Vor­aus­ab­tre­tung nach Insol­venz­eröff­nung ent­ste­hen­der For­de­run­gen

Die Vor­aus­ab­tre­tung künf­ti­ger, nach Ver­fah­rens­er­öff­nung ent­ste­hen­der For­de­run­gen erlangt infol­ge Kon­va­les­zenz ihre Wirk­sam­keit zurück, wenn die­se aus einer durch den Insol­venz­ver­wal­ter frei­ge­ge­be­nen selb­stän­di­gen Tätig­keit des Schuld­ners her­rüh­ren.

Vor­aus­ab­tre­tung nach Insol­venz­eröff­nung ent­ste­hen­der For­de­run­gen

Der Wirk­sam­keit der ver­ein­bar­ten For­de­rungs­ab­tre­tung stand im Blick auf die nach Ver­fah­rens­er­öff­nung begrün­de­ten For­de­run­gen zunächst § 91 Abs. 1 InsO ent­ge­gen.

Gemäß die­ser Vor­schrift kön­nen nach der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens Rech­te an den Gegen­stän­den der Insol­venz­mas­se nicht wirk­sam erwor­ben wer­den, auch wenn kei­ne Ver­fü­gung des Schuld­ners und kei­ne Zwangs­voll­stre­ckung für einen Insol­venz­gläu­bi­ger zugrun­de liegt. Im Fal­le der Abtre­tung einer künf­ti­gen For­de­rung ist die Ver­fü­gung selbst bereits mit Abschluss des Abtre­tungs­ver­tra­ges been­det. Der Rechts­über­gang erfolgt jedoch erst mit dem Ent­ste­hen der For­de­rung. Ent­steht die im Vor­aus abge­tre­te­ne For­de­rung nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens, kann der Gläu­bi­ger gemäß § 91 Abs. 1 InsO kein For­de­rungs­recht zu Las­ten der Mas­se mehr erwer­ben. Nur wenn der Zes­sio­nar bereits vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens eine gesi­cher­te Rechts­po­si­ti­on hin­sicht­lich der abge­tre­te­nen For­de­rung erlangt hat, ist die Abtre­tung insol­venz­fest [1]. Gesi­chert ist eine Rechts­po­si­ti­on dann, wenn der Zedent und der For­de­rungs­schuld­ner sie ohne Zustim­mung des Zes­sio­nars durch ein­sei­ti­ges Ver­hal­ten nicht mehr zer­stö­ren kön­nen [2].

Eine sol­che gesi­cher­te Rechts­po­si­ti­on hat der Zes­sio­nar an den sei­tens des Insol­venz­schuld­ners abge­tre­te­nen, erst nach Ver­fah­rens­er­öff­nung ent­stan­de­nen For­de­run­gen nicht erlangt.

Wer­den Ansprü­che aus Dau­er­schuld­ver­hält­nis­sen abge­tre­ten, kommt es dar­auf an, ob sie bereits mit dem Ver­trags­schluss betagt ent­ste­hen oder erst befris­tet mit der Inan­spruch­nah­me der Gegen­leis­tung; nur im ers­ten Fall hat der Abtre­tungs­emp­fän­ger eine gesi­cher­te Rechts­po­si­ti­on. Bei Dienst­ver­trä­gen ent­steht der Ver­gü­tungs­an­spruch erst mit der Erbrin­gung der Dienst­leis­tung [3], weil der Ver­trag durch Kün­di­gung been­det wer­den oder der Dienst­ver­pflich­te­te die ihm oblie­gen­de Leis­tung ohne Grün­de, die einen Ver­gü­tungs­an­spruch begrün­den, ver­wei­gern kann [4]. Der all­ge­mei­ne Grund­satz, dass der Anspruch auf Ver­gü­tung für geleis­te­te Diens­te nicht vor der Dienst­leis­tung ent­steht, gilt auch für den Ver­gü­tungs­an­spruch des Kas­sen­arz­tes gegen die KV. Vor­aus­set­zung jeg­li­cher Ver­gü­tungs­an­sprü­che des Kas­sen­arz­tes ist es, dass er ver­gü­tungs­fä­hi­ge ärzt­li­che Leis­tun­gen erbringt. Die­se sind Grund­la­ge des end­gül­ti­gen Hono­rar­be­scheids der KV. Abschlags­zah­lun­gen, die der Kas­sen­arzt auf­grund sat­zungs­mä­ßi­ger Bestim­mun­gen erhal­ten mag, ändern dar­an nichts [5]. Eine gesi­cher­te Rechts­po­si­ti­on an Hono­rar­an­sprü­chen eines Kas­sen­arz­tes kann der Zes­sio­nar dar­um erst erwer­ben, nach­dem der Arzt ver­gü­tungs­fä­hi­ge Leis­tun­gen erbracht hat [6]. Folg­lich geht eine Vor­aus­ab­tre­tung ins­be­son­de­re dann ins Lee­re, wenn der Ver­wal­ter die Pra­xis des Schuld­ners fort­führt [7].

