Vor­pfän­dung eines Steu­er­erstat­tungs­an­spruchs

Die Vor­pfän­dung eines Steu­er­erstat­tungs­an­spruchs ist mit der vom Gerichts­voll­zie­her bewirk­ten Zustel­lung des die Vor­pfän­dung ent­hal­ten­den Schrei­bens im Sin­ne des § 46 Abs. 6 AO "erlas­sen". Auf den Zeit­punkt, zu dem das Schrei­ben dem Gerichts­voll­zie­her über­ge­ben wor­den ist, kommt es nicht an.

Vor­pfän­dung eines Steu­er­erstat­tungs­an­spruchs

Gemäß § 46 Abs. 6 AO darf ein Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss nicht erlas­sen wer­den, bevor der zu pfän­den­de Steu­er­erstat­tungs­an­spruch ent­stan­den ist. Ein ent­ge­gen die­sem Ver­bot erwirk­ter Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss ist nich­tig (§ 46 Abs. 6 Satz 2 AO). Ent­stan­den und pfänd­bar ist der Erstat­tungs­an­spruch aus einem Steu­er­schuld­ver­hält­nis (§ 37 Abs. 1 AO), wenn der Tat­be­stand ver­wirk­licht ist, an den das Gesetz die Leis­tungs­pflicht knüpft, § 38 AO. Die Ein­kom­mens­steu­er ist eine Jah­res­steu­er; Ver­an­la­gungs­zeit­raum ist das Kalen­der­jahr (§ 25 Abs. 1 EStG). Ent­spre­chen­des gilt für die Kir­chen­steu­er 1 und auch für die Ver­mö­gens­steu­er, § 20 Ver­mö­gens­steu­er­ge­setz. Die ent­spre­chen­den Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che ent­ste­hen dem­entspre­chend mit Ablauf des jewei­li­gen Ver­an­la­gungs­zeit­raums 2. Der Anspruch des Schuld­ners auf Lohn­steu­er­jah­res­aus­gleich ist folg­lich mit Ablauf des jewei­li­gen Jah­res ent­stan­den.

Auf Vor­pfän­dun­gen von Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­chen ist § 46 Abs. 6 AO ent­spre­chend anwend­bar 3. Denn die Vor­pfän­dung wirkt wie eine Beschlag­nah­me der betrof­fe­nen For­de­rung 4 und begrün­det den Rang des Pfän­dungs­pfand­rechts, das durch eine Pfän­dung inner­halb eines Monats seit Zustel­lung des vor­läu­fi­gen Zah­lungs­ver­bots ent­steht 5. Sie muss daher für ihre Wirk­sam­keit die glei­chen Anfor­de­run­gen erfül­len wie der Pfän­dungs- und Über­wei­sungs­be­schluss.

Es kommt danach dar­auf an, ob die Vor­pfän­dung im Sin­ne des § 46 Abs. 6 AO erst nach dem Jah­res­wech­sel "erlas­sen" wor­den ist. Mit zutref­fen­den Erwä­gun­gen und in Über­ein­stim­mung mit der Lite­ra­tur 6 ist dabei auf den Zeit­punkt der Zustel­lung durch den Gerichts­voll­zie­her abzu­stel­len.

Bei gericht­li­chen Pfän­dungs­be­schlüs­sen ist nicht der Zeit­punkt der Zustel­lung maß­ge­bend, son­dern der Zeit­punkt, zu dem der unter­schrie­be­ne Beschluss aus dem inter­nen Geschäfts­gang des Gerichts her­aus­ge­langt ist, das Gericht sich also des Beschlus­ses ent­äu­ßert hat 7. Ent­spre­chen­des gilt bei behörd­li­chen Pfän­dungs­ver­fü­gun­gen 8. Einer Vor­pfän­dung geht jedoch kei­ne der­ar­ti­ge hoheit­li­che Maß­nah­me vor­aus, so dass inso­weit kein geeig­ne­ter Anknüp­fungs­punkt besteht. Viel­mehr muss bei der ent­spre­chen­den Anwen­dung des § 46 Abs. 6 AO auf den Zeit­punkt abge­stellt wer­den, in dem die Vor­pfän­dung hoheit­li­che Wir­kung ent­fal­tet. Das ist der Zeit­punkt der Zustel­lung an den Dritt­schuld­ner, weil in die­sem Augen­blick die Wir­kung der Beschlag­nah­me ein­tritt.

Die Gegen­an­sicht meint dem­ge­gen­über, der rich­ti­ge Zeit­punkt sei die Über­ga­be des Vor­pfän­dungs­schrei­bens durch den Gläu­bi­ger an den Gerichts­voll­zie­her. Dem kann nicht gefolgt wer­den, weil die­se Über­ga­be nicht mit einer hoheit­li­chen Maß­nah­me ver­gleich­bar ist, wie sie ein Pfän­dungs­be­schluss oder eine Pfän­dungs­ver­fü­gung dar­stel­len.

Die­se Aus­le­gung steht mit Sinn und Zweck des § 46 Abs. 6 AO im Ein­klang und trägt zudem dazu bei, eine Benach­tei­li­gung des Pfän­dungs­gläu­bi­gers gegen­über dem Zes­sio­nar zu ver­hin­dern 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Novem­ber 2011 – VII ZB 55/​10

  1. Stö­ber, For­de­rungs­pfän­dung, 15. Aufl., Rn. 391[]
  2. BFH, BFHE 161, 412, 414; OLG Koblenz, ZVI 2004, 614[]
  3. Stö­ber, For­de­rungs­pfän­dung, aaO, Rn. 371; Münch­Komm-ZPO/S­mid, 3. Aufl., § 829 Rn. 15; Stein/​Jonas/​Brehm, ZPO, 22. Aufl., § 829 Rn. 9[]
  4. BGH, Urteil vom 30.03.1983 – VIII ZR 7/​82, BGHZ 87, 166, 168[]
  5. § 845 Abs. 2 i.V.m. §§ 804, 930 Abs. 1 ZPO; BGH, Urteil vom 08.05.2001 – IX ZR 9/​99, NJW 2001, 2976[]
  6. vgl. Stö­ber, For­de­rungs­pfän­dung, aaO, Rn. 371; Stein/​Jonas/​Brehm, aaO, § 829 Rn. 9; Musielak/​Becker, ZPO, 8. Aufl., § 829 Rn. 28; Zöller/​Stöber, ZPO, 28. Aufl., § 845 Rn. 2; Boeker in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, Abgabenordnung/​Finanzgerichtsordnung, 10. Aufl., § 46 AO Rn. 114; Buciek, DB 1985, 1428, 1432[]
  7. BGH, Urteil vom 19.10.2005 – VIII ZR 217/​04, BGHZ 164, 347, 354[]
  8. vgl. BFH, BFHE 161, 412, 416[]
  9. vgl. auch Buciek, DB 1985, 1428[]