Vor­fahrt – aber wie lan­ge?

Der Benut­zer einer bevor­rech­tig­ten Stra­ße ist gegen­über Ver­kehrs­teil­neh­mern, die auf einer ein­mün­den­den oder die Vor­fahrts­stra­ße kreu­zen­den nicht bevor­rech­tig­ten Stra­ße her­an­kom­men, so lan­ge vor­fahrts­be­rech­tigt, bis er die Vor­fahrts­stra­ße mit der gan­zen Län­ge sei­nes Fahr­zeugs ver­las­sen hat.

Vor­fahrt – aber wie lan­ge?

Damit besteht das Vor­fahrts­recht eines Bus­ses auch dann, wenn die­ser die als Fahr­bahn­be­gren­zung die­nen­de unter­bro­che­ne Linie über­fährt, um die Hal­te­stel­le zu errei­chen.

Gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 StVO 1 hat an Kreu­zun­gen und einer – hier vor­lie­gen­den – Ein­mün­dung Vor­fahrt, wer von rechts kommt. Das gilt nicht, wenn die Vor­fahrt – wie hier durch das Zei­chen 205 – beson­ders gere­gelt ist (§ 8 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 StVO). Wer die Vor­fahrt zu beach­ten hat, muss recht­zei­tig durch sein Fahr­ver­hal­ten, ins­be­son­de­re durch mäßi­ge Geschwin­dig­keit, erken­nen las­sen, dass er war­ten wird. Er darf nur wei­ter­fah­ren, wenn er über­se­hen kann, dass er den, der die Vor­fahrt hat, weder gefähr­det noch wesent­lich behin­dert (§ 8 Abs. 2 Satz 1, 2 StVO aF).

Die gesetz­li­che Vor­fahrts­re­ge­lung soll den zügi­gen Ver­kehr auf bevor­rech­tig­ten Stra­ßen gewähr­leis­ten und damit durch kla­re und siche­re Ver­kehrs­re­geln auch der Sicher­heit des Stra­ßen­ver­kehrs die­nen 2. Das Vor­fahrts­recht erstreckt sich auf die gesam­te Flä­che der Kreu­zung oder des Ein­mün­dungs­be­reichs. Der Vor­fahrts­be­reich wird bei recht­wink­lig ein­mün­den­den Stra­ßen und bei recht­wink­li­gen Stra­ßen­kreu­zun­gen von den Flucht­li­ni­en der Fahr­bah­nen bei­der Stra­ßen gebil­det. Bei einer trich­ter­för­mig erwei­ter­ten Ein­mün­dung erstreckt sich die Vor­fahrt nicht nur auf das durch die Flucht­li­nie der Fahr­bah­nen bei­der Sei­ten gebil­de­te Ein­mün­dungs­vier­eck, son­dern umfasst auch die gan­ze bis zu den End­punk­ten des Trich­ters erwei­ter­te bevor­rech­tig­te Fahr­bahn 3.

Nach die­ser Recht­spre­chung hat der Fah­rer, der dem Ver­lauf einer nach links abkni­cken­den Vor­fahrts­stra­ße nicht folgt, son­dern gera­de­aus wei­ter­fährt, in dem gesam­ten Kreu­zungs­be­reich die Vor­fahrt gegen­über dem von rechts kom­men­den Ver­kehr 4. Eine Mar­kie­rung des Ver­laufs des bevor­rech­tig­ten Stra­ßen­zugs auf der Kreu­zung durch eine rechts­sei­tig ver­lau­fen­de bogen­för­mi­ge unter­bro­che­ne wei­ße Linie ändert nichts am Umfang der Vor­fahrts­be­rech­ti­gung. Viel­mehr beschränkt sich die Bedeu­tung der Mar­kie­rung dar­auf, den Ver­kehrs­teil­neh­mern zur Erleich­te­rung der Ori­en­tie­rung den Ver­lauf des bevor­rech­tig­ten Stra­ßen­zu­ges anzu­zei­gen 5. Der Benut­zer einer bevor­rech­tig­ten Stra­ße ist gegen­über den Ver­kehrs­teil­neh­mern, die auf einer ein­mün­den­den oder die Vor­fahrts­stra­ße kreu­zen­den nicht bevor­rech­tig­ten Stra­ße her­an­kom­men, auch dann vor­fahrts­be­rech­tigt, wenn er in die­se Stra­ße ein­biegt, und zwar so lan­ge, bis er die Vor­fahrts­stra­ße mit der gan­zen Län­ge sei­nes Fahr­zeugs ver­las­sen hat 6. Es gibt kei­nen Über­gang der Vor­fahrt auf den War­te­pflich­ti­gen 7.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall die Kol­li­si­on zu einem Zeit­punkt erfolgt, als der dritt­wi­der­be­klag­te Bus­fah­rer vor­fahrts­be­rech­tigt und der Beklag­te zu 1 war­te­pflich­tig war. Der Bus näher­te sich unstrei­tig auf der vor­fahrts­be­rech­tig­ten Stra­ße und war im Begriff, die­se zu ver­las­sen, um die kurz hin­ter der Ein­mün­dung der nach­ge­ord­ne­ten Stra­ße befind­li­che Bus­hal­te­stel­le anzu­fah­ren. Er hat­te die Vor­fahrts­stra­ße zum Zeit­punkt der Kol­li­si­on noch nicht mit der gan­zen Län­ge ver­las­sen, viel­mehr befand sich der über­wie­gen­de Teil des Bus­ses noch auf die­ser. Dem­ge­mäß muss­te der Beklag­te zu 1 bei der Annä­he­rung an die Ein­mün­dung die Vor­fahrt des Bus­fah­rers beach­ten und durf­te die­sen weder gefähr­den noch wesent­lich behin­dern (§ 8 Abs. 2 Satz 1 und 2 StVO aF).