Der Schuld­ner hat mit der Frei­ga­be sei­ner selb­stän­di­gen Tätig­keit durch den Insol­venz­ver­wal­ter (§ 35 Abs. 2 Satz 1 InsO) die Ver­fü­gungs­be­fug­nis über die gegen die KV gerich­te­ten Ver­gü­tungs­for­de­run­gen zurück­ge­won­nen.

Übt der Schuld­ner als natür­li­che Per­son eine selb­stän­di­ge Tätig­keit aus, kann der Insol­venz­ver­wal­ter gemäß § 35 Abs. 2 Satz 1 InsO erklä­ren, dass Ver­mö­gen aus die­ser Tätig­keit nicht zur Insol­venz­mas­se gehört und Ansprü­che aus die­ser Tätig­keit nicht im Insol­venz­ver­fah­ren gel­tend gemacht wer­den kön­nen. Die Frei­ga­be ver­wirk­licht sich ohne die Not­wen­dig­keit zusätz­li­cher Erklä­run­gen mit dem Zugang der Frei­ga­be­er­klä­rung bei dem Schuld­ner [8]. Eine sol­che Frei­ga­be ist im Streit­fall von dem Ver­wal­ter gegen­über dem Insol­venz­schuld­ner abge­ge­ben wor­den.

Die Frei­ga­be von Ver­mö­gens­wer­ten durch den Ver­wal­ter (vgl. § 32 Abs. 3 Satz 1 InsO) bedeu­tet, dass der Insol­venz­be­schlag erlischt und der Schuld­ner die Ver­fü­gungs­be­fug­nis zurück­er­hält [9]. Die betrof­fe­nen Gegen­stän­de schei­den aus der Insol­venz­mas­se aus und unter­lie­gen eben­so wie das insol­venz­freie Ver­mö­gen [10] der Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­be­fug­nis des Schuld­ners [11].

Bei der Frei­ga­be der selb­stän­di­gen Tätig­keit des Schuld­ners knüpft § 35 Abs. 2 Satz 1 InsO klar­stel­lend an die all­ge­mei­ne Frei­ga­be­be­fug­nis des Insol­venz­ver­wal­ters an. Mit der Frei­ga­be­er­klä­rung ver­zich­tet der Ver­wal­ter end­gül­tig und unbe­dingt auf sei­ne Ver­wal­tungs- und Ver­fü­gungs­be­fug­nis hin­sicht­lich des Ver­mö­gens aus der selb­stän­di­gen Tätig­keit [12]. Infol­ge der Frei­ga­be fällt dar­um der Neu­erwerb des Schuld­ners aus der frei­be­ruf­li­chen Tätig­keit – anders als bei einer Fort­set­zung der selb­stän­di­gen Tätig­keit durch den Ver­wal­ter selbst [7] – nicht mehr in die Mas­se [13]. Die von dem Schuld­ner ab Wirk­sam­wer­den einer Frei­ga­be­er­klä­rung aus der selb­stän­di­gen Tätig­keit erziel­ten Ein­künf­te ste­hen dar­um als ihm gehö­ren­des Ver­mö­gen grund­sätz­lich nur den Gläu­bi­gern, deren For­de­run­gen erst nach der Frei­ga­be­er­klä­rung ent­stan­den sind, als Haf­tungs­mas­se zur Ver­fü­gung [14].

