schei­dun­gen, die auf einer Aus­le­gung und Anwen­dung unbe­stimm­ter Geset­zes­be­grif­fe beru­hen, die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für unver­ein­bar mit dem Grund­ge­setz erklärt wor­den ist. Dies gilt aller­dings nur, wenn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, wie in der Bürg­schafts­ent­schei­dung vom 19. Okto­ber 1993, für die Aus­le­gung des bür­ger­li­chen Rechts über den Ein­zel­fall hin­aus­ge­hen­de Maß­stä­be setzt, an wel­che die Zivil­ge­rich­te bei ihrer künf­ti­gen Recht­spre­chung in gleich gela­ger­ten Fäl­len gebun­den sind. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in die­ser Ent­schei­dung den Begrif­fen „gute Sit­ten“, „Ver­kehrs­sit­te“ sowie
„Treu und Glau­ben“ in den §§ 138 und § 242 BGB mit Bezug auf Bürg­schafts­ver­trä­ge auch für die Rechts­an­wen­dung in ande­ren Fäl­len repro­du­zier­ba­re – und für die Zivil­ge­rich­te ver­bind­li­che – Kon­tu­ren
gege­ben. Dies hat dazu geführt, dass im Rah­men der Gene­ral­klau­sel des § 138 Abs. 1 BGB rechts­satz­mä­ßig typi­sier­ba­re Fall­grup­pen gebil­det wor­den sind, die der wei­te­ren Rechts­an­wen­dung zu Grun­de gelegt wer­den kön­nen. Dies unter­schei­det sich, auch wenn die abschlie­ßen­de Fest­le­gung und Normaus­fül­lung Sache der Zivil­ge­rich­te bleibt, hin­sicht­lich des Grund­rechts­schut­zes nicht von der ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung einer Rechts­vor­schrift im her­kömm­li­chen Sin­ne. Im Lich­te des all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes ist es des­halb ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten, auch den Fall der die Aus­strah­lungs­wir­kung der Grund­rech­te sichern­den Aus­le­gung von zivil­recht­li­chen Gene­ral­klau­seln und unbe­stimm­ten Rechts­be­grif­fen in den Anwen­dungs­be­reich des § 79 Abs. 2 BVerfGG ein­zu­be­zie­hen.

Der ana­lo­gen Anwen­dung des § 79 Abs. 2 BVerfGG steht auch nicht ent­ge­gen, dass das zum Nach­teil der Beschwer­de­füh­re­rin ergan­ge­ne Urteil im Jah­re 1992 mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs in Ein­klang stand. Die von § 79 Abs. 2 BVerfGG eröff­ne­te Mög­lich­keit der Voll­stre­ckungs­ab­wehr­kla­ge setzt gera­de vor­aus, dass die Ein­wen­dun­gen des Voll­stre­ckungs­schuld­ners erst spä­ter ent­stan­den sind und vor Erlass des Urteils noch nicht gel­tend gemacht wer­den konn­ten.

BVerfG, Beschluss vom 6. Dezem­ber 2005 – 1 BvR 1905/​02