Bei die­ser Sach­la­ge ist es für den Bun­des­ge­richts­hof nicht zu bean­stan­den, auf Grund einer Abwä­gung gemäß § 17 Abs. 1 StVG eine vol­le Haf­tung der ande­ren, in den Bus gefah­re­nen Fahr­zeug­füh­rers anzu­neh­men und eine (Mit)Haftung der Hal­te­rin des Bus­ses zu ver­nei­nen. Eine Ersatz­pflicht des Bus­fah­rers ist man­gels Ver­schul­dens aus­ge­schlos­sen (§ 18 Abs. 1 Satz 2 StVG, § 823 BGB).

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­neint einen Sorg­falts­ver­stoß und mit­hin ein Ver­schul­den des Bus­fah­rers. Die­ser muss­te, um im nor­ma­len Fahr­ver­lauf ohne beson­ders star­ke Brems- oder Lenk­be­we­gun­gen die Hal­te­stel­le zu errei­chen, die unter­bro­che­ne Linie über­fah­ren. Er fuhr mit gerin­ger Geschwin­dig­keit. Auch wenn davon aus­zu­ge­hen ist, dass er das Fahr­zeug des Beklag­ten zu 1 wahr­ge­nom­men hat, durf­te er grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass der Fah­rer des ande­ren Fahr­zeugs recht­zei­tig anhal­ten wür­de. Die­ser hat selbst vor­ge­tra­gen, dass er im Begriff war anzu­hal­ten, und fuhr gemäß dem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten mit nur noch sehr gerin­ger Geschwin­dig­keit. Es lagen mit­hin kei­ne Umstän­de vor, auf­grund derer der Dritt­wi­der­be­klag­te hät­te erken­nen kön­nen und müs­sen, dass der Beklag­te zu 1 sein Vor­fahrts­recht miss­ach­ten wür­de. Ande­rer­seits war für den Fah­rer des ande­ren Fahr­zeugs zu erken­nen, dass sich der Bus näher­te und mög­li­cher­wei­se die Bus­hal­te­stel­le anfah­ren wür­de. Dies war für ihn bei der erfor­der­li­chen Auf­merk­sam­keit erkenn­bar, weil – wie bei trich­ter­för­mi­gen Ein­mün­dun­gen üblich – die Vor­fahrts­stra­ße in bei­de Rich­tun­gen deut­lich ein­seh­bar war.

Es ist für den Bun­des­ge­richts­hof auch nicht zu bean­stan­den, nur von einer ein­fa­chen Betriebs­ge­fahr des Bus­ses aus­zu­ge­hen. Zwar kön­nen – im Hin­blick auf die Wucht des Zusam­men­sto­ßes und die Schwe­re der Unfall­fol­gen – für die Betriebs­ge­fahr auch Fahr­zeug­grö­ße, Fahr­zeug­art oder Gewicht des Fahr­zeugs maß­ge­bend sein mit der Fol­ge, dass die Betriebs­ge­fahr der grö­ße­ren Mas­se in der Regel grö­ßer ist 8. Ein Umstand muss aber erwie­se­ner­ma­ßen ursäch­lich für den Scha­den gewor­den sein, sonst bleibt er außer Ansatz 9. Danach ist hier nur eine ein­fa­che Betriebs­ge­fahr zugrun­de zu legen. Zwar hat der Bus eine erheb­lich grö­ße­re Mas­se als der vom Beklag­ten zu 1 gefah­re­ne Pkw. Dies hat sich aber im Streit­fall nicht aus­ge­wirkt. Der Bus ist zum Zeit­punkt der Kol­li­si­on nur mit einer gerin­gen Geschwin­dig­keit gefah­ren. Nicht er, son­dern das ande­re Fahr­zeug ist in ihn hin­ein­ge­fah­ren. Dabei hat sich die Mas­se des Bus­ses, wel­che grund­sätz­lich zu einem län­ge­ren Brems­weg führt, nicht aus­ge­wirkt.