Soweit der Insol­venz­schuld­ner Inha­ber der aus sei­ner selb­stän­di­gen Tätig­keit als Kas­sen­arzt gegen die KV erwor­be­nen Ver­gü­tungs­an­sprü­che gewor­den ist, erweist sich die Vor­aus­ab­tre­tung die­ser For­de­run­gen an den Zes­sio­nar infol­ge Kon­va­les­zenz (§ 185 Abs. 2 Satz 1 Fall 2 BGB) als wirk­sam.

Nach die­ser Vor­schrift wird die Ver­fü­gung eines Nicht­be­rech­tig­ten wirk­sam, wenn der Ver­fü­gen­de den Gegen­stand erwirbt. In ent­spre­chen­der Anwen­dung die­ser Vor­schrift wird auch die Ver­fü­gung eines Berech­tig­ten (ex nunc) wirk­sam, wenn er ohne Ver­fü­gungs­macht gehan­delt hat und die­se nach­träg­lich wie­der­erlangt, wie dies gera­de in der Insol­venz des Schuld­ners zutref­fen kann. Des­halb ist aner­kannt, dass auch zunächst nach § 81 Abs. 1 Satz 1 InsO schwe­bend unwirk­sa­me Ver­fü­gun­gen des Schuld­ners ent­spre­chend § 185 Abs. 2 Satz 1 Fall 2 BGB wirk­sam wer­den kön­nen, wenn der Schuld­ner Berech­tig­ter geblie­ben und das Insol­venz­ver­fah­ren been­det ist [15].

Die im Rah­men des § 81 InsO all­ge­mein aner­kann­te Mög­lich­keit einer Kon­va­les­zenz nach Frei­ga­be des Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des durch den Ver­wal­ter [16] gilt glei­cher Wei­se bei Anwen­dung des hier maß­geb­li­chen § 91 InsO [17]. Die­ser Wür­di­gung liegt die Erkennt­nis zugrun­de, dass Ver­fü­gungs­be­schrän­kun­gen nicht gerecht­fer­tigt sind, sofern das insol­venz­freie Ver­mö­gen des Schuld­ners betrof­fen ist [18]. Danach ist die Vor­aus­ab­tre­tung der Ver­gü­tungs­for­de­run­gen durch den Insol­venz­schuld­ner an den Zes­sio­nar ab dem Zeit­punkt der Frei­ga­be sei­ner frei­be­ruf­li­chen Tätig­keit als gül­tig zu betrach­ten.

Infol­ge der Wirk­sam­keit der Vor­aus­ab­tre­tung wird zwar der Neu­erwerb des Schuld­ners ent­ge­gen der Inten­ti­on des Gesetz­ge­bers par­ti­ell dem Zugriff sei­ner Neugläu­bi­ger ent­zo­gen [19]. Dies ist aber hin­zu­neh­men, weil der Rege­lung des § 35 Abs. 2 Satz 1 InsO kei­ne § 185 BGB ver­drän­gen­de ding­li­che Wir­kung zukommt. Da eine nach Frei­ga­be der selb­stän­di­gen Tätig­keit erst­mals vor­ge­nom­me­ne Glo­bal­zes­si­on des Schuld­ners wirk­sam wäre, kann nicht miss­bil­ligt wer­den, dass eine frü­he­re gleich­ar­ti­ge Ver­fü­gung in Anwen­dung von § 185 Abs. 2 Satz 1 Fall 2 BGB Gül­tig­keit erlangt. Schließ­lich ist der Schuld­ner nicht gehin­dert, aus sei­nem insol­venz­frei­en Ver­mö­gen bestimm­te Gläu­bi­ger zu befrie­di­gen [20]. Dar­um kann er eben­so nach Frei­ga­be sei­ner frei­be­ruf­li­chen Tätig­keit erwor­be­ne Mit­tel dazu ver­wen­den, Ver­bind­lich­kei­ten bei sei­nen Alt­gläu­bi­gern zu til­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. April 2013 – IX ZR 165/​12

  1. BGH, Urteil vom 26.01.2012 – IX ZR 191/​10, WM 2012, 549 Rn. 29; vom 20.09.2012 – IX ZR 208/​11, WM 2012, 2292 Rn. 13[]
  2. BGH, Urteil vom 26.01.2012, aaO Rn. 31[]
  3. BGH, Urteil vom 20.09.2012, aaO Rn. 14[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 26.06.2008 – IX ZR 87/​07, WM 2008, 1460 Rn. 13[]
  5. BGH, Urteil vom 11.05.2006 – IX ZR 247/​03, BGHZ 167, 363 Rn. 7[]
  6. BGH, Urteil vom 11.05.2006, aaO Rn. 25; vom 20.10.2011 – IX ZR 10/​11, WM 2011, 2294 Rn. 9[]
  7. BGH, Beschluss vom 18.02.2010 – IX ZR 61/​09, WM 2010, 567 Rn. 2[][]
  8. BGH, Urteil vom 09.02.2012 – IX ZR 75/​11, BGHZ 192, 322 Rn.19[]
  9. BGH, Urteil vom 21.04.2005 – IX ZR 281/​03, BGHZ 163, 32, 35[]
  10. BGH, Urteil vom 14.01.2010 – IX ZR 93/​09, WM 2010, 523 Rn. 6[]
  11. BGH, Beschluss vom 12.02.2009 – IX ZB 112/​06, WM 2009, 807 Rn. 8; BT-Drucks 16/​3227, S. 17[]
  12. BT-Drucks., aaO[]
  13. LG Göt­tin­gen, ZIn­sO 2011, 1798 f; Hmb­Komm-InsO/Lüd­tke, 4. Aufl., § 35 Rn. 258; Uhlenbruck/​Hirte, InsO, 13. Aufl., § 35 Rn. 99; Ahrens in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2012, § 35 Rn. 159; Hol­zer in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, § 35 Rn. 114; Mey­er in Cranshaw/​Paulus/​Michel, Ban­ken­kom­men­tar zum Insol­venz­recht, 2. Aufl., § 35 Rn. 82; Ber­ger, ZIn­sO 2008, 1101, 1106[]
  14. BGH, Beschluss vom 09.06.2011 – IX ZB 175/​10, WM 2011, 1344 Rn. 11; BGH, Urteil vom 09.02.2012, aaO Rn. 28[]
  15. BGH, Urteil vom 19.01.2006 – IX ZR 232/​04, BGHZ 166, 74 Rn.20[]
  16. Münch­Komm-InsO/Ot­t/­Vuia, 2. Aufl., § 81 Rn. 18; HK-InsO/­Kay­ser, 6. Aufl., § 81 Rn. 27; Pie­ken­b­rock in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, aaO § 81 Rn. 17[]
  17. Jaeger/​Windel, InsO, § 91 Rn. 114; Hmb­Komm-InsO/­Ku­lei­sa, aaO § 91 Rn. 28 iVm § 81 Rn. 15[]
  18. BGH, Urteil vom 21.02.2008 – IX ZR 255/​06, WM 2008, 602 Rn. 10; HK-InsO/­Kay­ser, aaO § 91 Rn. 2[]
  19. vgl. BT-Drucks. 16/​3227, S. 17[]
  20. BGH, Urteil vom 14.01.2010 – IX ZR 93/​09, WM 2010, 523 Rn. 8 ff[]