Unter die­sen Umstän­den ist für den Bun­des­ge­richts­hof eine vol­le Haf­tung des ande­ren Fahr­zeugs nicht zu bean­stan­den.

Die Ent­schei­dung über eine Haf­tungs­ver­tei­lung im Rah­men des § 254 BGB oder des § 17 StVG ist grund­sätz­lich Sache des Tatrich­ters und im Revi­si­ons­ver­fah­ren nur dar­auf zu über­prü­fen, ob alle in Betracht kom­men­den Umstän­de voll­stän­dig und rich­tig berück­sich­tigt und der Abwä­gung recht­lich zuläs­si­ge Erwä­gun­gen zugrun­de gelegt wor­den sind. Die Abwä­gung ist auf­grund aller fest­ge­stell­ten Umstän­de des Ein­zel­falls vor­zu­neh­men. In ers­ter Linie ist hier­bei nach stän­di­ger höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung das Maß der Ver­ur­sa­chung von Belang, in dem die Betei­lig­ten zur Scha­dens­ent­ste­hung bei­getra­gen haben; das bei­der­sei­ti­ge Ver­schul­den ist nur ein Fak­tor der Abwä­gung 10.

Bei der Bemes­sung der Haf­tungs­an­tei­le der nur nach § 7 Abs. 1 StVG haf­ten­den Klä­ge­rin einer­seits und der Beklag­ten ande­rer­seits durf­te das Gericht maß­geb­lich auf die schuld­haf­te Vor­fahrts­ver­let­zung des Fah­rers des ande­ren Fahr­zeugs abstel­len und – wie in einem sol­chen Fall regel­mä­ßig – die ein­fa­che Betriebs­ge­fahr des Bus­ses zurück­tre­ten las­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Mai 2014 – VI ZR 279/​13

  1. in der hier maß­geb­li­chen Fas­sung vom 22.03.1988[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 09.03.1971 – VI ZR 137/​69, BGHZ 56, 1, 4; BGH, Urtei­le vom 09.07.1965 – 4 StR 282/​65, BGHSt 20, 238, 240; vom 15.07.1986 – 4 StR 192/​86, BGHSt 34, 127, 130[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 16.11.1962 – VI ZR 19/​62, VersR 1963, 279; vom 09.03.1971 – VI ZR 137/​69, aaO, 4 ff.; vom 07.06.1983 – VI ZR 83/​81, VersR 1983, 837, 838; BGH, Urteil vom 09.07.1965 – 4 StR 282/​65, aaO mwN[]
  4. BGH, Urtei­le vom 09.03.1971 – VI ZR 137/​69, aaO; vom 07.06.1983 – VI ZR 83/​81, aaO[]
  5. BGH, Urteil vom 07.06.1983 – VI ZR 83/​81, aaO; OLGR Hamm 1996, 170, 171[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 07.01.1959 – 4 StR 313/​58, BGHSt 12, 320, 323; OLG Düs­sel­dorf, VersR 1966, 1056; König in Hentschel/​König/​Dau­er, Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 42. Aufl., § 8 StVO Rn. 29[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 05.06.1952 – 4 StR 18/​52, VRS 4, 429, 430; König in Hentschel/​König/​Dauer, aaO[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 10.03.1964 – VI ZR 43/​63, VersR 1964, 633, 634; BGH, Urteil vom 24.01.1966 – III ZR 111/​64, VersR 1966, 521, 522; König, aaO, § 17 StVG Rn. 6[]
  9. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.01.1995 – VI ZR 247/​94, VersR 1995, 357 f.; vom 21.11.2006 – VI ZR 115/​05, VersR 2007, 263 Rn. 15 mwN; König, aaO Rn. 5 f. mwN[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 13.12 2005 – VI ZR 68/​04, VersR 2006, 369 Rn. 16 mwN[]